Ministrieren bis zum Umfallen
Warum Herbert Brettschneider mit 93 als Messdiener aufhören musste

Ministrieren bis zum Umfallen

Als er erstmals seinen Altardienst verrichtete, war er acht Jahre alt. Heute machen seine Beine nicht mehr mit. Doch wenn er könnte, würde Herbert Brettschneider mit 93 Jahren noch immer am Altar stehen.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 02.04.2018

Er ist wahrscheinlich der dienstälteste Ministrant Deutschlands: Herbert Brettschneider ist 93 Jahre alt und ministriert seit über 80 Jahren in St. Maria Magdalena in Prenzlau in der Uckermark. Doch seit seinem letzten Schwächeanfall hat er sich selbst ein Verbot auferlegt. Mit katholisch.de hat er darüber gesprochen.

Frage: Herr Brettschneider, Sie haben aufgehört zu ministrieren?

Brettschneider: Ja, der Pfarrer würde es zwar noch gerne sehen, dass ich weitermache, aber ich finde, man muss auch mal aufhören können. Jetzt bin ich 93 Jahre alt und habe bis vor einem Jahr noch ministriert. Ich bin noch sehr gesund, aber seit meinem letzten Schwächeanfall habe ich mir gesagt: Nun ist es gut, jetzt hörst du auf und gehst nicht mehr rauf zum Altar.

Frage: Was ist denn passiert?

Brettschneider: Ich bin am Altar umgekippt. Die Stufen sind einfach zu hoch für mich, beim Hinaufsteigen wurde mir plötzlich schwindelig und dann war ich weg. Als ich wieder aufgewacht bin, habe ich zum Herrgott gesagt: "Ich komme gerne, aber bitte nicht in der Kirche." Zweimal ist mir das nun schon passiert. Das letzte Mal bin ich sogar vor der Kirchentüre umgefallen. Ich konnte zwar selbst wieder aufstehen, aber nun muss ich besser auf mich aufpassen. Meine Beine machen nicht mehr mit. Deshalb sitze ich sonntags nun immer in der Kirchenbank. Am liebsten ganz in der Nähe vom Tabernakel. Auf diese Weise kann ich dem Herrgott ganz nahe sein. Ich war lange genug ein kleiner Diener am Altar.

Frage: Wann haben Sie denn begonnen zu ministrieren?

Brettschneider: Mit acht Jahren habe ich angefangen beim Altar zu stehen, obwohl ich erst mit zehn Jahren zur Erstkommunion gekommen bin. Aber mein Pfarrer hat gemerkt, dass ich eine besondere Liebe zur Kirche habe und hat mir erlaubt, dass ich schon früher damit anfange. Er hat mich immer dazu ermuntert, zu üben. Anfangs musste ich nur meine Hände falten und die Kerzen tragen. Ich hatte auch immer einen Rosenkranz in der Messe dabei, weil man von der lateinischen Messe wenig verstanden hat. Heute ist es besser, wenn man in der eigenen Sprache beten kann, dann ist man mit Herz und Seele beim Gottesdienst dabei.

Frage: Welche Dienste haben Sie denn bei der Alten Messe übernommen?  

Brettschneider: Wir waren etwa 16 Ministranten und haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Ich musste oft die Bücher tragen, Brot und Wein zum Altar bringen oder die silberne Kommunionpatene unter das Kinn der Gläubigen zu halten, um eventuell herabfallende Krümelchen aufzufangen. Manchmal ist auch etwas hinuntergefallen, aber ich denke mir, der Herrgott verzeiht einem das. Ich sehe bis heute in jeder kleinen Hostie meinen Herrn Jesus Christus. Bis heute knie ich beim Empfang der Mundkommunion. Ich falte auch gerne meine Hände dabei. Ich bin froh, dass ich das noch kann. Mein ganzes Leben lang habe ich das so gemacht. So fühle ich mich dem Herrgott ganz verbunden.

Herbert Brettschneider (93) (links im Bild) bei der Segnung eines Marienbilds mit Pfarrer Wolfgang Menze (Bildmitte) und dem Gottesdienstbeuaftragten Gottesdienstbeauftragter Karl-Heinz Pinkert (rechts im Bild) in Prenzlau.

Frage: Sie sind ein sehr gläubiger Mensch, oder?

Brettschneider: Ja, mit meinem Glauben marschiere ich schon eine ganze Weile durch die Welt. Ich wurde am 2. August 1924 in der Uckermark im nördlichen Brandenburg geboren. Meine Familie war sehr religiös. Wir fünf Geschwister und meine Eltern haben uns jeden Abend vor dem Kreuz hingekniet und zusammen gebetet. Das war eintrainiert. Ich konnte weder lesen noch schreiben, aber ein Gebet konnte ich auswendig. Es lautet so: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als du mein liebes Jesulein".

Frage: Sie haben auch den Krieg erlebt…

Brettschneider: Der Glaube gehörte fest zu meinem Leben dazu. Ich habe bis ich 17 Jahre alt wurde ministriert. Dann wurde ich 1942 in den Kriegsdienst nach Frankreich einberufen. Später kämpfte ich dann in Russland an der Front. Danach war ich bis 1949 in russischer Gefangenschaft, kam aber mit einer Kopfverletzung davon. Noch heute bin ich dem Herrgott sehr dankbar dafür. Wie oft habe ich im Krieg still und heimlich so für mich gebetet. Schon damals wusste ich, dass ich unter Gottes besonderem Schutz stehe.

Frage: Wollten Sie dann Priester werden?

Brettschneider: Darüber nachgedacht habe ich schon. Aber dann habe ich mich in meine Edith verliebt und wir haben 1954 geheiratet und später drei Kinder bekommen. Sie ist leider vor vier Jahren verstorben. Die  Idee mit dem Ständigen Diakonat gab es damals schon. Aber ich war Familienvater und Großhandelskaufmann für Textilwaren und habe ein großes Kaufhaus in Neubrandenburg geleitet, diese große Aufgabe kam daher für mich nicht in Frage. Allerdings habe ich die Ausbildung zum Diakonatshelfer gemacht. 1965 wurde ich von Kardinal Alfred Bengsch und Weihbischof Heinrich Theissing dazu in Berlin ausgebildet und durfte danach Wortgottesfeiern halten. Mit so einer Herzenslust habe ich diesen Dienst erfüllt. Es gab damals so viele Außenstationen unserer Kirchengemeinde in den Dörfern in Prenzlau, da konnte unsere Pfarrer nicht überall sonntags eine Messe halten. Er hat uns also eine Textvorlage in die Hand gedrückt, das Evangelium, ein paar fromme Worte für die Predigt und die heilige Kommunion und uns in die Dörfer Carmzow, Fürstenwerder oder Groß Sperrenwalde geschickt. Wir waren damals 30 bis 40 ausgebildete Diakonatshelfer im Bistum, die diesen Dienst übernommen haben. Schon damals gab es einen Priestermangel. Für mich war das ein sehr schöner Dienst. Bis 2009 habe ich das gemacht. Dann war Schluss, denn die Landstationen wurden aufgelöst.   

Herbert Brettschneider (93) beim Auszug aus der Kirche in St. Maria Magdalena Prenzlau im Jahr 2012 bei einem Priesterjubiläum.

Frage: Und irgendwann haben Sie auch wieder angefangen zu ministrieren?

Brettschneider: Ja, nachdem ich bemerkt hatte, dass im Gottesdienst bei uns in Prenzlau keine Ministranten mehr waren, fing ich wieder an. Damals war ich schon über 40 Jahre alt. Der Pfarrer war froh, dass wieder einer da war. Schließlich ist das auch ein Ehrenamt, das man übernimmt. Am Altar fühle ich mich einfach wohl, da bin ich dem lieben Gott ganz nah.

Frage: Gibt es in Ihrer Gemeinde heute genügend Ministranten?

Brettschneider: Kaum noch, das ist ja das Schreckliche. Am Palmsonntag war nur eine Ministrantin im Gottesdienst. Ist das nicht bitter? Für mich war das immer ein Ehrendienst. Ich überlege oft, woran das liegt. Keine Zeit, höre ich oft. Ich denke, wir lösen uns als Kirche langsam auf. Überall werden Kirchengemeinden zusammengelegt, so kann es doch nicht weitergehen. Ich freue mich aber immer sehr, wenn ich im Fernsehgottesdienst viele Ministrantinnen und Ministranten sehe. Es ist doch so ein wichtiger Dienst!

Keiner hat es geschafft, so lange zu ministrieren wie ich. Ich habe ministriert, bis ich umgefallen bin. Ich war immer ein Beter und Helfer, mehr nicht. Darüber bin ich glücklich.

Zitat: Herbert Brettschneider (93)

Frage: Was wünschen Sie sich?

Brettschneider: Mehr Ministranten! Und ich wünsche mir, dass die Ministranten auch mehr auf ihre Eltern hören und mehr miteinander in die Kirche gehen. In meiner Familie war das so. Einmal in der Woche mussten meine vier Geschwister und ich in die heilige Messe. Mein Vater hat sehr darunter gelitten, wenn ich einmal nicht in der Messe war. Aber ab und zu wollte ich auch in den Segelverein gehen. Ich habe mein Versäumnis dann immer unter der Woche nachgeholt. Heute hat es scheinbar keiner mehr nötig, in die Kirche zu gehen und die Hände dabei zu falten. Wir haben auch zu wenige Priester. Ich bin froh, dass meine Kinder religiös geblieben sind und auch ministriert haben, so wie es heute meine Enkelin und mein Enkel tun. Aber keiner hat es geschafft, so lange zu ministrieren wie ich. Ich habe ministriert, bis ich umgefallen bin. Ich war immer ein Beter und Helfer, mehr nicht. Darüber bin ich glücklich.

Frage: Möchten Sie 100 Jahre alt werden?

Brettschneider: Das bestimme nicht ich, ich werde so alt, wie der Herrgott mich werden lässt. Ich sehe jeden Tag als ein Geschenk an und wenn man das so sehen kann, benimmt man sich automatisch anders. Solange ich noch jeden Sonntag mit meinem Elektromobil in den Gottesdienst fahren kann, bin ich glücklich. Ich fühle mich da so geborgen. Wenn ich in die Kirche komme, laufe ich immer zuerst zur Muttergottesstatue nach vorne und begrüße sie mit einem Gebet. Dann gibt’s ein paar Groschen in den Opferstock und ich zünde eine Kerze an. Ich setze mich dann in die Bank und begrüße den Herrgott. Das dauert dann etwas länger. Ach, seien Sie unbesorgt, es gibt nichts Schöneres als bei meinem Gott einmal für immer zu landen. Ich rate Ihnen nur: Nehmen sie Gott in Ihr Herzchen mit, dann geschehen Wunder. Anders kann es nicht gehen. So, jetzt aber: Amen.

Von Madeleine Spendier

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