Missbrauchsopfer: Kirchen fehlt Aufklärungswille
Offener Brief an Bischöfe beider Kirchen und Gemeinden in Deutschland

Missbrauchsopfer: Kirchen fehlt Aufklärungswille

Missbrauchsopfer haben sich in einem Offenen Brief an die Bischöfe und Gemeinden der Kirchen in Deutschland gewandt. Sie beklagen: Noch immer sei der Selbstschutz-Reflex stärker als die Unterstützung der Opfer.

Bonn - 03.09.2018

Opfer von sexuellem Missbrauch werfen den beiden großen Kirchen in Deutschland mangelnden Willen zur Aufklärung der Fälle vor. Die Betroffenen seien auch in Deutschland immer noch "Bittsteller, die abgewehrt und mit heimlichen Zahlungen abgespeist werden, damit die Geschehnisse anschließend wieder mit dem Mantel des Schweigens verhüllt werden können", heißt es in einem Offenen Brief von Missbrauchsopfern, der am Montag verbreitet wurde. "Schöne Worte, 'Scham und Trauer' oder päpstliche Briefe helfen nicht weiter". Nötig sei "die aktive und proaktive Mitarbeit der Gemeinden und aktuellen Priester, Diakone und engagierten Laien", so das Schreiben.

Die Unterzeichner fordern eine zentrale und öffentliche Dokumentation von Missbrauchsfällen sowie die Einsetzung unabhängiger Kommissionen zu deren Aufarbeitung. Die Kirchengemeinden müssten Missbrauchsfälle auf ihrer Internetseite veröffentlichen, zusammen mit den Kontaktdaten einer unabhängigen Stelle, an die sich weitere Opfer wenden könnten. Zudem müssten die bereits anerkannten Opfer im Beisein von unabhängigen Mediatoren erneut gehört werden.

Opfer fordern "angemessene Entschädigungen"

Initiatoren des Offenen Briefes "an die Bischöfe beider christlicher Kirchen, Gemeinden, Presse und Öffentlichkeit" sind insgesamt 18 Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen und evangelischen Kirche sowie Mitglieder von Betroffenen-Initiativen, unter anderem auch des "Eckigen Tischs". Das Schreiben wird damit begründet, dass es nicht nur in "Pennsylvania, Chile oder Irland, sondern auch in Deutschland" an Unterstützung mangele. Als Beispiel nennen die Betroffenen das öffentliche Hearing "Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs", das Ende Juni stattgefunden hatte.

Die Missbrauchsopfer beklagen, dass die bisherigen "Prozesse" eher den Betroffenen als den Tätern gemacht worden seien. Das müsse man als "kollektive Retraumatisierung und sekundäre Viktimisierung der Opfer bezeichnen". Sie fordern "angemessene Entschädigungen" sowie "konkrete Angebote der Unterstützung". Der Offene Brief mahnt auch Hilfe für die Mitglieder von Gemeinden an, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Sie bräuchten seelsorgerische Unterstützung und Hilfe von außen, "um die Tatsache zu verarbeiten, dass ihre Spiritualität von einem Kindes-Missbraucher ebenfalls missbraucht wurde". (tja)