Bischof Gerhard Feige

Mit Herz und Verstand

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige ist neuer Vorsitzender der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview erläuterte er in Fulda, welche Ziele er in diesem Amt verfolgt und wie Deutschlands Katholiken sich zum 500-Jahr-Gedenken der Reformation verhalten wollen.

Fulda - 01.10.2012

Frage: Herr Bischof, als katholischer Bischof aus einem Kernland der Reformation sind Sie künftig für Ökumenefragen der Bischofskonferenz zuständig. Das passt doch, oder?

Feige: Die Wahl freut mich, aber sie ist auch eine große Herausforderung. Mir ist da schon ein wenig bange. Mut macht mir, dass ich schon lange auf "ökumenischer Spur" bin und dass wir in Sachsen-Anhalt sehr gute Erfahrungen in der Ökumene gemacht haben.

Frage: Eine der wichtigsten Aufgaben ist die katholische Beteiligung am 500-Jahrgedenken der Reformation 2017. Sehen Sie die katholische Kirche da angemessen eingebunden?

Feige: Es gibt auf wissenschaftlicher Ebene einige Projekte: etwa eine gemeinsame wissenschaftliche Kommentierung von Luthers 95 Ablassthesen oder den Versuch, das Reformationsgeschehen gemeinsam aus katholischer und evangelischer Sicht zu deuten. Auch einige Veranstaltungen sind geplant, zum Beispiel ein katholisches Symposium zu Luther und der Reformation 2014 in Erfurt. Was noch fehlt, sind konkrete Ideen auf Ebene der Kirchen in Deutschland. Die evangelische Kirche hat uns zwar eingeladen, uns an den Gedenkveranstaltungen zu beteiligen. Aber Konkretes gibt es noch nicht. Da warten wir noch auf Vorschläge.

Frage: Sie haben 2008 vor einer "Jubel- und Profilierungsfeier des Protestantismus mit antikatholischen Spitzen" gewarnt. Sollte die evangelische Kirche das Ereignis nicht lieber allein feiern?

Feige: Für die katholische Kirche ist das Reformationsereignis kein Jubiläum, das man feiern kann. Da gibt es dann doch sehr unterschiedliche Grundstimmungen und Sichtweisen. Andererseits kann die evangelische Kirche dieses Ereignis in der heutigen Zeit auch nicht mehr im Sinn einer Abgrenzung begehen, wie das bei zurückliegenden Jubiläen geschehen ist. Wir erkennen inzwischen viel zu viele Gemeinsamkeiten und auch gemeinsame Interessen und Ziele.

Frage: An welche denken Sie da besonders?

Feige: Ökumene ist nichts Nebensächliches und darf für uns kein Unwort oder Fremdwort sein. Die Einheit der Christen ist ein Auftrag Jesu. Das gilt um so stärker in Regionen wie in Ostdeutschland, wo manchmal 80 Prozent der Leute konfessionslos sind.

Nationalsozialismus und SED-Regime haben dafür gesorgt, dass die Christen näher zusammengerückt sind. Jetzt geht es darum, in einer weithin religionsfremden Gesellschaft gemeinsam das Evangelium zu verbreiten. Die Kirchen sind nicht für sich selbst da, sondern für die Menschen. Der Papst hat bei seinem Besuch in Erfurt den Gottsucher Martin Luther gewürdigt. Das kann für uns eine wichtige Verbindung beim Reformationsgedenken werden.

Frage: Die christlichen Politiker, die den Aufruf "Ökumene jetzt" unterzeichnet haben, sagen, dass die wissenschaftlichen Grundlagen für eine Einheit von Katholiken und Protestanten schon lange geschaffen sind. Man müsse sie nur umsetzen...

Feige: Ich freue mich über alle, die sich leidenschaftlich für die Ökumene einsetzen. Aber da machen es sich die Unterzeichner zu einfach. Genau so gut könnte ich von der Politik fordern, dass sie sofort eine gerechte Gesellschaft schafft, weil alle Erkenntnisse vorliegen. Ich warne da vor Illusionen. Wir müssen die Ökumene auf allen Ebenen voranbringen, mit Herz und Verstand: an der Basis, bei den Kirchenleitungen und in der Wissenschaft. Die theologische Aufarbeitung ist wichtig und wesentlich. Aber die dort gewonnenen Erkenntnisse müssen sich auch in den Köpfen der Menschen durchsetzen. Das ist ein langer Prozess. Zudem spielen sogenannte nicht-theologische Faktoren oftmals noch eine viel größere Rolle, zum Beispiel: Wie geht eine Mehrheit mit einer Minderheit um?

Frage: Menschen, die etwa in konfessionsverbindenden Ehen leben, wollen aber vielleicht nicht so lange warten...

Feige: In Ostdeutschland sind wir inzwischen viel häufiger mit Ehen zwischen Katholiken und Konfessionslosen oder Protestanten und Konfessionslosen konfrontiert. Das schmälert die Sorgen der gemischt-konfessionellen Eheleute nicht. Aber es zeigt, wie sehr sich die Bedingungen verändern. Ohne Zweifel müssen wir uns der Problematik solcher Familien noch mehr stellen.

Frage: Sie sind auch Experte für die Ökumene mit den orthodoxen Kirchen. Warum stockt dort der Dialog?

Feige: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es große Irritationen, weil vor allem in der Ukraine, aber auch in Rumänien, die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche wiedererstand und auch die römisch-katholische Kirche in Russland eine neue Struktur mit eigenen Bischöfen bekam. Mit dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI. hat sich das ökumenische Klima jedoch wieder verbessert. Aber nach wie vor sind die Mentalitäten in Ost und West und die geschichtlich gewachsenen Traditionen sehr unterschiedlich. Im katholisch-orthodoxen Dialog stellt der Primat des Papstes ein wesentliches Problem dar. Dazu kommen innerorthodoxe Spannungen.

Insgesamt haben sich die Beziehungen aber sehr erfreulich entwickelt. Vor allem möchte ich betonen, dass wir in der Bundesrepublik eine sehr gute Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen haben.

Das Interview führte Christoph Arens