Trappistenbier Westvleteren
Warum für Westvleteren XII. Mondpreise aufgerufen werden

Mönche wollen Zwischenhandel beim "besten Bier der Welt" vorbeugen

Seit Jahren sind die Trappisten von Westvleteren umlagert von Bier-Fans aus der ganzen Welt. Zuletzt wurden sie gar von einem Supermarkt übers Ohr gehauen. Ihr Gerechtigkeitssinn treibt die Mönche nun ins Online-Shopping.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Brüssel - 23.06.2019

Einige Fakten vorab: Der Trappistenorden wurzelt im frühen 12. Jahrhundert; seine Hauptaufgaben sind Gebet und Arbeit. Eine Frucht der Arbeit der Trappisten im belgischen Westvleteren ist das anerkannt beste Bier der Welt. Und ein Faktum, das darauf unweigerlich folgt: Die Welt des 21. Jahrhunderts rennt ihnen die Bude ein. Nun wagen die Mönche die Flucht nach vorn - ins Online-Shopping.

Trappisten sind die strengeren Nachkommen der Zisterzienser; jenes Ordens, der mit seinem weltabgewandten Arbeitsethos weite Teile Europas rodete und für die landwirtschaftliche Nutzung erschloss. Traditionell kam ihr Ertrag aus der arbeitsteiligen Gewinnung von Land, von Agrarprodukten und Fischerei. Als Teil der benediktinischen Familie gehörten dazu auch stets Weinbau und Brauereiwesen - auch wenn der Ordensvater Bernhard von Clairvaux, ein echter Asket vor dem Herrn, kulinarische Genüsse stets vehement zurückwies.

Der Craft-Bier-Trend sorgt für den Aufschwung

Aber das 21. Jahrhundert macht seine eigenen Stars. Und auch wenn belgische Biere bei Puristen des deutschen Reinheitsgebotes bis in die jüngere Vergangenheit stets als Panscherei abgelehnt wurde: Spätestens der internationale Trend der sogenannten Craft-Biere hat die einstige deutsche Hopfen-und-Malz-Langeweile überrollt. Individuelle Handwerkskunst gibt nun den Ton an; mit Bier-Sommeliers und Beer Tastings.

Belgien hat dabei seinen ganz speziellen Zugang zur Braukunst, inspiriert durch das Verbot hochprozentigen Alkohols im Zuge des Ersten Weltkriegs. Das gilt besonders für die belgischen Orden. Nicht umsonst kommen acht der zwölf authentischen Trappistenbiere aus Belgien oder dem Grenzgebiet der Niederlande.

In der Trappistenabtei Sankt Sixtus in Westvleteren hat man drei Stärken im Angebot - die man landläufig als normal, ziemlich stark und entwaffnend qualifizieren würde. Letztere, "Westvleteren XII" mit 12 Prozent Stammwürze und gut 10 Prozent Alkohol, rockte in den vergangenen Jahrzehnten die internationalen Bierbörsen. Wiederholt wurde "Westvleteren XII" mit dem Nachdruck wachsender medialer Öffentlichkeit zum "besten Bier der Welt" gekürt.

Die weltabgewandten 19 Mönche von Sankt Sixtus wurden von diesem weltlichen Erfolg regelrecht überrollt. Der exponentiell wachsenden Nachfrage begegneten sie standesgemäß: mit Beschränkung und Maßhalten. Jeder Bewerber kann - allerhöchstens zweimonatlich - eine handelsübliche Menge erhalten. Nur nach telefonischer Vorbestellung dürfen zwei Kisten persönlich mit dem Auto abgeholt werden; von privat zu einem fest genannten Termin und zum sehr moderaten Festpreis. Punkt.

Als die Trappisten ihre eigene Regel brachen

Das funktionierte über viele Jahre. Doch irgendwann brach der Damm. Womöglich war es genau jene Aktion, mit der die Trappisten von Westvleteren ihre eigenen Regeln brachen. Die Abteigebäude brauchten neue Dächer. Und so entschieden sich die Mönche, ein einziges Mal eine kommerzielle Ausnahme zu machen. Der reguläre Ausstoß wurde vergrößert und über Zeitungscoupons in einer einzigen belgischen Supermarktkette ausgegeben. Das Ergebnis: Die beiden betreffenden Zeitungen waren landesweit binnen einer Stunde ausverkauft; die Supermarktfilialen wurden buchstäblich überrannt.

Seither wurden in Übersee Mondpreise aufgerufen, in westeuropäischen Lokalen immerhin rund 15 Euro für eine Viertelliterflasche der Spezialität. Die Mönche von Westvleteren werden seit ihrem Sündenfall oft an die Büchse der Pandora gedacht haben. Doch leider kam es noch schlimmer. Zuletzt mussten sie feststellen, dass ihr Produkt in einem niederländischen Supermarkt - ohne jede Absprache - zum Fünffachen des privaten Abgabepreises angeboten wurde.

Ein ehrliches Handwerksprodukt, im Sinne des Ordens als "Fastenspeise" für kalte Spätwintertage gemeint, gerät in die Mühlen des Kapitalismus, der den Regeln von Angebot und Nachfrage folgt. Die Mönche von Westvleteren reagieren mit einem Modernitätsschub: Fortan darf man auch per Online-Formular bestellen. Ob das widerrechtlichen Weiterverkäufen tatsächlich vorbeugen kann?

Von Alexander Brüggemann (KNA)