Nicht auf Annullierungen fixieren
Mainzer Theologe fordert neue Möglichkeiten der Aussöhnung für Wiederverheiratete

Nicht auf Annullierungen fixieren

In der Debatte um einen anderen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen lehnt der Mainzer Pastoraltheologe Peter Kohlgraf eine Fixierung auf einfachere Eheannullierungen ab. Stattdessen fordert er, neue Wege der Aussöhnung zu suchen.

Freiburg - 29.07.2015

Nicht zuletzt Papst Franziskus hatte mehrfach angekündigt, Eheannullierungen vereinfachen zu wollen. Kohlgraf forderte von seiner Kirche "ein Nachdenken darüber, wie auch Menschen, die nicht (mehr) dem Ideal entsprechen, eine Aussöhnung mit der Vergangenheit, mit Gott und der Kirche" ermöglicht werden könne. "Kann es Sinn eines Sakraments sein, im Ernstfall als Gefängnis empfunden zu werden, das selbst, wenn man aus der belastenden Beziehung aussteigt, keinen zufriedenstellenden Neuanfang ermöglicht?"

Eine Beschäftigung mit der Lebensrealität der Menschen gehöre "wesentlich zur Aufgabe der Kirche, möglicherweise mehr als das Beharren auf Prinzipien allein", fügte der Theologe hinzu. Nur das Ideal zu wiederholen, löse noch kein Problem, ebenso wenig ein Aufgeben des Ideals. Grundsätzlich führe die "rabiate Gegenüberstellung von gültiger Ehe und sündhaften Verhältnissen" in der Pastoral zu keiner Lösung aus dem Dilemma, kritisierte Kohlgraf.

Der Theologe forderte eine stärkere Besinnung auf Hilfestellungen für Partnerschaften. Zusätzlich zur Ehevorbereitung müsse es dauerhafte beratende Angebote auch nach der Eheschließung geben. "Manche Frage oder Thematik taucht erst später in der Partnerschaft auf."

Die Kirche müsse zurückhaltender von Schuld reden

Kirchliches Reden über Partnerschaft, Ehe und Sakramentalität müsse zudem mehr von Ermutigung und Stärkung, Anerkennung von Sehnsüchten und Kompetenzen, die Menschen mitbringen, geprägt sein. Die Kirche müsse zurückhaltender von Schuld reden und dabei von der Konzentration auf die sexuelle Praxis abgehen.

Kohlgraf wandte sich auch gegen das Argument, die Kirche dürfe ihre Lehre nicht ändern. "Denn in den verschiedenen Kulturen hat die Kirche nicht nur die äußere Form der Theologie verändert, sondern mit unterschiedlichen Sprachen und Denkweisen veränderte sich auch die Theologie selbst", sagte er. Natürlich habe die Kirche mit dem Evangelium und der lebendigen Tradition Maßstäbe im Gepäck. Auch die sich verändernde Realität sei aber eine mögliche Quelle für Gotteserkenntnis und die Freisetzung neuer Perspektiven des Glaubens. (KNA)