Nicht der ganz große Schritt
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Papst geht mit neuem Schreiben aber weiter auf Piusbrüder zu

Nicht der ganz große Schritt

Das Schreiben "Misericordia et misera" bildet den Abschluss des Heiligen Jahres. Verkündet der Papst darin die Einigung zwischen Vatikan und Piusbrüdern? Nicht so ganz. Aber er geht weiter auf sie zu.

Von Björn Odendahl |  Vatikanstadt - 21.11.2016

Papst Franziskus ist einen weiteren Schritt auf die Piusbrüder zugegangen - allerdings keinen so großen, wie zum Teil erwartet. In seinem am Montag veröffentlichten Apostolischen Schreiben "Misericordia et misera" erteilte er Katholiken die Erlaubnis, auch künftig die Beichte bei Priestern der traditionalistischen Bruderschaft zu empfangen. Bisher war dieses Zugeständnis auf die Dauer des Heiligen Jahres begrenzt.

Am 1. September des vergangenen Jahres hatte Franziskus in einem Brief an die Gläubigen die Bedingungen festgelegt, unter denen im Jahr der Barmherzigkeit ein Ablass erlangt werden könne. Dabei ging es auch um die schwierige pastorale Situation von Katholiken, die ihre Sakramente bei den Piusbrüdern empfangen. Denn bis dahin war das von den Piusbrüdern gespendete Sakrament der Buße kirchenrechtlich ungültig und unerlaubt, also illegal und unwirksam. Das habe bei den Gläubigen für "Unbehagen" gesorgt, hieß es damals.

Für das pastorale Wohl der Gläubigen

Nun schreibt der Papst: "Für das pastorale Wohl dieser Gläubigen und im Vertrauen auf den guten Willen ihrer Priester, dass mit der Hilfe Gottes die volle Gemeinschaft in der katholischen Kirche wiedererlangt werden kann, setze ich aus eigenem Entschluss fest, diese Vollmacht über den Zeitraum des Jubeljahres hinaus auszudehnen, bis diesbezüglich neue Verfügungen ergehen. So möge keinem das sakramentale Zeichen der Versöhnung durch die Vergebung der Kirche je fehlen."

Bischof Bernard Fellay, Generaloberer der Priesterbruderschaft Sankt Pius X.
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Bischof Bernard Fellay, Generaloberer der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., hatte selbst die Grüchte über die Errichtung einer sogenannten Personalprälatur genährt.

Auf die anderen Sakramente ging der Papst nicht ein. Auch eine sogenannte Personalprälatur - und damit eine institutionelle Rechtsform innerhalb der Kirche - werden die Piusbrüder nicht. Mehrere konservative und traditionalistische Blogs hatten in den vergangenen Tagen darüber spekuliert. Der Generalobere der Piusbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, hatte die Gerüchte im September selbst angeheizt. Damals kündigte er an, dass es in naher Zukunft "so etwas wie eine 'Superdiözese', unabhängig von den Ortsbischöfen" geben könne. Demnach solle die Prälatur von einem Bischof geleitet werden, den der Papst - ähnlich wie bei der Ernennung von Diözesanbischöfen - aus einer Vorschlagsliste der Bruderschaft auswählt.

Erleichterung für Frauen, die abgetrieben haben

Doch nicht nur seine Bestimmungen zu den Piusbrüdern sollen über das Heilige Jahr hinaus Bestand haben. Der Papst will auch Frauen, die abgetrieben haben, den Weg zu einer kirchlichen Vergebung dauerhaft erleichtern. Nach dem katholischen Kirchenrecht zieht die Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch die Exkommunikation nach sich. In den meisten Ländern war bislang eine sakramentale Lossprechung und die Aufhebung der Exkommunikation nur durch bestimmte Beichtväter möglich.

Der Papst selbst schreibt nun: Damit dem Wunsch nach Versöhnung und der Vergebung Gottes nichts im Wege stehe, "gewähre ich von nun an allen Priestern die Vollmacht, kraft ihres Amtes jene loszusprechen, welche die Sünde der Abtreibung begangen haben". Was er bisher auf den Zeitraum des Jubeljahres begrenzt gewährt habe, werde nun zeitlich ausgedehnt, unbeachtet gegenteiliger Bestimmungen. Zugleich betonte Franziskus jedoch, "dass Abtreibung eine schwere Sünde ist, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setzt". Jedoch gebe es keine Sünde, "die durch die Barmherzigkeit Gottes nicht erreicht und vernichtet werden kann, wenn diese ein reuevolles Herz findet".

Themenseite: Heiliges Jahr

Vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 fand das von Papst Franziskus ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" statt. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zum Heiligen Jahr.

Generell sollen Priester laut Franziskus "weitherzig" bei der Sündenvergebung sein. Statt allein nach dem Kirchenrecht zu urteilen, sollten sie sich daran erinnern, dass sie selbst "Sünder, aber Diener der Barmherzigkeit" seien. Außerdem bat er die Geistlichen, "weitsichtig zu sein in der Unterscheidung jedes einzelnen Falles und großherzig in der Gewährung der Vergebung Gottes".

Papst führt einen katholischen "Welttag der Armen" ein

Außerdem führte der Papst mit seinem Schreiben einen katholischen "Welttag der Armen" ein. Es könne weder Gerechtigkeit noch sozialen Frieden geben, solange noch Arme vor den Türen der Christen lägen, begründete er sein Vorhaben. Als Datum des Aktionstages setzte der Papst den Sonntag vor dem sogenannten Christkönigssonntag fest, der am Ende des Kirchenjahres vor dem Ersten Advent gefeiert wird. Der Sonntag solle das Thema Armut als "Herzensanliegen des Evangeliums" in den Blick rücken und zu einer Glaubenserneuerung in den Kirchengemeinden beitragen. Weiter regt der Papst die Einrichtung von Bibelsonntagen an. Jede Gemeinde solle einmal im Jahr "ihr Engagement für die Verbreitung, die Kenntnis und die Vertiefung der Heiligen Schrift erneuern".

Das Schreiben mit dem Titel "Misericordia et misera" dreht sich rund um das Thema Barmherzigkeit und bildet den - literarischen - Abschluss des Heiligen Jahres. Die lateinischen Anfangsworte beziehen sich auf ein Wortspiel des Kirchenvaters Augustinus (354-430), der die Nicht-Verurteilung einer Ehebrecherin durch Jesus damit beschrieb, hier begegneten sich "die Erbarmenswerte (misera) und die Barmherzigkeit (misericordia)".

Von Björn Odendahl