Die Haupteinfahrt des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

"Nie wieder!"

Die Stacheldrahtzäune, Wachtürme und Baracken verschwinden im Schneegestöber, Besucher stehen vor dem gewaltigen weißen Zelt, das über dem Todestor von Auschwitz-Birkenau errichtet ist. Hier werden am heutigen Dienstag, am 70. Jahrestag der Befreiung des größten und tödlichsten Nazi-Vernichtungslagers, Überlebende und Staatschefs aus aller Welt der rund 1,1 Millionen Ermordeten gedenken. Die Epoche der Zeitzeugen endet. Noch einmal soll die Welt ihren Weckruf hören: "Nie wieder!"

Oswiecim - 27.01.2015

Leon Weintraub schaut über das frühere Lagergelände, geht mit festen schnellen Schritten durch den Schnee, tief in seinen eleganten schwarzen Anorak versunken. Nur wenige Baracken stehen noch; von den meisten des schier endlosen Lagerkomplexes blieben nur die Grundmauern. Kurz vor der Befreiung durch die sowjetische Armee versuchten die Nazis die Spuren ihres hunderttausendfachen Mordes zu beseitigen und Gaskammern und Krematorien zu sprengen.

"Der stinkende Rauch der Krematorien durchdrang alles, Tag und Nacht. Auch meine Mutter wurde hier verbrannt, ihre Asche achtlos weggeworfen", sagt Weintraub mit leiser, fester Stimme. "Es ist sehr schwer, an diesen Ort zurückzukommen, an dem mir meine Würde genommen wurde."

Immun machen gegen Lockrufe des Antisemitismus

Doch es ist eine sorgfältig getroffene Entscheidung des 86-Jährigen. Er will genau hier, wo er als Jugendlicher um Haaresbreite dem Tod entkam, jungen deutschen Journalisten davon erzählen, was Deutsche damals Juden antaten. Er mutet sich zu, seine Erinnerung neu wachzurufen. "Ich hoffe, dass mein Erzählen eine Art Impfung sein kann, die immun macht für alle Lockrufe des Antisemitismus und Nationalismus."

Seit mehreren Jahren organisiert die katholische Maximilian-Kolbe-Werk rund um den Holocaust-Gedenktag in Oswiecim Begegnungen zwischen jungen Journalisten und Zeitzeugen. Eine Woche, in der NS-Geschichte Gesichter bekommt. Intensive Interviews und Lebensberichte wechseln sich ab mit Besuchen der Gedenkstätten. Am Abend wird am Laptop an Videos, Hörfunkstücken und Interviews gebastelt. So werden die Erinnerungen als Mahnung für die Zukunft in die nächste Generation getragen.

Geschichten aus der Ich-Perspektive

"Mich beeindruckt die Offenheit, mit der uns die ehemaligen Häftlinge begegnen", sagt Mathias Tertilt. Gebannt folgt der 25-Jährige von der Deutschen Journalistenschule den Schilderungen Weintraubs: wie der wissbegierige Klassenbeste der Grundschule im polnischen Lodz 1939 nicht aufs Gymnasium, sondern ins Ghetto kommt. Sich über Jahre nie satt essen kann, sein junges Leben für unwert erklärt wird. Dann die Deportation nach Auschwitz. "Für mich ist das eine unschätzbar wertvolle Erfahrung. Vielleicht ist es eine der letzten Gelegenheiten, diese Geschichten noch aus der Ich-Perspektive zu hören", sagt Tertilt nachher.

Auch Pfarrer Manfred Deselaers betont, dass eine Epoche zu Ende geht: "Weil in absehbarer Zeit keine Zeitzeugen mehr leben werden, stehen wir an der Schwelle des Gedenkens", so der Geistliche, der seit mehr als 20 Jahren in Oswiecim lebt und arbeitet. "Am Rande von Auschwitz", wie er es nennt.

Auschwitz als Ort für Friedensarbeit der Zukunft

Er gestaltete und prägt noch immer das in den 1990er Jahren gegründete "Zentrum für Dialog und Gebet". Einen Ort, der allen offen steht, die sich mit der Geschichte jenes Ortes auseinandersetzen wollen, der zum Inbegriff des NS-Massenmords, der Vernichtung von Juden, aber auch Zehntausender Sinti und Roma, polnischer Intellektueller, Homosexueller und sowjetischer Kriegsgefangener wurde. Das Dialogzentrum in Sichtweite des ehemaligen Stammlagers ist eine Mischung aus Jugendherberge, Bildungs- und Exerzitienhaus. Es ermöglicht Projekte wie das des Kolbewerks. Die Hälfte der Besucher kommt aus Deutschland, vor allem Schulklassen.

Gerade weil hier so deutlich wird, wohin Ausgrenzung und Verachtung von Menschenwürde führen kann, eigne sich Auschwitz in besonderer Weise für die Friedensarbeit der Zukunft, ist Deselaers überzeugt: "Es geht heute nicht mehr um Schuld, sondern um die aus Auschwitz erwachsende Verantwortung für heute." Dazu gehört für ihn heute auch, wachsam gegenüber Pegida und der Ausgrenzung von Muslimen zu sein. "Oder auch Position zu Sterbehilfe oder Abtreibung nach einer pränatal diagnostizierten Behinderung zu beziehen. All das sind Fragen, die am Lernort Auschwitz behandelt werden müssen."

Von Volker Hasenauer (KNA)

"Ein wertvolles Geschenk"

Claudia Spengler aus der Nähe von Halle an der Saale arbeitet seit August 2014 in Oswiecim. Im Zentrum für Dialog und Gebet leistet die 18-Jährige ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Sie lebt dort inmitten der Spannung von Tourismus und Gedenken. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über ihre Erfahrungen. Frage: Frau Spengler, was genau sind Ihre Aufgaben im Zentrum für Dialog und Gebet? Spengler: Ich arbeite in der Bildungsabteilung. Meine Arbeit spielt sich zum großen Teil im Büro ab - ich bin im ständigen Kontakt mit den Besuchergruppen vor ihrem Aufenthalt im Zentrum und mache die Reservierungen für sie. Hin und wieder übersetze ich Artikel ins polnische oder englische oder arbeite in unserer Bibliothek. Manchmal mache ich auch Stadtführungen durch Oswiecim. Frage: Warum wollten Sie Ihren Freiwilligendienst in Auschwitz verbringen? Spengler: Schon in der Schule hat mich das Thema Holocaust interessiert. Allerdings habe ich damals nie ernsthaft darüber nachgedacht, mir in dem Bereich eine Beschäftigung zu suchen. Ursprünglich wollte ich nach dem Abitur ins fernere Ausland, nach Australien oder in die USA. Das wäre aber zum einen ziemlich teuer geworden und zum anderen vielleicht nicht mit wirklich viel Sinn für mich verbunden gewesen. Ich bin dann auf den European Voluntary Service (EVS) gestoßen, habe das Projekt hier gefunden und mich darauf beworben. Erst ab diesem Punkt habe ich mich intensiver damit beschäftigt. Frage: Was hat Sie in den vergangenen Monaten besonders bewegt? Spengler: Vor allem die Gespräche mit den Zeitzeugen. Das ist ganz anders, als ein Buch zu lesen oder einen Film zu sehen. Es ist ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Diese Menschen geben dem Holocaust ein Gesicht und eine Stimme. Man baut zu ihnen eine Beziehung auf. Und das ist einfach ein wertvolles Geschenk. Frage: Wie kann man Auschwitz besonders jungen Menschen nahebringen? Spengler: Ich denke, der Schlüssel dazu liegt in dieser Begegnung mit den Zeitzeugen. Sechs Millionen ist eine Zahl, die man sich ja eigentlich gar nicht vorstellen kann. Deshalb ist es wichtig, dass man die Einzelschicksale beleuchtet. Frage: Wie kann man das Thema Holocaust vermitteln, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Spengler: Das macht die Sache dann natürlich bedeutend schwieriger. Ich finde es wichtig, dass sich die Lehrer in den Schulen Zeit für das Thema nehmen. Da ist ein Besuch bei einer Gedenkstätte wie Auschwitz natürlich gut. Es gibt auch in Deutschland viele ehemalige Konzentrationslager, die nicht so stark besucht sind wie Auschwitz. Dadurch haben sie noch einmal eine ganz andere Wirkung, weil sie nicht so stark von den Touristenmassen beeinflusst sind wie hier. Das Interview führte Claudia Schwarz

Twitter-Aktion zur Befreiung von Auschwitz

Die Münchner Kirchennachrichten erinnern mit einer Twitter-Aktion an die ermordeten Münchner in Auschwitz. Von sieben Uhr morgens bis etwa 22 Uhr sollen die 359 Namen der Betroffenen getwittert werden. Die Namen sind auch ohne eigenen Twitter-Account unter www.twitter.com/mkn_news zu sehen.