Nigerias brüchiger Waffenstillstand
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Viele Ungereimtheiten bei angeblichen Verhandlungen mit Boko Haram

Nigerias brüchiger Waffenstillstand

Die Gewalt in Nigeria nimmt kein Ende. Neuen Berichten zufolge sind alleine in der vergangenen Woche wieder mindestens 17 Menschen bei einem Überfall durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram getötet worden. Dabei herrscht in Afrikas einwohnerreichstem Staat eigentlich seit dem 17. Oktober ein Waffenstillstand zwischen der Regierung und den Terroristen. Außerdem sollen sie nun endlich über ein mögliches Friedensabkommen verhandeln. Doch die Skepsis ist groß.

Abuja - 29.10.2014

"Die Verhandlungen mit Boko Haram gehen weiter", betonte der nigerianische Außenminister Aminu Wali noch einmal am Montag während eines Besuchs von seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier (SPD) und dem französischem Außenminister Laurent Fabius. Details wollte Wali allerdings nicht verraten, um den Fortgang der Gespräche nicht zu gefährden.

Diesen Fehler hatte die Regierung in der Vergangenheit mehrfach gemacht. Als Alex Badeh, Generalstabschef der nigerianischen Armee, Ende Mai verkündete, man wisse, wo Boko Haram die entführten Mädchen von Chibok versteckt halte, erntete er jede Menge Kritik und den Hinweis, dass Boko Haram sie nun sicherlich an andere Orten bringen werde. Zu einer Befreiungsaktion führte die Ankündigung nicht, im Gegenteil: Am Freitag werden die 219 Schülerinnen seit genau 200 Tagen in den Händen der Terrorgruppe sein.

Die von der islamistischen Terrorsekte Boko Haram entführten Schülerinnen.

Die von der islamistischen Terrorsekte Boko Haram entführten Schülerinnen.

Mittlerweile sind auch Jungen betroffen

Der Fall sorgte weltweit für Entsetzen und Proteste. Für Kenner der Region ist er jedoch nur der vorläufige Höhepunkt einer schon länger andauernden Entwicklung. So betont beispielsweise Idayat Hassan, Leiterin des Zentrums für Demokratie und Entwicklung (CDD), dass Entführungen bereits in der Vergangenheit immer wieder stattgefunden hätten, um die Menschen einzuschüchtern. "Betroffen sind längst nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen", so Hassan.

Als zu offenherzig galten Regierungsvertreter auch im vergangenen Jahr, als Präsident Goodluck Jonathan nach langem Zögern der Einrichtung eines Komitees zustimmten, dass Möglichkeiten für eine Freilassung der Mädchen ausloten sollte. Jedes Detail wurde damals an die Öffentlichkeit getragen. "Mediation funktioniert nicht, wenn die Medien täglich über angebliche Entwicklungen berichten", kritisierte schon kurz nach Einführung des Komitees der katholische Priester George Ehusani. Der im November 2013 vorgestellte Abschlussbericht war dementsprechend ernüchternd. Man war nicht einmal bis zur Führungsriege der Terrorgruppe vorgedrungen.

Die Nigerianische Bischofskonferenz ist besorgt

Nach einem Bericht der Zeitung "The Punch" vom Dienstag könnte sich das jedoch inzwischen geändert haben. Die Zeitung beruft sich auf eine verlässliche Quelle und schreibt über eine Namensliste von inhaftierten Mitgliedern, die Boko Haram gegen die Chibok-Schülerinnen austauschen will. Außerdem sollen vor allem jene Verhandlungen, die im Nachbarland Tschad stattfinden, bislang einigermaßen erfolgreich verlaufen sein. Weitere Gespräche werden in Nigeria selbst und Saudi-Arabien geführt.

Dennoch gibt es große Zweifel. Nach Ansicht von Menschenrechtsaktivist Shehu Sani, der mittlerweile der Oppositionspartei "All Progressives Congress" (APC) angehört, sind bei den Gesprächen viele Fragen offen. Unter anderem sei nicht klar, ob die mutmaßlichen Vertreter von Boko Haram tatsächlich für die Terrorgruppe sprechen.

Besorgt über die Entwicklung im Land zeigte sich in den vergangenen Wochen immer wieder die Nigerianische Bischofskonferenz. Die Bischöfe forderten die Regierung mehrfach auf, das Leben aller Nigerianer - unabhängig von religiöser und ethnischer Zugehörigkeit - zu schützen.

Unter dem Terror der Islamisten haben gleichwohl viele Christen zu leiden. So erklärte ein Sprecher des Bistums Maiduguri, das im Nordosten Nigerias liegt, dass alleine 90.000 Katholiken die Region aus Angst vor Boko Haram bereits verlassen haben. Für den 13. und 14. November ist eine Nacht des Gebets in der Hauptstadt Abuja geplant. Bis der Konflikt tatsächlich gelöst ist, dürfte freilich noch mehr Zeit vergehen.

Von Katrin Gänsler (KNA)