Ohne Bewusstsein
Die Zahl der Organspenden ist auf einem historischen Tiefstand

Ohne Bewusstsein

In Sachen Organspenden ist Deutschland im internationalen Vergleich eine Art Entwicklungsland. Aber offenbar liegt das nicht nur an einer Spendenunwilligkeit der Deutschen.

Von Burkhard Schäfers |  München - 18.02.2018

Ein schweres Herzleiden, eine unheilbare Lungen- oder Nierenerkrankung: Wenn jemand eine solch niederschmetternde Diagnose bekommt, kann er trotzdem darauf hoffen weiterzuleben. Eigentlich. Unter der Voraussetzung, dass sich ein Organspender findet. Das aber wird in Deutschland immer unwahrscheinlicher. Seit kurzem liegt die Zahl der Spender unter zehn pro eine Million Einwohner. In absoluten Zahlen bedeutet das für 2017: 769 – ein erneuter Rückgang gegenüber dem Vorjahr (834). Dem gegenüber warten rund 10.000 Menschen dringend auf ein Organ. Im internationalen Vergleich heißt das: Deutschland hat – nach einer Vorgabe der Stiftung Eurotransplant – kein ernst zu nehmendes Organspendesystem mehr.

"Das ist eine Katastrophe, vor allem natürlich für die Patienten, die auf eine lebensrettende Transplantation warten, die jeden Tag daheim sitzen und hoffen, dass endlich der erlösende Anruf kommt", sagt Bruno Meiser, Präsident der Stiftung Eurotransplant, die Organspenden in acht europäischen Staaten vermittelt. Die Zahlen gehen seit 2010 zurück. Ob das am Transplantationsskandal in mehreren deutschen Kliniken liegt, bei dem Ärzte ihre Patienten offenbar auf dem Papier kränker machten als sie waren, um rascher an ein Spenderorgan zu kommen? "Das hatte vielleicht einen zeitlich limitierten Einfluss, aber angesichts der täglichen Nachrichtenflut haben die meisten längst vergessen, was vor sechs, sieben Jahren passiert ist", meint Meiser.

Linktipp: Ein Zeichen der Nächstenliebe?

Die Organspende kann Leben retten, ist gleichzeitig aber auch mit vielen Fragen verbunden. Es geht um Nächstenliebe und Verantwortung, aber auch um Angst und Tod. Das weiß der Moraltheologe Michael Clement - und setzt deswegen auf Aufklärung. (Interview von Juli 2015)

Der Herzchirurg sitzt in seinem kleinen Büro im Transplantationszentrum des Münchner Uniklinikums Großhadern. Als Leiter des Zentrums bekommt er den Spendermangel tagtäglich mit. Die Verantwortung dafür weist er aber nicht den vielen Menschen zu, die keinen Organspendeausweis haben. Das größte Problem sei vielmehr die Situation in den Krankenhäusern. "Das System baut zu viele Hürden auf, um geeignete Spender zu identifizieren und zu melden." Dabei ist die Gesetzeslage eigentlich klar: Sobald in einem Krankenhaus ein Patient liegt, dessen Hirn irreversibel geschädigt und dessen Leben deshalb zu Ende ist, muss die Klinik ihn – falls er zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat – an die Deutsche Stiftung Organtransplantation melden. "Ich bin der Überzeugung, dass aber viele Kliniken das überhaupt nicht tun", sagt Professor Meiser. "Wozu haben wir ein Gesetz, wenn es nicht umgesetzt wird?"

Respekt im Umgang mit dem Toten

Eine Organspende ist aufwändig: Das Krankenhaus muss den Betreffenden meist mehrere Tage und Nächte künstlich am Leben erhalten, damit die Organe bis zur Entnahme weiter funktionieren. Vor einer Transplantation müssen zwei erfahrene Fachärzte unabhängig voneinander im Abstand von mindestens zwölf Stunden den Tod feststellen. Es braucht Personal, Instrumente, ein Intensivbett und einen freien OP-Saal. Diesen Aufwand – der mit maximal 4.700 Euro vergütet wird – scheuen offenbar manche Krankenhäuser.

Das liege auch daran, wie das jeweilige Klinikpersonal mit dem Thema Organspenden umgeht, ist der Jesuit Eckhard Frick überzeugt. Als Professor für Anthropologische Psychologie an der Münchner Hochschule für Philosophie hat er diese Frage gemeinsam mit Kollegen untersucht. "Es gibt ein Bedürfnis der Mitarbeitenden, sich Gedanken zu machen – nicht nur zu funktionieren", so der Jesuitenpater. "Was bedeutet das? Wie ist unser Kontakt zum Patienten und dann zum Hirntoten?" Es gehe um Respekt im Umgang mit dem Toten, auch die Nachpflege sei Aufgabe des Personals. Meist fehle es an Ritualen, um diese psychisch belastende Situation, den plötzlichen Tod, den Kontakt mit verzweifelten Angehörigen zu bewältigen.

Bild: © KNA

Der Jesuit Eckhard Frick ist Professor für Spiritual Care am Uniklinikum München.

Die Crux ist: In einer Klinik zählen lebende Menschen, für die letzten Fragen ist oftmals weder Zeit noch Raum. Etwa: Als was ist der Organspender anzusehen? "Es geht in der Transplantation nicht um den Toten als Ersatzteillager", meint Frick, "sondern darum, sich beizustehen und gegenseitig zu helfen." Seine Vermutung: Würden sich die Behandlungsteams bewusster mit Tabu-Fragen beschäftigen, könne das in Krankenhäusern ein organspendefreundlicheres Klima schaffen. Dazu gehört auch, dass viele Ärzte und Pflegepersonal eine religiöse oder spirituelle Haltung haben. "Die bringt ja viele Menschen dazu, diesen Beruf zu ergreifen", sagt der Experte für Spiritual Care. "Es wird geradezu ängstlich vermieden, über diese Motivationen zu reden. Oder es wird in hoher Weise privatisiert – weil wir keine Sprache haben, weil es zu wenig gelehrt wird." Hier könne die Transplantationsmedizin von der Palliativmedizin lernen, wo es Abschiedsräume gebe und bei der die Zeit nach dem Tod eines Menschen bewusst geachtet werde. "Das Klinikpersonal braucht spirituelle und seelische Unterstützung", sagt Frick.

Moraltheologie und Bischöfe unterstützen Organspende

Der christliche Glaube stehe der Entscheidung, seine Organe zu spenden, nicht im Wege, erklärt der Jesuit: "Die Moraltheologie und auch die Bischöfe in großer Übereinstimmung – auch ökumenisch – sind der Meinung, dass die freie Bereitschaft zur Organspende anerkennenswert ist." Das gilt zumindest für die derzeit in Deutschland geltende Entscheidungslösung, nach der die Menschen einer möglichen Organentnahme zu Lebzeiten zustimmen müssen. Transplantationsmediziner wie Bruno Meiser fordern, auch hierzulande die sogenannte Widerspruchslösung einzuführen, die in etlichen anderen Staaten gilt. Nach dieser kommt prinzipiell jeder als Spender in Frage, sofern er nicht vor seinem Tod aktiv widerspricht. "Ich glaube, dass die Bevölkerung für die Widerspruchslösung offen wäre", sagt Herzchirurg Meiser. "Man müsste sie nur mit den Menschen diskutieren."

Für eine offene Debatte ist auch Jesuit Eckhard Frick: Über das teilweise umstrittene Hirntod-Kriterium, über die Frage nach Transparenz und Gerechtigkeit bei der Organverteilung. Mehr Aufmerksamkeit wünscht sich Frick auch für diejenigen, die dringend auf ein Organ warten, und für Menschen, die nach erfolgreicher Organtransplantation dankbar für geschenkte Jahre seien: "Der Blick auf die Organtransplantation als komplexes Gesamtsystem könnte die Spendenfreudigkeit erhöhen."

Von Burkhard Schäfers