Ein rostiges Kruzifix und eine Gedenktafel in der Kirche von Oradour-sur-Glane.
Schwieriges Gedenken an die Gräueltaten vor 75 Jahren

Oradour-sur-Glane – Massaker in der Kirche

Frühjahr 1944 – "D-Day" in der Normandie. Auf ihrem Weg in die Schlacht ziehen SS-Truppen eine Spur des Todes und der Verwüstung in Frankreichs Provinz. Ein kleiner Ort wird dabei zum Symbol für monströse Grausamkeiten.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Paris - 10.06.2019

Am 10. Juni 1944 schien die Sonne über dem französischen Oradour-sur-Glane. "Punkt 14.00 Uhr rollten Schützenpanzerwagen und Laster an", erinnert sich Jean-Marcel Darthout an das, was dann geschehen sollte. Schätzungsweise 150 Männer der SS-Division "Das Reich" hatten kurz zuvor den Ort nahe Limoges umstellt und begannen nun damit, die ahnungslosen Einwohner auf dem Marktplatz zusammenzutreiben. Wenige Stunden später waren 642 Zivilisten tot - erschossen oder verbrannt.

Die meisten Männer von Oradour starben unter Gewehrsalven in Scheunen und Garagen, nur eine Handvoll konnte entkommen; mehr als 400 Frauen und Kinder pferchten die Täter in der Kirche ein, lösten dort eine Explosion aus, schossen durch Fenster und Türen in die Menge, warfen Handgranaten hinein und legten schließlich ein Feuer im Innenraum. Marguerite Rouffanche überlebte als einzige. Die meisten SS-Soldaten zogen am Abend ab - nachdem sie das komplette Dorf in Schutt und Asche gelegt hatten.

Als schlimmstes Massaker der Deutschen in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs ist die Mordaktion von Oradour-sur-Glane in die Annalen eingegangen. Auch 75 Jahre danach schmerzt die Erinnerung, wie der Hinterbliebenenverband ANFM auf seiner Homepage festhält. Jahr für Jahr besuchen rund 300.000 Menschen die Ruinen und das 1999 eröffnete Gedenkzentrum. Mit Joachim Gauck kam 2013 erstmals ein deutscher Bundespräsident an den Ort des Geschehens. Ein Indiz dafür, wie schwer man sich lange mit Gedenken, Aussöhnung und Aufarbeitung tat.

Sehr bald schon wurde das Massaker bekannt, obwohl, wie einer der Täter später aussagte, darüber Stillschweigen bewahrt werden sollte. 1953 begann vor einem Militärgericht in Bordeaux ein Prozess gegen 65 SS-Männer, 21 saßen tatsächlich auf der Anklagebank, darunter 14 Elsässer, von denen 13 in die SS zwangsrekrutiert worden waren. Als die Betreffenden abgeurteilt worden waren, brach im Elsass ein Sturm der Entrüstung los; die französische Regierung knickte ein, erließ eine Amnestie für jene Franzosen, die gegen ihren Willen in der SS gelandet waren.

Das Wrack eines Autos aus den 1940er Jahren vor den Ruinen des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane.
Bild: © KNA

Das Wrack eines Autos aus den 1940er Jahren vor den Ruinen des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane.

In Oradour verstanden die Menschen die Welt nicht mehr. "Der Ort brach mit dem französischen Staat und verbot seinen Repräsentanten jegliche Beteiligung an lokalen Gedenkzeremonien", schreibt die Historikerin Andrea Erkenbrecher, die sich seit Jahren mit dem Massaker und seinen Folgen auseinandersetzt. "Oradour zog sich auf sich und seine Trauer zurück."

Und Deutschland? In der Bundesrepublik verhinderten politisches Kalkül, juristische Hemmnisse und träge Behörden eine strafrechtliche Verfolgung. Adolf Diekmann, der das für die Tat verantwortliche 1. Bataillon der SS-Division befehligte, fiel am 29. Juni 1944 bei den Kämpfen mit den Alliierten in der Normandie. Divisionskommandeur Heinz Lammerding, der nach 1945 erfolgreich eine Karriere als Bauunternehmer startete, starb weitgehend unbehelligt von der deutschen Justiz 1971.

Im gleichen Jahr sammelten sich die "Alten Kameraden" Lammerdings, um den "guten Namen unserer Division" zu verteidigen, die im Krieg "ohne Makel" geblieben sei. Auf deutschem Boden reichte es in all dieser Zeit für ein einziges Urteil: gegen Heinz Barth in der DDR. Der gab während der Verhandlungen 1983 zu Protokoll, wie die SS sich im Nachhinein reinwaschen wollte. Falls überhaupt darüber geredet werden sollte, galt laut Barth die Sprachregelung, wonach es "in diesem Ort einen Widerstand gab". Nichts davon stimmte.

Seit einigen Jahren laufen wieder Ermittlungen, zuständig ist die in Dortmund ansässige nordrhein-westfälischen Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen. "Ich glaube, wir sind es den Opfern schuldig, dass wir die Vergangenheit aufarbeiten", sagt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. "Wenn jeder wüsste, was ich aus den Akten weiß, dann würde es noch deutlich weniger Menschen geben, die das "Dritte Reich" und seine Protagonisten verherrlichen."

Nach dem 10. Juni 1944 musste das Leben irgendwie weitergehen, sagt der letzte heute noch lebende direkte Augenzeuge des Massakers, Robert Hebras. Die Erinnerung an die "schlimmen Momente" jenes Frühlingstages freilich hat er nie vergessen.

Von Joachim Heinz (KNA)