Organisierte Langeweile
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Wie Castel Gandolfo Touristen anlocken möchte

Organisierte Langeweile

Zwei Monate musste eine junge Dame aus Rom auf ein Ticket für die neueste vatikanische Touristenattraktion warten: die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo. So richtig spannend ist der teure Spaß aber nicht. Ein Besuch.

Von Andrea Krogmann (KNA) |  Castel Gandolfo - 14.11.2015

Zwei Monate musste sie warten auf ein Ticket für die neueste vatikanische Touristenattraktion: Jeden Samstag um 10.57 Uhr bringt ein Zug bis zu 280 Reisende zur päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo am Albaner See rund 30 Kilometer südlich von Rom, und am späten Nachmittag wieder zurück. Ermöglicht hat die neue Verbindung Papst Franziskus. Anders als seine Vorgänger verzichtet er auf die Residenz - und öffnete sie für Besucher.

Doch Enttäuschung macht sich breit auf dem Bahnsteig, als die Eisenbahn einrollt. Nicht dampflokgezogene Wagen der 20er Jahre wie bei den ersten Fahrten Anfang September, sondern ein schmucklos modernes Gefährt holt die Reisenden ab. "Der Ruß ist vermutlich nicht mit Papst Franziskus' Umweltbewusstsein vereinbar", scherzt einer der Wartenden. Dann geht es durch Roms Vororte, vorbei an der Via Appia und der Pferderennbahn. Hinter dem Flughafen Ciampino beginnen die Weinberge. "Wo der Papst ein Haus hat, muss es schön sein", bereitet ein Großvater seinen Enkel auf das vor, was ihn hoffentlich erwartet.

Das Museum als vermeintliche Hauptattraktion

Angekommen nach rund 40 Minuten, erwartet die Touristen sogleich die vermeintliche Hauptattraktion des Besuchs: das Museum im Päpstlichen Palast, für dessen Besuch mit Audio-Guide rund eine Stunde vorgesehen ist. Ein Papstporträt nach dem nächsten ziert die langen Korridore, dazwischen dann und wann findet sich überkommenes liturgisches Gerät.

Der Shuttlebus, den die vatikanische Organisation vom Bahnhof am Seeufer zum Museum eingerichtet hat, hat die Besuchergruppe in einem Rutsch ausgespuckt, entsprechend gedrängt ist es in den ersten Räumen. Erst auf der Terrasse entzerrt sich die Menge. Der Blick über die Albaner Berge und den türkisblauen See tief unten lockt zum Selfie. Fast scheint es, als sei die idyllische Kulisse das eigentliche Highlight, bevor es weitergeht, vorbei an der langen Reihe der Papstporträts. Nur auf den letzten Metern, vor den Porträts der jüngsten Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus wird es noch einmal eng.

Anders als sein Nachfolger hielt sich Benedikt XVI. immer gerne in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo auf. Hier begrüßt er die Gläubigen während seines Urlaubs im Jahr 2007.

Ein paar Treppenstufen weiter schließt sich das schwere Holzportal hinter dem letzten Besucher. "Die Zeiten haben sich geändert", sagt Museumswärter Luigi. "Als die Päpste noch kamen, war der Ort voll." Heute ist der Marktplatz menschenleer. Dabei ist es Samstag. "Wenigstens kommen samstags die Züge aus Rom. An anderen Wochentagen öffnen wir manchmal für fünf Besucher."

Spätestens beim dritten Rundgang durch den verschlafenen Ort beginnen vereinzelt Bewohner zu grüßen. Ein Sitzplatz ist nicht schwer zu finden in einem der zahlreichen Restaurants entlang der Hauptgasse, und früher oder später finden sich alle Zugreisenden hier ein. Der Nachmittag zwischen Museum und Tschu-Tschu-Fahrt durch päpstliche Gartenanlagen, hört man vom ein oder anderen, sei einfach zu lang. Schon erkundigt sich jemand nach einem früheren Zug zurück nach Rom.

Besuch ist kein preiswertes Vergnügen

"Mit dem neuen Papst hat sich das Leben verändert", konstatiert Barista Andrea nüchtern und schenkt noch mal nach. Die Menschen, die heute nach Castel Gandolfo kommen, wollen "unbedingt mal an dem Ort gewesen sein, von dem oft die ganze Welt sprach", so wie das Paar in seinen Sechzigern, das mit seiner erwachsenen Tochter aus Norditalien angereist ist.

Die Sommerfrische auf den Spuren der Päpste ist kein preiswertes Vergnügen. 16 Euro kostet das einfache Ticket, Zugfahrt und Besuch des päpstlichen Palastes eingeschlossen. Der Besuch der vatikanischen Gärten in Castel Gandolfo kostet extra, und wer einen ganzen Tag "Vatikan mit dem Zug" genießen möchte, zahlt 40 Euro. Nennenswert sind die Ermäßigungen für Familien nicht. Für die französische Mutter lohnte der Ausflug trotzdem, "als willkommene Abwechslung zur Hektik der Stadt". Sommerfrische eben, unspektakulär, aber erholsam.

Von Andrea Krogmann (KNA)