Franz-Josef Overbeck
Gegen ein Modell nach Schweizer Vorbild

Overbeck: "Gott bewahre uns vor solchen Volksabstimmungen!"

Immer wieder werden Rufe nach mehr direkter Demokratie in Deutschland laut. Als nachahmenswertes Vorbild gilt vielen die Schweiz. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hält davon jedoch nichts – und führt historische und aktuelle Gründe an.

München - 13.06.2019

Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, hat sich gegen Volksabstimmungen in Deutschland ausgesprochen. Länder wie etwa die Schweiz, wo dieses politische Instrument eingesetzt werde, hätten eine andere Geschichte, erinnerte Overbeck am Mittwochabend in München in der Katholischen Akademie in Bayern. Welche Entwicklungen solche Abstimmungen nehmen könnten, sei beim Brexit in Großbritannien zu beobachten. Deshalb gelte für ihn: "Gott bewahre uns vor solchen Volksabstimmungen!" - Overbeck äußerte sich bei der Veranstaltung "Demokratie in Deutschland. Wer unsere Ordnung fördert und fordert".

Nach den Worten von Overbeck sind Tugenden wie Anstand und Wahrhaftigkeit, Respekt vor Andersdenkenden, Kompromissbereitschaft und Geduld notwendig für eine freiheitliche Ordnung. Darüber lohne es sich zu streiten, zudem brauche es Menschen, die im "tugendlichen Sinne" aufrecht gingen. Als Beispiel nannte er die Klimaaktivistin Greta Thunberg: "Als Störenfried ist sie eine Tugendheldin. Sie fördert die Demokratie, weil sie uns alle herausfordert."

Thunberg als positiver Störenfried

Laut dem in Sankt Gallen lehrenden Philosophieprofessor Dieter Thomä gibt es in der Kategorie "schlechte Störenfriede der Demokratie" solche, die nur an sich selber dächten, und andere, die ihm Kollektiv agierten, um Institutionen zu untergraben. Als "gute Störenfriede" werte er jene, die mehr leisteten für die Gesellschaft und einen sogenannten falschen oder faulen Frieden offensichtlich machten. Der Philosoph warnte vor der gefährlichen Tendenz, nur auf die Institutionen zu setzen und sie gegen die Bevölkerung verteidigen zu wollen. Ein solcher Schritt könne auch nach hinten losgehen. "Wir brauchen das Volk für die Demokratie", mahnte Thomä.

Der Essener Bischof verwies darauf, dass Menschen widersprüchlich seien. Um das Einzel- und das Gemeinwohl in einer Gesellschaft im Gefüge zu halten, brauche es zivilgesellschaftliche Gruppen wie die Kirchen. Diese machten bei Schieflagen darauf aufmerksam und mobilisierten auch Leute dafür. Die Parteiendemokratie müsse sich weiter entwickeln, um die Freiheit zu schützen. Dabei zeigte Overbeck sich überzeugt, dass in der Demokratie noch mehr die Tugend des Kompromisses gelernt werden müsse. Denn Regierungskoalitionen bestünden künftig wohl nicht mehr nur aus zwei, sondern aus drei Parteien.

Overbeck ist seit 2009 Bischof von Essen, er folgte in diesem Amt dem jetzigen Münsteraner Bischof Felix Genn. Seit 2011 ist er ebenfalls Militärbischof der Bundeswehr. Zudem sitzt er der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz vor. (cph/KNA)