Papa Francesco und 60.000 Messdiener
"Krasse Stimmung" und Sprachprobleme bei der Sonderaudienz

Papa Francesco und 60.000 Messdiener

14 Uhr, die Sonne brennt vom Himmel. Zehntausende Ministranten warten bereits auf dem Petersplatz auf ihren Papst. Ob sich das stundenlange Ausharren bis zum Abend gelohnt hat? Katholisch.de hat nachgefragt.

Von Agathe Lukassek |  Rom - 01.08.2018

Welche Gruppe bei der Ministrantenwallfahrt man auch fragt: Vier von fünf Minis sagen, dass sie sich am meisten auf die Papstaudienz auf dem Petersplatz freuen. Am Dienstagabend ist es dann soweit und Papst Franziskus fährt kurz nach 18 Uhr mit seinem Papamobil durch die Reihen. Zwei Stunden nimmt er sich Zeit für die mehr als 60.000 Messdienerinnen und Messdiener aus 19 Ländern. Bei der Begrüßung dankt Franziskus den jungen Leuten: "Ihr habt seit heute Mittag in der Hitze ausgeharrt, ihr seid stark!"

Warten in der Hitze

Tatsächlich sammeln sich am bislang heißesten Tag der Wallfahrt bereits seit 14 Uhr große Menschenmengen vor dem Petersplatz. Pilgerhüte, Mützen, Flaggen und T-Shirts deuten auf ihre Herkunft. Rauchfass, Kerzen oder Kutten sind allerdings tabu – die Sicherheitskontrollen beim Einlass auf den Petersplatz sind streng und gehen nur schleppend voran. Während auf dem Petersplatz selbst der Wallfahrtschor "Peace Seakers" und der deutsche Jugendbischof Stefan Oster die Ankommenden begrüßen, haben die wartenden Minis vor dem Platz genügend Zeit, um die anderen Gruppen kennenzulernen.

"Willst du ein Pilgertuch aus Osnabrück?", fragt ein Mädchen die 19-jährige Anna aus Rostock. "Nein, ich habe mir dieses Tuch aus Österreich eben erst erhandelt, das tausche ich nicht." Jedes Land – und aus Deutschland jedes Bistum – hat seine eigenen Tücher mitgebracht. Die werden ebenso fleißig getauscht wie die kleinen Pins mit eigenen Ministranten-Symbolen, die die Kinder und Jugendlichen auf ihren Lederarmbändchen tragen. Da aus Deutschland stattliche 50.000 Jugendliche angereist sind, aus Österreich aber "nur" 4.000, sind deren Tücher und Pins bei den deutschen Jugendlichen begehrt. Angebot und Nachfrage.

Ganz in babyblauen T-Shirts und mit vielen Landesflaggen präsentieren sich 150 Mädchen und Jungen aus Serbien. Die 16-jährige Marina aus dem Norden des Landes verrät, dass sie eigentlich gar keine Ministrantin ist: "In meiner Stadt dürfen nur Jungs ministrieren; ich helfe im Gottesdienst, indem ich liturgische Texte vorlese." Sie habe aber auch nie den Wunsch verspürt, selbst zu ministrieren, sagt sie. Und dass ihr nicht einmal der Gedanke gekommen sei. Auch keine Ministrantin (mehr) ist die 31-jährige Clarissa Gündling. Nach ihrer aktiven Zeit ist sie nun im ehrenamtlichen Ministrantenarbeitskreis ihres Heimatbistums Würzburg tätig und dieses Jahr als Busbegleiterin dabei; in den Jahren 2010, bei der rein deutschen Mini-Wallfahrt 2014 und bei der internationalen im Jahr 2015 war sie auch schon dabei.

Sie rufen im Rhythmus "Papa Francesco"

Auf dem Petersplatz angekommen, versuchen sich die Minis nahe der Absperrungen der einzelnen Sektoren aufzustellen. Bald kommt Franziskus auf seinem Papamobil vorbei. Sie rufen im Rhythmus "Papa Francesco", stellen sich auf ihre Stühle, jubeln und zücken ihre Handys. Nach einer Viertelstunde nimmt der Papst Platz und fünf Jugendliche dürfen ihm je eine vorher abgesprochene Frage stellen. "Wie können wir Friedensbringer in der Welt sein?", fragt ein Junge aus Luxemburg. Das beginne mit kleinen Dingen, antwortet der Papst. "Verschließe ich mich nach einem Streit zu Hause beleidigt oder mache ich einen Schritt in Richtung des anderen?"

Der Papst antwortet auf Italienisch, dann folgt eine Übersetzung auf Englisch. Als Julian Hüttner aus dem Bistum Speyer seine Frage nach der Besonderheit des katholischen Glaubens auf Deutsch stellt, jubeln die 54.000 deutschsprachigen Minis. "Ich habe verstanden", sagt Franziskus kurz auf Deutsch bevor er wieder auf Italienisch antwortet: "Gott hat keine Einzelkinder; wir alle sind dazu berufen, die Familie Gottes zu bilden." In dieser Familie der Kirche nähre Gott seine Kinder mit seinem Wort und seinen Sakramenten.

Bei einigen kommt das Frage-und-Antwort-Spiel und der darauffolgende Wortgottesdienst nicht gut an. "Es ist schon blöd, dass man fast nichts versteht", sagt der 19-jährige Dominik aus Ravensburg. Vor vier Jahren sei alles auf Deutsch übersetzt worden und auch der Einlass auf den Petersplatz habe besser geklappt. In seinem Sektor recht weit vorne sind Hunderte Stühle freigeblieben, während es an den Seitenarmen des Petersplatzes – von wo aus man den Papst nur auf der Leinwand sehen kann, sehr voll wurde. Allzu enttäuscht zeigt Dominik sich aber nicht und freut sich auf die folgenden Tage mit seiner Gruppe.

Mit Humor gegen Sprachprobleme

Auf die dem Vatikan wohl bewussten Sprachprobleme reagierte Bischof Ladislav Nemet, Präsident des weltweiten Messdienerverbandes (CIM), mit Humor: "Der Papst fragt, ob seine Antworten ermutigend waren und euren Glauben vertiefen. Wenn ja, dann ruft laut – und wenn nein, dann ruft noch lauter!" Zwar gab es eine Übersetzung in der eigenen App der Wallfahrt, aber die konnten nur die wenigsten der jungen Leute nutzen. Der Grund ist rein praktischer Natur. "Wir haben kein Datenvolumen mehr", sagt der 13-jährige Maximilian Wienzek aus Bargteheide im Erzbistum Hamburg. Er und sein Freund Enis Adzessi sind sich dennoch sicher, dass sie genug von der englischen Übersetzung verstanden haben.

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Sie haben getanzt, gesungen und gefeiert: 60.000 Ministranten sind in Rom auf Papst Franziskus getroffen.

Die beiden 13-jährigen sind nach der Sonderaudienz begeistert von dem, was sie eben auf dem Petersplatz erlebt haben: "Wir sind so weit vorne, der Papst ist ganz nahe an uns vorbeigefahren und die Atmosphäre ist so schön", schwärmen Enis und Maximilian. Sie bleiben noch lange auf dem Platz, jagen weißen Luftballons hinterher, hören der Band zu und machen Fotos, als Papst Franziskus sich noch einmal den Jugendlichen zeigt. Auch Beatrice (17) und Laura (15) aus dem Bistum Trier sind überwältigt: "Wenn 50.000 Menschen alle zusammen dasselbe Lied singen, das ist schon eine krasse Stimmung!"

Etwas enttäuscht zeigt sich hinterher die Rostockerin Anna Julius: Nach mehr als drei Stunden anstehen sei sie mit ihrem Bruder Jan nur einen seitlichen Sektor gekommen, wo Franziskus nicht mit seinem Papamobil vorbeifuhr und wo man ihn nur auf dem Bildschirm sehen konnte. "Ich hätte gerne wenigstens ein Foto vom Papst machen wollen, das hat schon bei meinem letzten Rom-Besuch nicht geklappt." Ihr 17-jähriger Bruder Jan zeigt sich etwas gelassener: "Bei einer so großen Veranstaltung kann das schon einmal passieren, aber wir waren dabei und mir reicht es, dass ich den Papst auf der Leinwand so gut sehen konnte." Die beiden haben noch eine 11-jährige Schwester, die auch ministriert. Ob sie mit ihr in vier Jahren vielleicht noch einmal zur Ministrantenwallfahrt kommen? "Nur wenn sie nicht wieder im August ist", sagt Jan am Ende eines heißen Tages.

Von Agathe Lukassek