Ein schwarzer Fiat, heraus schaut die winkende Hand des Papstes
Bild: © KNA
Franziskus hält katechetische Vorträge in römischen Papstbasiliken

Papst auf Exerzitien-Marathon

Franziskus auf Kirchentour: Der Papst hält heute einen Einkehrtag für Priester - und das nacheinander in drei römischen Basiliken. Schon beim ersten Vortrag ging es für die Geistlichen ans Eingemachte.

Rom - 02.06.2016

Den Auftakt macht eine Meditation am Vormittag in der Lateranbasilika. Von dort fährt der Papst weiter zur Basilika Santa Maria Maggiore. Zum Abschluss spricht er am Nachmittag vor Klerikern in Sankt Paul vor den Mauern. Die teilnehmenden Priester können den Vorträgen in den anderen Kirchen jeweils durch eine Live-Übertragung folgen. In ihrer Gesamtheit bilden die Meditationen einen Einkehrtag zur Reflexion über das Selbstverständnis und den Dienst als Priester. Franziskus ist Mitglied des Jesuitenordens, in dem geistliche Exerzitien eine besondere Tradition haben.



Papst: Kirche ohne Barmherzigkeit wird "kontraproduktiv"

Bei seiner ersten Station in der Lateranbasilika hat Papst Franziskus am Vormittag ein eindringliches Plädoyer für Barmherzigkeit gehalten. Wenn kirchliche Strukturen nicht dazu dienten, Barmherzigkeit zu empfangen und mit anderen barmherzig zu sein, drohten sie "kontraproduktiv" zu werden, sagte er vor Priestern aus aller Welt.

Der Papst verlangte von den Geistlichen, sich selbst mit dem moralischen Tiefpunkt ihres Lebens zu konfrontieren, um zur Barmherzigkeit fähig zu werden. Franziskus sprach von einer "heilsamen Spannung der beschämten Würde". Die Zuwendung zu anderen müsse existenziell und konkret sein: Es sei "typisch für die Barmherzigkeit, dass sie sich die Hände schmutzig macht", so der Papst.

Franziskus: Haltung der Barmherzigkeit widersetzt sich dem Bösen

Es gebe Situationen, die sich "nicht allein durch die Gerechtigkeit" lösen ließen, so der Papst. Dabei sei es nicht so, "dass die Barmherzigkeit die Objektivität des vom Bösen verursachten Schadens nicht in Betracht zöge. Doch sie nimmt ihr die Macht über die Zukunft, sie nimmt ihr die Macht über das Leben, das weitergeht", sagte Franziskus. Weiter nannte er Barmherzigkeit die "Lebenshaltung, die sich dem Tod, der bitteren Frucht der Sünde, widersetzt". Darin sei sie keineswegs naiv: "Nicht, dass sie die Sünde nicht sähe, aber sie achtet darauf, wie kurz das Leben ist, und auf all das Gute, das noch zu tun bleibt."

Papst: Auch die Heiligen waren Sünder

Bei seiner zweiten Station ermahnte Papst Franziskus die Priester zur Besinnung auf ihre eigene Vergebungsbedürftigkeit. "Fast alle großen Heiligen waren große Sünder", sagte er in der Basilika Santa Maria Maggiore. Niemand könne andere besser vom Bösen abbringen als derjenige, der selbst Barmherzigkeit erfahren habe. Ähnlich seien die besten Drogentherapeuten oft die, "die sich selbst von der Sucht befreit haben".

Die Bedürfnisse der Menschen seien auch die Bedürfnisse des menschgewordenen Gottes, sagte Franziskus. Priester müssten sich von der "Kurzsichtigkeit" heilen lassen, die ihnen solche Wünsche lästig erscheinen lasse, aber auch von einer "Alterssichtigkeit", die das Kleingedruckte übersehe, "wo die wichtigen Dinge des Lebens und der Familie auf dem Spiel stehen".

Aufruf, den Bettelnden entgegen zu gehen

"Nur eine Kirche, die fähig ist, das Gesicht der Menschen, die an ihre Tür klopfen, zu hüten und zu schützen, ist fähig, zu ihnen von Gott zu sprechen", sagte Franziskus. "Wenn wir nicht ihre Leiden enträtseln, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht bemerken, können wir ihnen nichts bieten. Der Reichtum, den wir besitzen, fließt nur, wenn wir der Zaghaftigkeit derer, die betteln, entgegengehen", so der Papst mit einem Zitat aus einer Ansprache, die er im Februar vor mexikanischen Bischöfen gehalten hatte.

Bischöfe stünden in der Pflicht, ihre Priester vor dem Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit zu bewahren. Andernfalls drohten sie "eine Beute der Weltlichkeit" zu werden. Franziskus mahnte die Bischöfe auch, Priester in wichtige Entscheidungen einzubinden: "Bezieht sie in die großen Angelegenheiten ein, denn das Herz des Apostels wurde nicht für kleine Dinge geschaffen."



Fußbälle stopfen und Wörterbücher lesen

Mit einer Anekdote hat Papst Franziskus Seelsorger ermahnt, sich ansprechbar zu zeigen: "In meinem Land gab es einen großen Beichtvater, Pater Cullen", erzählte Franziskus bei seiner dritten Station in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. "Er setzte sich in den Beichtstuhl und tat zwei Dinge: Das eine war, Lederbälle zu flicken für die Jungen, die Fußball spielten, und das andere, in einem großen chinesischen Wörterbuch zu lesen. Er sagte, wenn die Leute ihn bei Beschäftigungen sahen, die so nutzlos waren wie das Reparieren alter Bälle und so langfristig wie das Lesen in einem chinesischen Wörterbuch, dann dachten sie: 'Zu diesem Priester kann ich gehen und ein wenig mit ihm sprechen, denn wie man sieht, hat er nichts zu tun.'"

Ein Seelsorger solle vermeiden, "immer das Aussehen eines stark Beschäftigten zu haben", riet Franziskus. Dabei verwies er auch auf den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (1491-1556): Ein Guter Mittler sei demnach derjenige, "welcher die Dinge vereinfacht und keine Hindernisse aufstellt". (kim/KNA)



"Herben Geruch des Elends wahrnehmen"

Zu dem Berufsprofil von Priestern äußerte sich Papst Franziskus bei seiner letzten Station in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Priester müssen den "herben Geruch des Elends wahrnehmen, in Feldlazaretten, Zügen und Booten voller Menschen". Die Liebe der Kirche habe Notleidenden zu gelten, betonte er unter Verweis auf den Katechismus der katholischen Kirche. Aufgabe sei es, eine "Kultur der Barmherzigkeit zu schaffen und zu institutionalisieren".

Die Menschen sähen "dem Priester viele Fehler nach, nur nicht den, am Geld zu hängen", sagte Franziskus. "Und das nicht so sehr wegen des Reichtums an sich, sondern weil das Geld uns den Reichtum der Barmherzigkeit verlieren lässt." In der Bevölkerung gebe es ein feines Gespür dafür, wenn Geistliche "zum Funktionär oder, noch schlimmer, zum Mietling" würden, also jemandem, der für Vergünstigungen fremden Interessen dient. Franziskus zitierte den chilenischen Jesuiten Alberto Hurtado (1901-1952), der sich für Straßenkinder einsetzte und 2005 heiliggesprochen wurde: "An unseren Taten erkennt unser Volk, dass wir sein Leid verstehen." Ein Kriterium dafür sei, ob Kirchenvertreter unter den Gläubigen Hilfe und Mitarbeit fänden, so der Papst. Zu scheiternden Seelsorgeprojekten sagte er, statt nach dem "zigsten Pastoralplan" zu suchen, müssten sich die Verantwortlichen vielleicht eingestehen, ihr Vorhaben funktioniere nicht, "weil ihm die Barmherzigkeit fehlt".

Nicht in der Seele herumschnüffeln

Gegenstand der Barmherzigkeit sei "das menschliche Leben selbst, und zwar in seiner Ganzheit". Seelsorge brauche eine Haltung, die "etwas Gutes würdigt, den Boden bereitet für eine spätere Begegnung des Menschen mit Gott, anstatt ihn durch eine gezielte Kritik zu entfernen", sagte Franziskus. Ausdrücklich sprach er sich auch dafür aus, als Kirche stärker auf Phänomene der Volksfrömmigkeit einzugehen. Die "massenhafte Anwesenheit" von Gläubigen in Heiligtümern und bei Wallfahrten sei Grund genug, dies zu würdigen und zu fördern. Für die Beichtseelsorge riet Franziskus den Priestern, "niemals den Blick des Justizbeamten" zu haben oder unter der "Sturheit eines Beamten" das Gespür für die Menschen zu verlieren. Weiter empfahl er, Geistliche sollten nicht in der Seele der anderen "herumschnüffeln". Charakteristisch für die Barmherzigkeit sei, "dass sie die Sünde mit ihrem Mantel bedeckt, um die Würde nicht zu verletzen". (KNA)

02.06.2016, 19.00 Uhr: Ergänzt um den Abschnitt zur Papstrede in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern /jhe