Papst Franziskus hält seinen Bischofstab.
Auch deutsche Kirchenvertreter kritisieren Ton der Asyldebatte

Papst prangert "Heuchelei" bei Anti-Migrations-Kurs an

In Italien lässt die Regierung private Seenotretter nicht mehr in die Häfen und auch Deutschland verschärft seinen Kurs gegenüber Flüchtlingen. Das wollen weder Papst noch deutsche Kirchenvertreter unkommentiert geschehen lassen.

Vatikanstadt/Bonn - 06.07.2018

Im Streit um Flüchtlinge hat Papst Franziskus die "nutzlose Heuchelei" der Menschen kritisiert, die Migranten nicht helfen und sich "die Hände nicht schmutzig machen wollen". Die Menschen würden verschlossen "gegenüber denen, die wie wir ein Recht auf Sicherheit und auf Bedingungen für ein würdiges Lebens haben ", sagte Franziskus am Freitag bei einem Gottesdienst für Migranten im Petersdom. Statt Brücken würden Mauern gebaut – sowohl in der Wirklichkeit als auch in den Köpfen.

Vor fünf Jahren besuchte Franziskus Lampedusa

Anlass der Messe war der fünfte Jahrestag des Besuchs des Papstes auf Lampedusa. Die italienische Insel gilt als Symbol für die Migrationskrise, weil dort jahrelang Migranten ankamen und sich 2013 ein schweres Unglück mit mehr als 360 Toten ereignet hatte.

Player wird geladen ...

Im Kloster St. Konrad leben nämlich seit zwei Jahren junge Flüchtlinge aus Afghanistan in einer Wohngemeinschaft.

Flüchtlinge seien die Opfer einer Wegwerfkultur, "die weiter an die Türen der Länder mit größerem Wohlstand klopfen", sagte der Papst. Es brauche "unsere Augen, unsere Hände und unsere Stimme", um Flüchtlingen und Migranten zu helfen. Denn auf die derzeitigen Herausforderungen könne einzig mit "Solidarität und Barmherzigkeit" geantwortet werden. Stattdessen herrsche aber "Stillschweigen", so Franziskus.

Auch in Deutschland kritisieren Kirchenvertreter die Asyldebatte. Unter der verrohten Sprache litten ganz massiv jene Menschen, die Schutz in Deutschland suchten, sagte Caritas-Präsident Peter Neher der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Der schlechte Stil in der Debatte sei vorrangig "politischen Interessen und innerparteilichen Auseinandersetzungen" geschuldet.

Seenotrettung als "Grundsatz der christlichen Seefahrt"

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, mahnte an, dass es in der Flüchtlingsdebatte nicht nur um technische und rechtliche Fragen gehen dürfe. "Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn Menschen massenhaft im Mittelmeer ertrinken". Wichtig bleibe auch die Diskussion über Fluchtursachen vor allem in den Kriegsgebieten, so Sternberg.

Zur Seenotrettung sagte der Beauftragte der Bundesregierung für die weltweite Religionsfreiheit, Markus Grübel (CDU), diese sei ein "Grundsatz der christlichen Seefahrt". Niemand dürfe ertrinken, nur weil er sein Land verlasse und möglicherweise illegal nach Europa komme, sagte Grübel der "Stuttgarter Zeitung" (Samstag). Daraus folge aber nicht, dass jeder auch in Europa bleiben könne.

Derweil treibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Vorbereitungen für den Start von zwölf Pilot-Ankerzentren voran. Nach Angaben des RedaktionsNetzwerks Deutschland sind als Standorte für das Pilotprojekt Gießen, Heidelberg, Manching, Bamberg, Augsburg, Donauwörth, Zirndorf, Regensburg, Deggendorf, Schweinfurt, Dresden und das saarländische Lebach angedacht.

Das ist kein Tourismus. Das ist Flucht.

Verbale Entgleisungen bis in die Mitte der Gesellschaft: Pater Claus Pfuff, der neue Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, beklagt in einem Beitrag für katholisch.de eine sprachliche Verrohung.

Gegen die von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geplanten Ankerzentren hatte es zuletzt Widerstand aus mehreren Bundesländern gegeben. Die Abkürzung "Anker" steht für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung". Alle Punkte eines Asylverfahrens sollen in diesen Zentren gebündelt werden: Die Ankunft eines Flüchtlings soll erfasst, über seinen Schutzstatus entschieden und - bei Ablehnung des Asylantrags - auch eine schnelle Abschiebung in die Wege geleitet werden.

Regierung einigt sich auf Transitverfahren

Die große Koalition hatte sich am Donnerstagabend unter anderem auf sogenannte Transitverfahren geeinigt. Binnen 48 Stunden sollen Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Staat einen Asylantrag gestellt haben, überprüft werden. Solche, die zwar registriert sind, aber noch keinen Asylantrag gestellt haben, sollen in die Ankerzentren gebracht werden. In Italien hatte die neue populistische Regierung in Rom einen harten Kurs gegen Migranten eingeschlagen und lässt private Seenotretter nicht mehr in die Häfen des Landes. (gho/dpa/KNA)