Pfarrer Tuan Anh Le
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Pfarrer Tuan Anh Le über Dreadlocks und das Priestersein

Predigten ohne "pseudo-frommes Gelaber"

Ein Armbruch verhinderte, dass Tuan Anh Le Musiker wurde. Nun ist er seit acht Jahren Priester, der HipHop-Musik macht und seine Predigten online stellt. Der Pfarrer hat mit katholisch.de offen gesprochen: über Zweifel, Verliebtheit und seinen Wunsch, barmherzig zu handeln.

Von Madeleine Spendier |  Heidenheim - 05.08.2018

Tuan Anh Le (35) wurde 2010 in Ehingen an der Donau zum Priester geweiht. Geboren und aufgewachsen ist er in Spaichingen, seine Eltern sind in den 1980er Jahren aus politischen Gründen aus Vietnam nach Deutschland geflüchtet. Als er 2014 Pfarrer im ostwürttembergischen Heidenheim wurde, titelte die Lokalpresse "Der neue Priester mit dem Rasta-Haar". Le erzählt im Interview, dass die Menschen jammerten, als er seine Dreadlocks abgeschnitten hatte. Und er spricht über das, was ihm als Priester wirklich wichtig ist.

Frage: Herr Pfarrer Le, Sie wollten Musik studieren?

Le: Ja, dazu war ich auch schon eingeschrieben. Doch kurz vor der Aufnahmeprüfung brach ich mir den Arm und konnte nicht mehr vorspielen. Meine Musikerkarriere war damit zu Ende. Später habe ich dann begonnen, Orgel zu spielen und bald reifte der Wunsch in mir, Pfarrer zu werden.

Frage: Waren Ihre Eltern katholisch?

Le: Meine Mutter war Buddhistin und hat sich in Deutschland taufen lassen. Mein Vater ist katholisch. Ich bin Einzelkind. Als ich ihnen meinen Wunsch nahelegte, Priester werden zu wollen, sagte mein Vater nur: "Wenn es dich glücklich macht, dann ist es der richtige Weg für dich. Für welchen Beruf du dich auch entscheidest, zieh es durch."

Frage: War es die richtige Entscheidung im Nachhinein?

Le: Ich bin seit acht Jahren Priester und seit einigen Jahren leite ich als Pfarrer drei Kirchengemeinden. Und das sind für mich zwei Paar Schuhe. Als Priester führe ich ein geistliches Leben und das ist genau das Richtige für mich. Der Beruf des Pfarrers umfasst Aufgaben wie Gemeindeleitung, Verwaltung und das Begleiten von Menschen. Diese Kompetenzen musste ich mir erst mit der Zeit aneignen und das war mühsam. Ich überlege oft, wie Seelsorge im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der Digitalisierung, aussehen kann.

Frage: Und, wie kann die aussehen? Nutzen Sie zum Beispiel Soziale Netzwerke?

Le: Ich nutze WhatsApp, um mich mit den Jugendlichen aus der Gemeinde auszutauschen und Termine abzusprechen. Aber abends schalte ich mein Handy aus. Dafür veröffentliche ich zum Beispiel meine Predigten auf Facebook und ich schreibe einen Blog dazu. Etwa 60 Personen lesen das täglich. Das ist viel, wenn ich bedenke, dass etwa 170 Gläubige in den Sonntagsgottesdienst kommen. Ich erreiche damit auch Fernstehende. Ich finde es wichtig, auch über die Medien als Pfarrer präsent zu sein und die Botschaft Jesu weiterzutragen.

Frage: Haben Sie umgekehrt auch die Ideen für Ihre Predigten aus dem Internet?

Le: Nein, ich lese Bücher und den Rest überlege ich mir selbst. Ich lege großen Wert auf meine Predigten. Dabei will ich weder meine Zuhörer belehren, noch will ich ihre Zeit mit belanglosem und pseudo-frommem Gelaber verschwenden. Wenn mir nichts mehr einfällt, dann surfe ich im Netz. Ich finde aber, dass das Internet ein Zeitfresser ist. Vielleicht predige ich nicht so gut wie andere, aber es sind meine eigenen Gedanken.

Frage: Tagsüber sehen Sie Ihre Kollegen im Pfarrbüro. Was machen Sie, wenn Sie abends alleine im Pfarrhaus sind?

Le: Unter anderem mache ich Hiphop-Musik. Ich habe sogar schon CDs veröffentlicht und schreibe meine Texte selbst. Wer mich kennt, weiß, dass ich darin mein Leben verarbeite. Ich schreibe viel über persönliche Erfahrungen, es geht auch um Liebe und den Zölibat.

Frage: Haben Sie sich als Pfarrer schon einmal verliebt?

Le: Ja, das habe ich. Ich habe die Einsamkeit im Pfarrhaus unterschätzt. Während meiner Ausbildungszeit wurde diese Einsamkeit auch zu wenig thematisiert. Ich musste selbst herausfinden, wie ich mit der Sehnsucht nach körperlicher Nähe zurechtkomme. Und dann war da eine Frau, mit der ich mich gut verstand. Es ist ein Mangel, als Priester alleine zu leben. Das kann man drehen und schönreden, wie man will. Das wurde mir jetzt im Nachhinein deutlich. Es gibt Zeiten, wo diese Einsamkeit schmerzt. Dann ist es gut, wenn man Freunde hat, um darüber zu reden. Heute würde ich jedem Priesteramtskandidaten dringend raten, sich diese Berufsentscheidung gut zu überlegen.

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Gebetsanliegen des Papstes für Juli 2018: Beten wir gemeinsam für alle Priester, die erschöpft sind und die pastorale Arbeit als einsam erleben, sich durch die Freundschaft mit dem Herrn und ihren Mitbrüdern gestärkt fühlen.

Frage: Wie sind Sie mit dem Gefühl des Verliebtseins damals umgegangen?

Le: Ich war ehrlich zu mir und der Frau und habe es offen gelassen. So wie es kommt, so kommt es. Wenn etwas daraus entstehen sollte, dann ist es so. Ich hatte damals Zweifel an meiner Berufung. Ist das überhaupt mein Weg? Was ist, wenn mehr daraus wird? Ich habe ganz stark auf Gott vertraut, dass er mir den Weg schon so hinbiegt, dass ich ihn gehen kann. Ich habe mir gesagt: Ich bin Priester, wenn er will, dass das mit dem Zölibat klappt, dann wird es auch klappen. Aus der Verliebtheit ist dann nichts geworden. Natürlich war ich enttäuscht, dass es aus war. Und ich war traurig darüber, dass mir dieses Glück, eine Familie zu gründen, nicht gegönnt ist. Doch ich habe entdeckt, wie erfüllend mein Leben auch ohne eigene Familie ist.

Frage: Weil Sie mit Jesus Christus verheiratet sind?

Le: Weil ich mit Jesus verbunden bin. Und zwar auf eine ganz besondere Art und Weise. Ich habe wieder viele Talente in mir entdeckt, die ich zuvor schon vergessen hatte. Zum Beispiel die Musik. Sie hat mir damals geholfen, meine Gefühle zu ordnen. Schließlich habe ich mich wieder daran erinnert, warum ich Priester geworden bin. Es gibt für mich nichts Wichtigeres, als das Evangelium den Menschen weiterzusagen. Und wenn ich spüre, dass meine Gemeinde dankbar dafür ist, dann erfüllt mich das sehr.

Frage: Ihre Ehrlichkeit finde ich gut…

Le: Ich versuche, in allen Bereichen des Lebens ehrlich zu sein. Ist das nicht der eigentliche Sinn unseres Lebens? Zu sein? Wir sind es gewohnt, uns durch unser Tun, unser Verhalten zu definieren. Wenn ich aber weiß, dass ich mehr bin als die Summe meines Tuns, dann finde ich es nicht schlimm, Schwächen und Fehler, Zweifel und Ängste zuzugeben. Als ich Dreadlocks getragen habe, fanden die Leute es schade, als ich sie wieder abgeschnitten habe. Jetzt würde ich wieder zu standesgemäß aussehen, haben sie gejammert. Sie freuen sich, dass ihr Pfarrer anders ist.

Frage: Was meinen Sie damit konkret?

Le: Im Laufe meiner Zeit als Pfarrer hat sich mein Kirchenbild verändert. Es geht darum, die Botschaft Jesu weiterzutragen, mit allen Konsequenzen. Nur ein Beispiel: Wenn mich jemand, der evangelisch ist, um die Kommunion bittet, schicke ich ihn nicht weg. Denn letztendlich muss ich mich für mein Leben irgendwann vor Gott rechtfertigen. Und ich glaube, er wird mich einmal fragen, ob ich ein barmherziger Mensch war. Ich würde da gerne nicken.

Von Madeleine Spendier