Religion als Waffe
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Sogar Mullahs geraten ins Visier

Religion als Waffe

Er war einer von Pakistans beliebtesten Popstars in den 80er Jahren. Dann aber ließ Junaid Jamshed die Musik hinter sich und wurde Prediger. Er hatte Allah gefunden. Doch wie das Ex-Popidol feststellen musste, sind auch Mullahs nicht gefeit gegen das sich immer mehr verschärfende Klima religiöser Intoleranz in Pakistan . Vor einigen Tagen wurde gegen Jamshed eine Anzeige wegen Blasphemie erstattet.

Islamabad - 09.12.2014

In einem in sozialen Netzwerken verbreiteten Video hatte sich der als "Disco-Mullah" bekannte Geistliche angeblich respektlos über eine der Frauen des Propheten Mohammed geäußert. In Pakistan steht auf Beleidigung des Islams, des Korans oder des Propheten die Todesstrafe . Eingeführt hatte das international umstrittene Gesetz gegen Gotteslästerung 1986 der Militärdiktator Muhammad Zia ul-Haq. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen werden sie oft für persönliche Rachefeldzüge oder politische Motive missbraucht. Es sei auch unklar, was eine Gotteslästerung sei. Die Regeln gelten theoretisch für alle Religionen, aber sie werden überwiegend gegen Minderheiten wie Christen, Hindus, oder die muslimische Ahmadiyya-Sekte angewandt. Die Mehrheit der etwa 180 Millionen Einwohner Pakistans sind Muslime.

Zunehmende religiöse Intoleranz

Besonders besorgniserregend ist für Beobachter, dass nun auch Menschen verfolgt und getötet werden, weil sie angeblich Wegbegleiter oder Familienmitglieder Mohammeds beleidigt haben. Konservative Kräfte versuchen, den Begriff der Gotteslästerung auszuweiten, die Regierung tut nichts gegen die zunehmende religiöse Intoleranz.

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Jamshed ist ein Mitglied der einflussreichen Tableeghi Jumat, einer Gruppe von konservativen, sunnitischen Geistlichen. Die Anzeige wegen Gotteslästerung kam von einer rivalisierenden religiösen Vereinigung. Die Zahl solcher Anschuldigungen hat in jüngster Zeit zugenommen. Anfang November etwa tötete ein Polizist einen Mann mit einer Axt. Dieser hatte sich angeblich negativ über einen frühen Kalifen geäußert. Vor einer Woche verurteilte ein Gericht in der Provinz Sindh einen Mann wegen einer Kalifen-kritischen SMS zu drei Jahren Haft. Immer wieder gibt es Berichte über Mob-Attacken wegen angeblicher Gotteslästerung. Am 4. November ermordete ein Mob von etwa 1000 Muslimen einen christlichen Arbeiter und seine schwangere Frau. Sie warfen das Paar in einen brennenden Ofen in einer Ziegelei. Ein Geistlicher hatte die Menschen aufgehetzt. Die Christen hatten demnach einen Koran verbrannt. Dies stellte sich nach Ermittlungen der Polizei später als falsch heraus.

Beschuldigung der Gotteslästerung als Mittel zur Macht

Für den Analysten Fida Khan ist die zunehmende Zahl der Blasphemie-Fälle ein Zeichen für die immer größer werdenden Spannungen zwischen den Glaubensgruppen. Es gäbe Machtkämpfe zwischen Sunniten und Schiiten, aber auch innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft. "Da all diese Gruppen mehr politische Macht und Einfluss anstreben, ist es für sie bequem, einander der Gotteslästerung zu bezichtigen. Das stärkt ihre Anhängerschaft."

Seit 1986 wurden in Pakistan nach Angaben des Justizministeriums 1300 Menschen wegen Gotteslästerung angezeigt. Etwa 50 wurden ermordet, bevor der Prozess gegen sie abgeschlossen war. Nach mehreren Morden an Aktivisten sind die Forderungen von Menschenrechtsgruppen, linken und liberale Parteien nach einer Aufhebung der Gesetze verstummt. Jamshed entschuldigte sich in einem Video auf seiner Facebook-Seite für seine Aussagen. Sie seien seiner Unwissenheit geschuldet gewesen, sagte er. "Ich bitte die muslimische Welt um Vergebung."

Von Zia Khan (dpa)