Junge Leute sitzen gemeinsam in einem Klassenraum
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Religionsunterricht als "Beziehungskiste"

Wohl kaum ein Schulfach ist so beziehungsförderlich wie der Religionsunterricht, schreibt Gymnasiallehrer Rudolf Hengesbach. Damit ein wertschätzendes Miteinander gelinge, sei es auch wichtig, dass sich die Lehrkräfte authentisch positionierten.

Von Rudolf Hengesbach |  Paderborn - 26.04.2019

Lehrer Rudolf Hengesbach

"Können wir nicht mal wieder vor dem Unterricht eine Frühschicht machen? Die tut uns voll gut.", "Wir würden gern zu Beginn des Unterrichts meditieren. Da man kann man so schön ruhig werden.", "Sie haben es ja sicher schon erfahren. Herr K. (ein Lehrer der Schule) ist gestern Abend beim Tennis tot zusammengebrochen. Sie sind doch Religionslehrer...", "Wir aus der Fachschaft hätten da mal eine Frage: Könntest du beim Abigottesdienst nicht noch mal den 'katholischen Part' übernehmen?", "Können wir nicht im Fachseminar mal darüber sprechen, wie man einen Gottesdienst gestaltet. In meiner Ausbildungsschule soll ich da jetzt mit 'einsteigen'".

Mit solchen und ähnlichen Anfragen wurden und werden Religionslehrkräfte und Fachleiterinnen und Fachleiter – da bin ich mir sicher – früher oder später konfrontiert. Was verraten solche Anfragen darüber, wie wir wahrgenommen werden? Sind solche Erwartungen nicht eine Überforderung und wie kann man Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter über die Gestaltung des Unterrichts hinaus auf solche Facetten ihres Berufsalltags vorbereiten? Solche Erinnerungen und Anfragen bringen mich ins Nachdenken darüber, was mir eigentlich in all den Jahren sowohl als Religionslehrer als auch in der Begleitung angehender Religionslehrkräfte wichtig war, worauf es mir entscheidend ankam und an welche Resonanz ich mich noch erinnere.

Vieldimensionales Beziehungsgeschehen im Religionsunterricht

Mir ist zum Beispiel sehr gut im Gedächtnis haften geblieben, was ich in der ersten Stunde am Morgen nach dem plötzlichen Tod von Herrn K. erlebt habe. Alle Schülerinnen und auch ich saßen schweigend im Kursraum und doch spürte ich eine große Verbundenheit, eine Art Beziehung zwischen allen Beteiligten. Da ging es nicht um Kompetenzen, um Lernzuwachs oder ein Stundenergebnis. Dieses Beispiel hat mir immer wieder vor Augen geführt, dass insbesondere der Religionsunterricht ein vieldimensionales Beziehungsgeschehen ist mit wertschätzendem Umgang im Sinne eines christlichen Menschenbildes.

In einem derart basierten lernförderlichen Miteinander in wertschätzenden Beziehungen verstehen sich alle Beteiligten als Lernende und Suchende in religiösen Fragen. Ein wichtiges Moment des Religionsunterrichts zum Umgang mit solchen Fragen kann die Förderung von Achtsamkeit und produktiver Verlangsamung sein. Sowohl im Unterricht als auch in der Ausbildung von Religionslehrkräften hat sich gezeigt, dass eine verlangsamte Erarbeitung zum Beispiel eines Kunstwerkes im Sinne ästhetischen Lernens sehr gut in die Botschaft des Bildes und seine theologische Tiefendimension vordringen kann. Auch die Methode des Bibliodrama, eines ganzheitlichen Zugangs zu biblischen Texten, ermöglicht eine intensive ästhetische, ja spirituelle Begegnung mit Aussagen des Glaubens.

Oft höre ich den Einwand, dass so etwas im schulischen Kontext nicht möglich sei. Ich habe aber auch das Gegenteil erlebt – sogar bei einer Lehrprobe. Der Lehramtsanwärter verstand es auch in dieser besonderen Situation gemeinsam mit den Lernenden in die Tiefendimension eines biblischen Textes über die heil(bring)ende Dimension der Wundertaten Jesu vorzudringen und die Botschaft des Textes für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Dabei ließ er sich inspirieren von einem Bibliodramatag, den wir einmal in der Ausbildung den angehenden Religionslehrkräften anbieten. Dabei ist es immer wieder beeindruckend, wie tief Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter in biblische Texte eindringen und zu auch für sie und ihr Leben wichtigen Botschaften dieser Texte kommen.

Religionslehrkräfte sollten sich authentisch positionieren

Auch ein solcher Tag lebt von Beziehungen unterschiedlicher Art und trägt zu einem wertschätzenden Miteinander in der Seminararbeit bei. Immer wenn zukünftige Lehrkräfte einen derartigen Umgang miteinander bereits in den Seminaren erlebt haben, so meine Erfahrung, fiel es ihnen leichter, auch mit ihren Schülerinnen und Schülern so umzugehen. Die Qualität einer auf diese Weise geprägten Gesprächskultur liegt darin, im Miteinander Fragen zu entwickeln und tragfähige und Identität stiftende Antworten herauszufinden. Persönliche Erfahrungen können auf diese Weise in einen sinnstiftenden Horizont eingeordnet werden, durch Perspektivwechsel kann die Wahrnehmung unterschiedlicher Sichtweisen erprobt und die Identitätsfindung gefördert werden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Religionslehrkräfte authentisch positionieren. Lernförderliches Miteinander in wertschätzenden Beziehungen war sowohl für meine Arbeit in der Schule als auch mit zukünftigen Religionslehrkräften im Praxissemester an der Universität und im Fachseminar immer besonders wichtig und schafft ein Klima  für Beziehungen, in denen dann die oben genannten Anfragen ihren Platz haben.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.

Themenseite: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

Wie funktioniert Religionsunterricht heute? Genau dieser Frage geht die neue katholisch.de-Kolumne nach. Lehrer verschiedener Schulformen berichten darin ganz persönlich, wie sie ihren Unterricht gestalten, damit sie die Jugend von heute noch erreichen.