Die Flagge des Staats der Vatikanstadt.
Was hat es mit den roten und schwarzen Päpsten auf sich?

Römische Farbenlehre

In der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" geht in dieser Woche um die roten und die schwarzen Päpste - und welche einstige Gewissheit mit der Zahl 80 heute ins Wanken gerät.

Von Alexander Brüggemann |  Bonn - 27.04.2016

"Ich bin der Papst, kennt ihr meine Farben? Die Fahne schwebt mir weiß und gelb voran." So hätte es womöglich geklungen, wenn Bernhard Thiersch sein "Preußenlied" von 1830 in Rom und nicht in Halberstadt geschrieben hätte. Und so schlecht hätte es auch gar nicht in die Zeit gepasst, als sich Mitte des 19. Jahrhunderts Papst Pius IX. und sein untergehender Kirchenstaat der Einiger Italiens erwehren mussten. Klar, der Papst ist weiß; und er amtiert auf Lebenszeit. Das war über Jahrhunderte Gewissheit. Doch in diesen Tagen kommen in Rom einige besondere Gegebenheiten und Gedenktage zusammen, die es lohnen, einen genaueren Blick auf die päpstliche Farbenlehre zu werfen. Da gibt es zunächst den weißen Papst. Franziskus. Kennt jeder. Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Aus Argentinien; Sitz: Rom; Alter: 79 Jahre. Ordensgemeinschaft: Franz ist der erste Jesuit auf dem Papstthron. Was schon weniger Menschen wissen: Es gibt auch einen "schwarzen Papst", so genannt wegen seines vermuteten großen kirchenpolitischen Einflusses hinter den Kulissen. Der schwarze Papst ist der Generalobere der weltweit 17 000 Jesuiten, des größten Männerordens der katholischen Kirche. Er stand schon immer – früher stärker als heute – im Verdacht, heimlicher Strippenzieher hinter dem Stuhl Petri zu sein. Sein Name: Adolfo Nicolás. Sein Sitz: Rom; Spanier. An diesem Freitag wird er 80 Jahre. Eigentlich ist sein Alter egal. Denn wie der weiße amtiert auch der schwarze Papst nach den Statuten auf Lebenszeit. Doch Nicolás, Jahrgangs- und Ordensbruder des weißen Papstes, hat zum Jahresende seinen Rückzug angekündigt: Die Jesuiten brauchten eine Leitung im Vollbesitz ihrer Kräfte. Die wenigsten wissen wohl um den "roten Papst" – den Präfekten der vatikanischen Missionskongregation. Die Vatikanbehörde mit der offiziellen Bezeichnung "Kongregation für die Evangelisierung der Völker" hat immensen Einfluss, ist sie doch für die stark wachsenden Ortskirchen in Afrika und großen Teilen Asiens zuständig, insgesamt rund ein Drittel aller Diözesen der Weltkirche. Der rote Papst freilich, ebenfalls mit Sitz in Rom, amtiert nicht auf Lebenszeit, sondern nach den Regeln für Kurienkardinäle: Mit spätestens 80 ist Schluss. Der vorige rote Papst, der indische Kardinal Ivan Dias, wurde 2011 emeritiert. Sein Nachfolger ist der Italiener Fernando Filoni. In diesem Monat ist auch Dias 80 Jahre alt geworden. Er darf nun nicht einmal mehr den künftigen Papst wählen. Und dann ist da noch ein zweiter Mann in Weiß: Papst Benedikt XVI., Emeritus am Lehrstuhl Petri. Sein Sitz: ein früheres Kloster im Vatikan; Alter: 89 Jahre. Gewählt auf Lebenszeit, doch aus Altersgründen zurückgetreten. Ein Kuriosum der Kirchengeschichte der Neuzeit – doch vielleicht ein historischer Präzedenzfall. "Ubi papa, ibi Roma" – wo der Papst ist, da ist Rom. Diese Formel des mittelalterlichen Kirchenrechtlers, Diplomaten und Kardinals Heinrich von Susa aus der Zeit vor dem Exil in Avignon stimmt also immer noch. Doch manch andere einstige Gewissheit gerät heute mit der Zahl 80 ins Wanken.

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

Von Alexander Brüggemann