Fahrradfahrer vor dem Kirchturm im Reschensee.
Bild: © KNA
Radwegekirchen bieten Platz zum Erholen

Ruhe für erschöpfte Radler

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Viele nutzen die Ferien und freie Wochenenden auch für ausgiebige Radtouren. Wer nicht nur Erholung für müde Beine, sondern auch für den Geist sucht, ist in einer Radwegekirche richtig.

Von Sarah Stöber |  Bonn - 08.08.2015

"Die Registrierung auf der Internetseite Radwegekirchen.de ist noch taufrisch, wir haben uns dort erst im Frühjahr diesen Jahres eingetragen", sagt Maria Magdalena Weißenberger. Sie ist Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Seelsorgeeinheit St. Christopherus und ehrenamtliche Koordinatorin der Radwegekirche ihrer Gemeinde. Mindestens zwei Mal die Woche schaut sie in der Kirche vorbei, um frisch gepflückte Blumen auf den Willkommenstisch zu stellen und nach dem Rechten zu schauen. Wenn Sie von größeren Radgruppen erfährt, springt sie auch mal in Ihrer Mittagspause in die Kirche und füllt die Schokobestände auf, erzählt sie lachend.

Auf die Idee eine Radwegekirche zu werden kam die Gemeinde durch eine Religionslehrerin , die in ihrem Urlaub eine Kirche mit diesem Zertifikat gesehen und ihrer Heimatgemeinde davon berichtete. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 283 Radwegekirchen an 104 Radwegen, darunter befinden sich evangelische und katholische Kirchen.

Mit der Auszeichnung sind bestimmte Standards verbunden

Die Idee, Kirchengebäude als Radwegekirchen auszuweisen, gibt es seit etwa 14 Jahren. 2009 beschloss die Evangelische Kirche die Einführung der einheitlichen Kennzeichnung "Radwegekirche". Damit wurden auch einheitliche Standards verbunden, die auch für die katholischen Radwegekirchen gelten: So muss die Kirche im Zeitraum von Ostern bis Ende Oktober tagsüber geöffnet sein. Darüber hinaus sollten vor Ort Bänke und Tische für die Rast, sowie Zugang zu Trinkwasser und Toiletten vorhanden sein. Seit 2012 findet man im Internet die teilnehmenden Kirchen auf einen Blick.

Screenshot der Seite www.radwegekirche.de
Bild: © katholisch.de

Auf der Seite der Radwegekirche findet man eine Karte, auf der alle Radwegekirchen eingezeichnet sind,

Neben St. Michael im Süden Deutschlands gehört auch St. Laurentius im Eichsfeld zu den katholischen Radwegekirchen. Hier kam man 2009 durch den Ausbau des Leine-Heide-Radweges auf die Idee, die Kirche als Radwegekirche zertifizieren zu lassen. Der eigentliche Anstoß sei durch einen Lokalpolitiker gekommen, sagt Ortspfarrer Franz-Xaver Stubenitzky: "Die Kommune wollte den Platz vor unserer Kirche neu gestalten und als Rastplatz für Radfahrer herrichten. Da passte das Konzept der Radwegekirche sehr gut." In einem Festakt im Juni 2010 feierte er dann gemeinsam mit der Gemeinde die Zertifizierung und die Übergabe der Plaketten für die erste Radwegekirche Thüringens.

Flyer müssen regelmäßig nachgelegt werden

Doch bis es dazu kam, musste die Gemeinde erst einige Baumaßnahmen vornehmen. Die regelmäßigen Auf- und Zuschließdienste organisiert die Gemeinde bis heute ehrenamtlich, ebenso wie das regelmäßige Auffüllen der Flyer, die über die Kirche und die Radwegekirchen-Aktion informieren.

Gedankt wird dieses Engagement durch die zahlreichen Eintragungen im Gästebuch, erzählt Pfarrer Stubenitzky. Wie viele Radfahrer genau die Radwegekirche schon besucht haben, weiß er nicht – immerhin kündigen sich die wenigsten Radfahrer an, sondern besuchen die Kirche spontan. Dass aber regelmäßig die Flyer-Bestände aufgefüllt werden müssen, zeige das große Interesse, so der Pfarrer.

Es ist eine schöne Möglichkeit, Menschen in die Kirche einzuladen.

Zitat: Maria Magdalena Weißenberger

Auch Maria Magdalena Weißenberger aus Küssaberg-Rheinheim hat keinen Überblick über die Anzahl der ankommenden Radfahrer. Dafür sei das Angebot noch zu frisch, sagt sie. Ihre Begeisterung vom Beginn des Projekts hat sie sich dennoch bewahrt: Als Sie im Pfarrgemeinderat von der Initiative hörte, war sie gleich Feuer und Flamme, erzählt Weißenberger. "Es ist eine schöne Möglichkeit, Menschen in die Kirche einzuladen. Andernfalls würden viele sicherlich gar nicht auf die Kirche aufmerksam werden."

Erholung auf der Papstbank

Damit zukünftig noch mehr Menschen von der Radwegekirche St. Michael in Küssaberg-Rheinheim erfahren, werden bald die Radweg-Beschilderungen in der Umgebung durch einen Hinweis auf die Radwegekirche ergänzt. Diese Aufgabe übernimmt die politische Gemeinde, denn auch hier sei man von dem Angebot angetan und will mehr tun, als nur Flyer im Touristikbüro auszulegen, ergänzt Weißenberger.

Spätestens zur nächsten Fahrradsaison können sportliche Urlauber dann auch in Gartenstühlen mit Blick direkt auf den Rhein zur Ruhe kommen. Dafür wird derzeit rund um die St. Michaelkirche gearbeitet, damit der Pfarrgarten frei zugänglich wird. Gelegenheit zum Verweilen gibt es aber auch jetzt schon: Wer mag, kann auf einer "Papstbank" vom Papstbesuch 2011 Platz nehmen. Die Bank steht unweit der Kirche St. Michael direkt neben einem Brunnen – und bietet Platz für erschöpfte Radlerbeine.

Von Sarah Stöber