Ruhen in dieser Kirche Drachenknochen?
Die mysteriösen Reliquien auf der Insel Murano

Ruhen in dieser Kirche Drachenknochen?

In einer Kirche auf Murano werden die Reliquien des heiligen Drachentöters Donatus verehrt. Die Gebeine ruhen im Altar – und dahinter die Knochen des Untiers, wie es heißt. Bis heute zieht der skurrile Fall Touristen auf die italienische Insel.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn/Murano - 29.01.2019

Wer die malerisch gelegene Kirche Santi Maria e Donato auf der Insel Murano in der Lagune vor Venedig besucht, muss schon wissen, wonach er sucht: Denn die drei langen, schmalen, gebogenen Knochen hängen etwas versteckt hinter dem Altar im Chorraum, wo sie mit ihrer weiß-gräulichen Farbe vor dem Marmorschmuck hinter ihnen kaum auffallen. Doch mit etwas Glück kann man anderen neugierigen Touristen folgen, die nach den Überresten eines Drachen Ausschau halten – denn die gehören sicher zu den skurrileren ihrer Art und sind mit einem rätselhaften Heiligen verbunden.

Auch wenn sie nicht direkt von ihm stammen, sind die drei Knochen eng mit der Geschichte des heiligen Donatus von Evorea verbunden. Über ihn ist fast nichts bekannt – was auch daran liegt, dass er gerne mit einem Namensvetter verwechselt wird: Dem ebenfalls heiligen Donatus von Arezzo. Der stammt aber aus der Toskana. Die Lebensgeschichten der beiden sind oft schwer auseinander zu halten, Vieles vermischt sich und an mancher Stelle taucht der eine Name anstelle des anderen auf. Da macht auch Murano keine Ausnahme: Denn obwohl dort Donatus von Evorea begraben liegt, ist die Kirche dem toskanische Donatus geweiht.

Die rätselhaften Knochen gehören aber zu dem Donatus, der dort auch seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Durch die Verwechselungen und Verschmelzungen der Geschichte weiß man nicht viel über ihn – als gesichert gilt aber so viel: Donatus von Evorea wurde im vierten Jahrhundert in Butrint im heutigen Albanien geboren und war zur Zeit des römischen Kaisers Theodosius I. (379-397) Bischof von Evorea. Beide Städte gibt es heute nicht mehr, bei Evorea ist noch nicht einmal sicher, wo sie genau lag. Man vermutet sie im Nordwesten Griechenlands.

Legenden und Missverständnisse

Die Verwechslungen mit dem anderen Donatus sorgen in der Biografie zum Teil an entscheidender Stelle für Missverständnisse: Denn Donatus von Arezzo starb den Märtyrertod, was dem Bischof von Evorea erspart blieb, der wohl im Jahr 387 eines natürlichen Todes starb. Dafür war er als Wunderheiler bekannt.

So wenig über sein Leben sonst bekannt ist, halten sich über den Bischof von Evorea doch zahlreiche Legenden: Eine handelt von einer Quelle mit verschmutztem Wasser. Eine Schlange, die Donatus dort aussetzte, trank davon und starb. Doch er sprach ein Gebet und segnete die Quelle, danach konnte er das Quellwasser ohne Gefahr trinken.

Nicht weniger bekannt ist die Geschichte, wie Donatus in einer trockenen, felsigen Gegend nur durch ein Gebet eine Quelle entspringen ließ. Außerdem erweckte er einen verstorbenen Mann kurzzeitig zum Leben, nachdem ein Geldeintreiber von dessen Witwe Geld wollte, dass der Verschiedene aber zu Lebzeiten schon bezahlt hatte. Donatus ließ den Mann aufwachen, der deckte den Betrug auf und schlief wieder ein – dieses Mal für immer. Das sind nur zwei der vielen Geschichten, die man sich von dem Heiligen erzählt.

Dann ist da die Sache mit dem Drachen: Der Sage nach hatte ein Dorf auf der griechischen Insel Kephalonia unter einem Drachen zu leiden, der den Brunnen vergiftete. Donatus ging zu dem Drachen und tötete ihn, indem er auf ihn spuckte. In einer anderen Version der Geschichte war es ein Kreuzzeichen, das Donatus über den Drachen siegen ließ. Es sollen die Knochen dieses Drachen sein, die heute in direkter Nachbarschaft zu den Gebeinen des siegreichen Bischofs präsentiert werden.

Dass die Reliquien in Murano liegen, also weit entfernt von der Region, in der Donatus zeitlebens wirkte, hat wiederum politische Gründe: Denn im Mittelalter gab es eine Art Wettstreit zwischen den Kirchen eines Ortes, welche von ihnen die meisten und wichtigsten Reliquien besaß. Da kam es der Kirche Santa Maria sehr gelegen, als der Doge von Venedig 1125 oder 1126 die Gebeine des Heiligen Donatus mitbrachte und der Kirche gab. Die änderte ihren Namen in Santi Maria e Donato. Seitdem liegt der Bischof in einem prächtigen Grab über dem Hauptaltar begraben, die Knochen des vorgeblich von ihm getöteten Drachen hängen direkt dahinter an der Wand. Um was für Knochen es sich da wirklich handelt, bleibt unklar – die Kirche lässt keine wissenschaftlichen Untersuchungen daran zu. Beobachter vermuten, dass die Knochen (wahrscheinlich sind es drei Rippen) zwar von einem eindrücklich großen, aber im Vergleich zu einem Drachen ungleich friedfertigeren Tier stammen: einem Wal. Auch möglich ist, dass es sich um Relikte eines Tieres aus der Familie der Mastodonten handelt, großen elefantenartigen Tieren, die während der letzten Eiszeit lebten.

Was auch immer dort für Knochen in der Kirche hängen: Wer sich an die Legende hält, kann in Santi Maria e Donato Überreste eines Drachen sehen, den ein Heiliger totgespuckt hat.

Von Christoph Paul Hartmann