Sacharja: Der Prophet des umkehrenden Gottes
Serie: Propheten im Alten Testament

Sacharja: Der Prophet des umkehrenden Gottes

Der Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels ist das Thema des Propheten Sacharja. Das Bauprojekt symbolisiert für ihn die Umkehr der Israeliten zu ihrem Gott, der sich ihnen schon längst wieder zugewandt hat. Gerade für Christen hat der Prophet jedoch eine besondere Botschaft.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 10.02.2019

Die Autoren des Neuen Testaments sahen in Jesus Christus den im Buch Sacharja verheißenen demütigen, auf einem Esel reitenden König, der zum Retter Israels werden wird (Sacharja 9,9-10 und Matthäus 21,4-5). Mit ihm identifizierten sie den durch und für sein Volk "Durchbohrten" (Sacharja 12,10 und Johannes 19,37). Das Hauptthema dieses Prophetenbuches ist jedoch ein anderes. Gut 20 Jahre nach dem Ende des babylonischen Exils, das auf die Zerstörung Jerusalems folgte, hatte sich die Hoffnung auf eine schnelle und glorreiche Wiederherstellung Israels und der Wiedererrichtung des Tempels noch nicht erfüllt. Als Sacharja erstmals als Prophet auftrat, am 18. Dezember 520 v. Chr., wirkte Haggai und drängte das Volk zum Tempelbau. Während für diesen Prophet der Tempelbau das eigentliche Thema seiner Verkündigung war, deutete Sacharja den entstehenden Tempel in seiner Bedeutung für Jerusalem und das Volk Gottes.

Sacharja war ein führender Priester

Der Tempel sei die Mitte einer neuen paradiesischen Schöpfung. Er sei der Ausgangspunkt für eine befriedete Völkerwelt und somit Ankerpunkt für die Hoffnung auf das kommende, allumfassende Heil: "An jenem Tag wird es sein, da wird aus Jerusalem lebendiges Wasser fließen, eine Hälfte zum Meer im Osten und eine Hälfte zum Meer im Westen; im Sommer und im Winter wird es so sein. Dann wird der HERR König sein über die ganze Erde. An jenem Tag wird der HERR einzig sein und sein Name einzig." (Sacharja 14,8-9)

Sacharja war gemäß der biographischen Notiz am Anfang des Buches nicht nur ein Prophet, sondern auch ein führender Priester, der aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt war (Nehemia 12,16). Sein Name bedeutet "JHWH hat erinnert / ist eingedenk". Diese Zusage steht auch am Anfang seiner Verkündigung. An Jerusalem wird deutlich werden, dass Gott beschlossen hat, sich nach der Exilierung seines Volkes diesem wieder zuzuwenden und in sein Heiligtum nach Jerusalem zurückzukehren. "Kehrt um zu mir - Spruch des HERRN der Heerscharen - , dann kehre ich um zu euch, spricht der HERR der Heerscharen," so übersetzt die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 das erste Gotteswort im Buch Sacharja.

Haggai rief das Volk Israel zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels auf. An der Fassade der Kathedrale von Amiens kann eine Statue des Propheten bewundert werden.

Aber der Prophet macht das Heil nicht von Bedingungen abhängig. Sondern Israels Umkehr zu Gott ist die Antwort, beziehungsweise notwendige Reaktion auf die längste entschiedene, vorausgehende Umkehr Gottes. "Voll Erbarmen wende ich mich Jerusalem wieder zu," verheißt Gott am Anfang des ersten Teils des Buches (Sacharja 1,16) und fügt an dessen Ende hinzu "so habe ich … in diesen Tagen geplant, Jerusalem und dem Haus Juda Gutes zu tun. Fürchtet euch nicht!" (Sacharja 8,15).

Jerusalem wird zu einer "offenen Stadt"

Sacharja knüpft direkt an die Verkündigung des Propheten Haggai an, der am Ende seines Buches, das Erbeben der Weltordnung angekündigt hatte (Haggai 2,21-23). Der voranschreitende Tempelbau führte jedoch nicht zu weltumwälzenden Veränderungen, sondern "die ganze Erde ruht und liegt still" (Sacharja 1,11). In dieser Situation vergewissert der Prophet das Volk in einem aus einzelnen Visionen bestehenden Spannungsbogen, dass Gott Jerusalem vor äußeren Feinden behüten und von denjenigen, die das Zusammenleben der Gemeinschaft durch Straftaten bedrohen, reinigen wird (Sacharja 1,8-6,8).

Jerusalem wird zu einer "offenen Stadt", der Gott selbst als schützende "Feuermauer" dient. In ihr wird eine sogenannte Dyarchie herrschen: Priester und König werden zusammen das Herrscheramt innehaben. Bis zum Kommen des neuen Königs aus der Dynastie Davids werde gar der Hohepriester kommissarisch die Pflichten und Rechte des Königs übernehmen (Sacharja 6,9-15). Zugleich verdeutlichen die Visionen auch, dass die menschliche Macht in der Geschichte ohnmächtig ist. Sie allein kann kein Heil bringen. Nur Gott allein kann durch sein Eingreifen in der Geschichte Heil bewirken. Die Distanz zwischen Gott und Mensch verdeutlicht sich auch in einem Novum der Prophetie. Die Visionen werden nun durch Boten Gottes an den Propheten vermittelt. Die Unmittelbarkeit der prophetischen Verbindung zu Gott besteht anscheinend nicht mehr.

Am Palmsonntag zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein - ein Bild, das aus dem Buch des Propheten Sacharja stammt. Im spanischen Zamora wird der Ritt Jesu auf dem Esel mit Figuren nachgestellt.

Der zweite Teil des Buches Sacharja unterscheidet sich in der Form deutlich von den ersten acht Kapiteln. Die Visionen sind nicht mehr datiert. Es gibt keine Verweise mehr auf konkrete geschichtliche Personen, wie den davidischen Hoffnungsträger Serubbabel, den Hohepriester Jehoschua und den persischen König Darius. Die Nennung der Griechen in Sacharja 9,13 ist vielleicht sogar ein Hinweis auf die Eroberung Kleinasiens durch Alexander den Großen ab 333 v. Chr. und somit in eine spätere Zeit. Auch die andere Art der Überschrift in Sacharja 9,1 und 12,1 "Ausspruch. Das Wort des HERRN …" wirken eher wie Buchanfänge, wenn man sie mit den ersten Versen der Bücher Nahum und Maleachi vergleicht. Autoren, die sich als Tradenten und Schüler des nur von 520-518 v. Chr. wirkenden Sacharja verstanden, haben seine Botschaft in ihrer Zeit aktualisiert und weitergedacht.

Christentum ist Teil der Utopie Sacharjas

Ihr Thema ist weiterhin die Wiederherstellung der Macht und Selbstständigkeit Jerusalems und des Gottesvolkes, die mit der Niederwerfung aller Feindmächte und dem Weltfrieden einhergeht. Bereits der Prophet Sacharja hatte verkündigt, dass Gott nicht nur wieder in Jerusalem wohnen wird, sondern sich viele Völker dem Gott Israels anschließen und sie zusammen mit Israel zu dem Gottesvolk werden (Sacharja 2,15). Gott verheißt Israel: "In jenen Tagen werden zehn Männer aus Nationen aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch." (Sacharja 8,23). Daran anknüpfend gelangt das Buch am Ende zu der Gewissheit, dass es nur den einen Gott gibt und dieser über die gesamte Welt herrscht (Sacharja 14,9, vgl. Deuteronomium 6,4-5). Zum Ende hin wird das Buch immer stärker apokalyptisch gefärbt. Alles läuft auf das Weltende hinaus, in dem sich Gott als der Allmächtige seinem Volk und der Welt offenbart.

Die christlichen Leser des Buches können sich mit den Teilen der Völkerwelt identifizieren, die im Angesicht des Handelns Gottes für sein Volk zu Israel sagen: "Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch." Das Judentum identifiziert den demütigen Friedensfürsten, den Sacharja verheißt, nicht mit Jesus Christus. Für seine Identität ist Israel nicht auf das Christentum angewiesen. Hingegen sind Christen in ihrem Glauben an Jesus als den durchbohrten, messianischen Retter des Gottesvolkes und den Friedensbringer für die Welt an Israel gebunden. Das Christentum ist Teil der vor allem in Sacharja 9-14 entfalteten Utopie, dass die gesamte Welt die Macht Gottes anerkennt. Die Mahnung Gottes am Anfang des Buches, "Kehrt um zu mir, dann kehre ich um zu euch", ist nicht ohne Grund eine der Kernbotschaften Jesu: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15).

Von Till Magnus Steiner