Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Schau hin!

Es gibt viele schmerzliche Dinge, vor denen Pater Philipp am liebsten die Augen verschließen würde. Das ist für ihn aber keine Lösung: "Schaut hin!", ermutigt er stattdessen. In seiner Auslegung des Evangeliums erklärt er, warum.

Von P. Philipp König OP |  Bonn - 10.03.2018

Impuls von Pater Philipp König

"Ich will das gar nicht sehen!" So geht es mir bei manchen Bildern in den Nachrichten, die mir zu grausam und zu erschreckend sind. Es gibt Meldungen, da würde ich mir am liebsten die Ohren zuhalten, die Augen verschließen und schnell weiterschalten. Ähnlich ist es bei bestimmten Erinnerungen aus meinem Leben, von denen ich gar nicht will, dass sie hochkommen. Die schiebe ich dann gerne weg, verstecke sie irgendwo ganz tief unten, damit sie ja nicht ans Tageslicht kommen und mir wehtun können.

Wenn ich ein Kreuz sehe, kommen mir manchmal auch diese Gedanken: Der Körper Jesu, blutend und geschunden, von anderen Menschen ans Kreuz geschlagen. Einfach nur entsetzlich und furchtbar, was Menschen einander antun können! Am liebsten würde ich wegschauen. Und doch sagt etwas in mir: "Schau hin! Lauf nicht weg, sondern stell dich der Realität. Sieh dem Gekreuzigten ins Gesicht!"

Schmerzhaftes zu verdrängen ist eine normale menschliche Reaktion, ein Schutzmechanismus, der an manchen Stellen sehr sinnvoll sein kann. Dennoch ist es keine Lösung, immer nur wegzuschauen und dem Leid auszuweichen. Niemandem ist damit geholfen. Im Gegenteil: Damit sich etwas zum Guten verändern kann, ist es notwendig, die Dinge so anzuerkennen, wie sie wirklich sind. Ich brauche den Mut, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, sie bei Licht zu besehen. Das kann und darf manchmal Zeit brauchen, sogar viel Zeit. Doch nur auf diesem Weg kann sich etwas zum Guten verändern, kann etwas heil werden.

In unserem heutigen Evangelium ist von einer Schlange die Rede. Auch sie war für die Israeliten in der Wüste ein Zeichen des Leids. Im Buch Numeri wird erzählt, wie Gott Giftschlangen unter das Volk schickte, um es für seine Ungeduld und Undankbarkeit zu strafen. Doch nachdem die Israeliten ihn daraufhin um Vergebung baten, eröffnete Gott eine Möglichkeit, um vor der tödlichen Wirkung des Giftes verschont zu bleiben: Wer gebissen wurde und zu der kupfernen Schlange aufblickte, die Mose an einem Stab aufgerichtet hatte, blieb am Leben (Num 21,6-9).

Die Schlange als Zeichen für die eigenen Schuld, der tote Körper Jesu als Zeichen für das entsetzliche Leid so vieler Unschuldiger – Für mich steht dahinter die Botschaft: "Schau hin! Verschließe deine Augen nicht vor dem, was schmerzhaft ist, sondern schau die Welt und dich selbst mutig und ohne Furcht an, auch dann wenn es schmerzt." Denn nur was ich angenommen und akzeptiert habe, kann auch geheilt werden. Jesus ist vor der Realität nicht davongelaufen, sondern er hat am Kreuz alles Leid und alle Schuld auf sich genommen und dadurch Erlösung gebracht. Ihm kann ich diese Welt und mein Leben anvertrauen, im festen Glauben, dass er nicht gekommen ist, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten.

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 3,14-21)

In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus: Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.  Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Der Autor

Pater Philipp König ist Dominikaner und arbeitet als Kaplan und Jugendseelsorger in Leipzig.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.