Eine riesige Kirchenbank lädt zum Ausruhen und zum Hören auf das Wort ein.
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Kunstprojekt "Off Church" bringt die Kirchen zu den Menschen

Schutzräume in der Innenstadt

Tief in der Diaspora verirren sich nur selten Besucher in die Kirchen. Also kommen die Gotteshäuser zu ihnen: Mitten in der Leipziger Innenstadt stehen Beichtstuhl, Kirchenbank und Co.

Von Gabriele Höfling |  Leipzig - 28.05.2016

Doch die Assoziation mit der Toilette ist weit gefehlt: Die "White Box" soll an einen Beichtstuhl erinnern. Sie ist Teil einer Installation, die typische Gegenstände aus Kirchen verfremdet in die Leipziger Innenstadt verpflanzt. "Off Chuch" nennt sich das Projekt. "Damit wollen wir die Kirche zu den Menschen bringen", erklärt Andreas Hahn, Organisator der Aktion und Chef einer Leipziger Kommunikationsagentur. "Gerade hier in der Diaspora funktionieren die Kirchen für uns Gläubige wie ein Schutzraum. Aber es sind eben auch Gebäude, in die Nicht-Gläubige von selbst so gut wie nie hineinkommen. So entsteht kein Dialog." Neben dem Beichtstuhl will das Projekt des Bistums Dresden-Meißen den Menschen auch die Funktion von Kirchenbänken, Kanzel, Tabernakel und Fürbitten nahebringen.

Ein Selbstversuch

Die "White Box" reizt zum Selbstversuch. Ich ziehe den Zettel B21. Wenig später fordert mich die digitale Nummernanzeige zum Eintreten auf. Auch drinnen ist alles weiß, nur der blaue Teppich sticht heraus. Der Raum ist in zwei Hälften geteilt, getrennt durch ein milchiges Plastikgitter mit Löchern auf der Höhe des Gesichts – das erinnert schon eher an einen Beichtstuhl. Die Tür auf der anderen Seite geht auf, jemand kommt herein und setzt sich auf die andere Seite des Gitters. Durch die Löcher kann ich erkennen, dass es sich um einen Jugendlichen handelt, ich sehe seine braunen Augen und dass er einen Hut aufhat. Wir sprechen ein paar Worte miteinander, aber zwischendurch schweigen wir auch. Verlegenheit liegt in der Luft. In dem Raum ist es sehr stickig und still, es fällt mir schwer, mich nach dem Trubel draußen auf die plötzliche Ruhe einzulassen. Als wir ein paar Minuten später wieder draußen sind, erfahre ich den Namen meines Gegenübers: Nathaniel Klein ist 13 Jahre alt, mit seiner Familie hier und kommt aus dem Landkries Rastatt bei Baden-Baden. Im Gegensatz zu mir hatte die White-Box auf ihn durchaus auch eine beruhigende Wirkung: "Weil da einfach nix war", sagt er.

Beim Tipi wird die Aktion abstrakt: Das Zelt soll den Tabernakel symbolisieren. Im hebräischen Ursprung steht der Begriff für das Wort Zelt.
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Beim Tipi wird die Aktion abstrakt: Das Zelt soll den Tabernakel symbolisieren. Im hebräischen Ursprung steht der Begriff für das Wort Zelt.

Ganz anders kommt die leuchtend pinkfarbene, überdimensionierte Kirchenbank daher, die direkt vor der berühmten Thomaskirche steht. Sie ist zehn Meter lang und übersäht mit Grußnachrichten, die die Besucher mit schwarzem Edding hinterlassen haben. Aus der Lehne ragen Kopfhörer. Zieht man sie auf, hört man die tiefe Stimme Ben Beckers aus der Bibel lesen: "Und Gott sah, dass es gut war", sagt er gerade. Auf der Bank sitzt Andreas Hahn, vertieft in ein Gespräch mit zwei Katholikentagsbesucherinnen aus Münster. "Wir unterhalten uns hier gerade wie sonntags nach der Messe. Aber jetzt findet das endlich mal außerhalb von Gottesdienst und Kirchengebäude statt", finden auch Nicole Thien und Urse Schwanekamp. Die beiden haben sich vorgenommen, alle fünf Stationen des Kunstprojektes abzulaufen. "Wir wollen mal gucken, ob die Idee des Dialogs nach außen auch funktioniert", erklären sie. Einen Themenbereich "Leben mit und ohne Gott", wie er nun erstmals in Leipzig auf dem Programm stand, sollte es ihrer Meinung nach künftig auf allen Katholikentagen geben. "Schließlich wird der in keiner Stadt mehr stattfinden, in der es nicht auch Leben ohne Gott gibt", sind die beiden überzeugt.

"Wir wollen mit dem Projekt die Passanten überraschen"

Ähnlich sieht das auch Gregor Giele, Propst der gerade erst eröffneten Propsteikirche, der spontan vorbeischaut. "Dass 'der Leipziger' fünf Euro für das Programm ausgibt und 600 Seiten durchblättert, um sich dann ein Podium auszusuchen, würde doch eher einem Wunder gleichkommen." Nur vier Prozent der Menschen, die in der Stadt leben, sind überhaupt katholisch. "Wir haben nur die Chance, mit dem Projekt die Passanten hier auf der Straße zu überraschen, damit sie wegkommen von ihrem Bild der Kirche als leicht verschnarchtem Verein, als monolithischem Block", erklärt er. Deswegen wird auch jede der fünf Stationen von Ehrenamtlichen betreut, die erklären können, was es mit den Gegenständen auf sich hat.

An der nachgebauten Kanzel des "Speakers Corner" auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof bemühen sich ein junger Nachwuchsehrenamtler und seine Mutter gerade redlich, Menschen zu einem Statement zu motivieren. "Kommen Sie hoch, trauen Sie sich", sagt der 11-jährige Felix unter Einsatz seines ganzen Charmes in das Mikrophon und blickt herausfordernd über den Platz. Es dauert ein bisschen, bis er Erfolg hat. Doch dann kommt ein Team der Bahnhofsmission Bielefeld vorbei, das auf dem Katholikentag in Leipzig aushilft und an den gelben Westen zu erkennen ist. Felix lockt Leiter Marcel Bohnenkamp auf die Kanzel. Zunächst holpert es noch ein bisschen, dann gerät Bohnenkamp ins Schwärmen über seinen Beruf – es folgt ein Kurzvortrag, der einer Predigt schon sehr nahe kommt. Doch es gibt auch die anderen Szenen: Ein junger Mann mit rosarot umrandeter Sonnenbrille in Herzform steigt auf die Kanzel: "Gott hat euch alle schön gemacht – schön blöd", sagt er und entschwindet Richtung Bahnhof.

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Ihre virtuellen Fürbitten können die Passanten auf einem Flügelaltar in grellbunter Graffiti-Optik loswerden: Per Touchscreen wählen sie unter anderem Farbe und Stärke der Schrift und schreiben dann direkt mit der Hand los. Eine Gruppe der Dresdner Kapellknaben hat unter Kichern einen unanständigen Spruch auf dem Bildschirm platziert. Als Helferin Brigitte Peters sie jedoch darauf aufmerksam macht, dass ihr Satz durchaus als Fürbitte veröffentlicht werden könnte, überlegen sie es sich noch einmal anders. Solche Begebenheiten stören Andreas Hahn nicht – im Gegenteil: "Es ist doch klar, dass so etwas auch vorkommt. Für manche Jungs in dem Alter ist die naheliegendste Fürbitte vielleicht ein BMW oder das neueste Nintendo-Spiel – aber einer schreibt vielleicht auch das Wort 'Frieden' auf den Touchscreen – und schon sind wir im Gespräch." Und da sind ja auch die Besucherinnen wie Gertraud Jermutus, die das Angebot ernst nehmen: Die Hoffnung auf mehr Toleranz ist ihre Fürbitte, die sie aus ihrem Engagement in der Flüchtlingsarbeit begründet.

Richtig abstrakt wird das Projekt "Off Church" mit seinem Tipi-Zelt zwischen Neuem Rathaus und Propsteikirche. "Dadurch soll der Tabernakel symbolisiert werden", erklärt die dortige Helferin Maria Minkner. "Denn das hebräische Wort für Tabernakel bedeutet Zelt." Und weil der Tabernakel der Ort ist, an dem das Allerheiligste aufbewahrt wird, sind hier auch die Besucher dazu aufgerufen, sich zu überlegen, was ihnen ganz persönlich heilig ist. Dass das nach außen erst einmal ein bisschen erklärungsbedürftig ist, stört Minkner nicht. Schließlich geht es ihr darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. "Wenn wir schon in einer Stadt wie Leipzig den Katholikentag feiern, dann muss es doch unser Anliegen sein, uns nicht nur nach innen ein schönes Fest zu machen, sondern auch nach außen die Leute anzusprechen und ihre Neugier zu wecken."

Von Gabriele Höfling