Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester M. Salome Zeman über das Sonntagsevangelium

Schwarz-Weiß-Malerei

Schwarz oder weiß, gut oder böse: Im realen Leben ist es komplizierter. Doch was bedeutet es, wenn Weltenrichter Jesus die Schafe von den Böcken scheidet? Schwester M. Salome Zeman sucht nach einer Antwort.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF |  Bonn - 25.11.2017

Impuls von Schwester M. Salome Zeman

In der säkularen Weihnachtskultur der USA wissen die Kinder, dass der Weihnachtsmann Listen führt: die Naughty-List, also die Liste für alles, was man angestellt hat und wo man böse war, und die Nice-List, also die Liste für die guten Taten. Geschenke bekommt nur der, der mehr auf der Nice-List zu verzeichnen hat als auf der Naughty-List. Diese Tradition ist der von Nikolaus und Knecht Ruprecht ähnlich, nur durch die Listen noch etwas expliziter: die Welt ist eindeutig schwarz oder weiß, und die Mischung wird nicht grau, sondern – je nachdem was überwiegt – wieder eindeutig schwarz oder weiß. Am Ende gibt es nur gute Kinder oder böse Kinder.

Ich will das nicht platt vergleichen mit dem heutigen Christkönigs-Evangelium, in dem Christus als Weltenrichter die Schafe von den Böcken scheidet. Gut und böse, richtig und falsch sind in der Regel komplizierter, als es für Kinder erscheint. Oft genug stehe ich vor Entscheidungen und weiß: Egal was ich tue, es wird immer jemanden geben, dem ich damit nicht gerecht werde, den ich damit verletze und der meine Entscheidung falsch finden wird. Und anders als beim Weihnachtsmann muss Christus als Weltenrichter auch nicht erst in Listen oder im großen Buch nachschauen, wie die Gut-Böse-Bilanz ausfällt.

Im Evangelium steht die Entscheidung, der Urteilsspruch des Weltgerichts, schon fest. Es geht nur noch um die Trennung und Aussortierung. Und genau dabei scheint es im Evangelium nur schwarz oder weiß zu geben. Entweder Bock oder Schaf, entweder ich habe dem geringsten meiner Brüder geholfen oder nicht. Kein "Ja, aber…", kein "eigentlich…", kein "so einfach ist das nicht…".

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was ich davon halten soll: Auf Anhieb kenne ich nämlich niemanden, der so ganz schwarz-weiß in eine dieser Schablonen passt. Es fällt mir niemand ein, der nur auf der Naughty-List steht, und auch niemand, der immer nur die Nice-List verdient hat. Und guten Gewissens könnte vermutlich auch niemand von sich selbst mit Sicherheit sagen, ob er eher naughty oder eher nice ist.

Und genau darin liegt für mich der springende Punkt des Evangeliums: ich könnte keine Schafe von Böcken trennen. Ich sehe viel schwarz und viel weiß, aber ich sehe keine Eindeutigkeit. Und das muss ich auch nicht: Jesus ist der Weltenrichter, er ist der König, von dem am Ende alles abhängt, und nicht ich.

Ihm und seinem Urteil muss ich mich anvertrauen: Er wird nichts vergessen, was ich getan oder nicht getan habe. Und ich weiß: Er ist aus Liebe zu uns Menschen selbst Mensch geworden, hat sich erniedrigt, ist gestorben und auferstanden, um uns zu erlösen. Ob ich nun Bock oder Schaf bin, ich bin in seiner Hand.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 25, 31-46)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.

Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?

Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

Die Autorin

Schwester M. Salome Zeman ist Franziskanerin von Sießen, Diplomtheologin und studiert in Freiburg Englisch.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.