"Sehnsucht nach gelingendem Leben"
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Äbtissin Maria Regina über ihr Verhältnis zu Mariä Himmelfahrt

"Sehnsucht nach gelingendem Leben"

An "Mariä Himmelfahrt" feiert Mutter Maria Regina, die Äbtissin von Kellenried, ihren Namenstag. Die Benediktinerin schöpft aus dem Festgeheimnis Lebensfreude für das Beten und Arbeiten im Kloster. Sie hält das Fest aber auch für eine Provokation.

Von Dorothée Becker |  Kellenried - 15.08.2015

In der gelb-weiß gehaltenen Abteikirche in Kellenried kann der Blick der Besucher im Gästeschiff im geheimnisvollen Dunkel eines goldumrandeten Gemäldes versinken. Licht geht im Bild nur von drei hellen Angesichtern aus: Die Mutter Jesu kniet vor Christus, der ihr ein Zepter überreicht; Gott Vater setzt eine Krone auf Marias Haupt. Über allem strahlt der Heilige Geist. "Mariä Krönung" zeigt das Gemälde. Neben der "Entschlafung Mariens" und "Mariä Aufnahme in den Himmel" das dritte Bildmotiv im Geheimnis des Festes.

Das Gemälde aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts legt das Festgeheimnis aus. "Die Krönung Mariens steht für ihr vollendetes Leben im Glanz Gottes", erklärt die 1999 von der Gemeinschaft gewählte Äbtissin. Die Augen der ehemaligen Novizenmeisterin strahlen weiter, als sie erzählt, was ihr "Mariä Himmelfahrt" persönlich bedeutet: "In jedem Menschen ist die Sehnsucht nach gelingendem Leben – einem Leben, das sich an seinem Ende runden wird." Dann spricht neben tiefer Religiosität die Bodenständigkeit aus der einstigen Lehrerin für Religion und Mathematik: "Hier auf der Erde erfüllt sich diese Sehnsucht meist nur in Ansätzen. Doch als Christen leben wir mit der Hoffnung auf Vollendung im Herzen Gottes."

"Der Tod muss nicht verdrängt werden"

Der Stuhl der Äbtissin im Nonnenchor steht genau gegenüber der Altarinsel mit dem als Lebensbaum gestalteten Kreuz. Wenn sanftes Abendlicht durch die Glasfenster der Apsis fällt, werden die Kreuzbalken als Stamm mit Astansätzen und die Blattornamente aus Bronze sichtbar. Als die Glocken von St. Erentraud nach dem Abend- das Nachtgebet einläuten, knien die Nonnen im Chorgestühl. Einige Glockenschläge lang scheint die Zeit in Kellenried stillzustehen. Tiefer Friede legt sich über die Abtei. Wie ein Hauch von Ewigkeit.

In der Abteikirche von Kellenried gibt es ein als Lebensbaum gestaltetes Kreuz und das Gemälde "Mariä Krönung".

"Der Tod muss nicht verdrängt werden, so wie viele Menschen das tun!" Wieder strahlt die Äbtissin von innen. "Nach dem Tod beginnt doch erst das eigentliche Leben. Das ist für mich die Grundbotschaft des Festes Mariä Himmelfahrt." Nachdem die Nonnen zum Abschluss der Vigilien aus der Kirche ausgezogen sind, schließt eine Schwester das schmiedeeiserne Gitter zwischen Gästeschiff und Nonnenchor wieder zu. Ein Zeichen dafür, dass die Ordensfrauen das weltliche Leben verlassen haben, um Jesus ganz nachzufolgen.

Die Provokation des Festes

Die Treue für diese entschiedene Lebensform schöpft die Äbtissin unter anderem aus dem Gebet zu ihrer Namenspatronin. "Maria hat ihr Ja, das sie bei der Verkündigung sprach, durchgehalten. Ein Leben lang", erklärt Schwester Maria Regina. Dieses Vorbild gibt der Nonne die Kraft, auch eigene Schwächen und Begrenztheiten anzunehmen. Wenn die Gemeinschaft "Mariä Himmelfahrt" mit besonderen Melodien im Stundengebet sowie Blumenschmuck in Kirche und Refektorium feiert, erinnert sich die Ordensfrau an die Lebensstationen der Muttergottes: die Empfangende, die, glücklich ihr Magnificat singt; die Vertrauende bei der Hochzeit zu Kanaan; die Mutter, der unter dem Kreuz ein Schwert durch die Seele dringt. Und schließlich die Gekrönte bei Gott. Als sei der Mutter Jesu gerade durch ihr Ja selbst zu tiefstem Leid neues Leben geschenkt worden.

"Im Fest Mariä Himmelfahrt liegt auch eine gewisse Provokation", sagt die Äbtissin nachdenklich. Denn "uns wurde zugesprochen, dass unser Leben vollendet wird." Die helle Stimme der Benediktinerin klingt entschieden: "Wenn wir bereit sind, mit Jesus den Weg zu gehen."  Schwester Maria Regina blickt auf das als Lebensbaum gestaltete Kellenrieder Kreuz. Der Glanz in ihren Augen leuchtet unter ihrem schwarzen Schleier umso heller. "Das bedeutet: Ich gehe Tag für Tag mit Ihm – und Er mit mir. Durch den Tod hindurch ins Leben."

Von Dorothée Becker

15. August: Mariä Himmelfahrt

Seit etwa dem siebten Jahrhundert feiern Christen Mariä Himmelfahrt, die Aufnahme Marias in den Himmel. 1950 verkündete Papst Pius XII. den für Katholiken verbindlichen Glaubensinhalt (Dogma), dass die Mutter von Jesus Christus bei ihrem Tod "mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen" wurde. Das bedeutet, dass sie nach Ende ihres irdischen Lebens in einen Zustand gelangte, in den Gläubige erst nach der Auferstehung am Jüngsten Tag kommen werden: die Auferstehung des Leibes. Mariens leibliche Aufnahme in den Himmel symbolisiert so den erlösten Menschen. Mit Jesus hat sie zudem den Urheber des Lebens geboren und durch ihr Ja in besonderer Weise zum Sieg des Lebens über den Tod beigetragen. (luk/dpa)