Selbstoptimierung oder Selbstakzeptanz? – Jesus kann helfen
Kolumne: Unterwegs zur Seele

Selbstoptimierung oder Selbstakzeptanz? – Jesus kann helfen

Mehr denn je ist die Menschheit bestrebt, sich permanent zu verbessern, zu verschönern, zu verschlanken. Doch diese "Selbstoptimierung" birgt Gefahren: Grenzen werden ignoriert, Druck aufgebaut, Perfektion eingefordert – der Mensch kämpft gegen sich selbst. Einen Ausweg aus dieser Misere weist Jesus.

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 18.07.2019

Brigitte Haertel bei katholisch.de

Beinahe alles unter der Sonne hat einen Marktwert – auch jeder einzelne Mensch. Folgerichtig ist die Menschheit mehr denn je bestrebt, sich permanent zu "verbessern", zu verschönern, zu verschlanken. Selbstoptimierung heißt das Zauberwort, das eine auf Erfolg ausgerichtete Gesellschaft dem/der Einzelnen verordnet hat. Dabei meint Selbstoptimierung nichts weiter als sich weiter zu entwickeln, neu ist allenfalls die Umetikettierung des Begriffs. Die wichtigsten Hinweisschilder auf dem Weg der Selbstoptimierung lesen sich heute so: Richtige Ernährung, Sport treiben, Ego im Zaum halten, Stilbewusstsein schärfen und Mitreden-können in Politik, Kunst und Kultur. Spiritualität und Weisheit finden sich kaum im Ranking der Selbstoptimierer. Es herrscht das Mantra: Jeder kann alles schaffen, nichts ist unmöglich! Die Sinnfreiheit dieses Satzes zeigt sich an simplen Beispielen: Wer bestimmte Anlagen nicht mitbringt, kann sich bestimmte Wünsche nicht erfüllen, heißt, eine Frau, die 1,60 Meter groß ist, sollte keinen Gedanken verschwenden an eine internationale Modelkarriere.

"Ich lebe in einer Zeit, mit bestimmten Anlagen, Möglichkeiten und Grenzen", notierte einst der Philosoph Karl Jaspers in seiner Tabelle der "Grenzsituationen". Wo sind sie also, die Grenzen des Menschen? Da ist die härteste Grenze: die Endlichkeit des Lebens, die alle Sinngebung infrage stellt. Da ist das Scheitern, dass zum Menschsein gehört und das Betroffene zwingt, auch im Scheitern zu sich zu stehen. Und da ist das große Thema Schuld, jedes Handeln schließt die Möglichkeit des Schuldigwerdens ein – an sich selbst und an anderen.

Vom optimistischen Leitgedanken zum Folterinstrument

Aus dem optimistischen Leitgedanken, dass jeder alles schaffen kann, ist ein Folterinstrument geworden, das Grenzen ignoriert, Druck aufbaut, Perfektion einfordert und den Menschen unaufhörlich gegen sich selbst ankämpfen lässt. Der römische Philosoph Seneca behandelte in seiner Schrift "De vita beata" die Kunst des glücklichen Lebens; es sei schwierig, ein erfülltes Leben zu führen und der einzige Weg dahin sei es, Weisheit zu erlangen. Aus der Weisheit erwachse Tugend, und nur ein tugendhaftes Leben sei ein gelingendes Leben. Doch Tugenden wurden von den heutigen Selbstoptimierern aussortiert, ihnen geht es um Erfolg um jeden Preis. So kann es vorkommen, dass sie in einer hedonistischen Tretmühle landen und statt Erfüllung bloß Schmerz finden.

Im großen Doppelgebot Jesu könnte sich ein Hinweis in die richtige Richtung finden: Wer sich und seinen Nächsten liebt, findet Frieden in der Selbstakzeptanz. Sie fördert das Selbstbewusstsein, das entscheidend ist für ein zufriedenes Leben. Während Selbstbewusstsein die eigenen Stärken im Blick hält, hält Selbstakzeptanz ihm den Rücken frei und verteidigt es vor den eigenen Schwächen. Persönliche Fehler verlieren ihre Macht durch Selbstakzeptanz. Dennoch bedeutet sie nicht, diese Fehler einfach Fehler sein zu lassen, vor allem nicht, wenn sie Selbstsabotage nach sich ziehen. Der sicherste Weg schwach zu bleiben, ist seine Schwächen einfach zu akzeptieren. Das ruft einem goldenen Mittelweg auf den Plan, angesiedelt zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz. Sich selbst stetig weiterentwickeln und dabei selbst annehmen, das könnte die Formel sein.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.