Studenten bei einer Vorlesung an einer Universität.
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Sind angehende Religionslehrer überhaupt religiös sozialisiert?

Was müssen angehende Religionslehrer eigentlich wissen und wie wirkt sich das Nichtwissen auf die Gestaltung von Religionsunterricht aus? Carina Caruso bildet Religionslehrer aus – und schreibt für katholisch.de darüber.

Von Carina Caruso |  Bonn/Trier - 19.07.2019

Carina Caruso

Der Studienverlaufsplan sieht schon früh im Studium (ab dem 2. Semester) eine Einführung in die Fachdidaktik beziehungsweise Religionsdidaktik vor. Diese Veranstaltungen bereiten mir besondere Freude: Sie stellen eine Gelegenheit dar, angehende Lehrkräfte für die Tätigkeit als Religionslehrkraft zu begeistern, dabei zu unterstützen, den Berufswunsch zu prüfen, für das Theologisieren von und mit Kindern und Jugendlichen zu werben sowie aufzuzeigen, welches Potenzial der Religionsunterricht in der Schule hat.

Ein gewisses Basiswissen über den christlichen Glauben, setze ich voraus: es ist das Fundament dafür, sich zu Glaubensinhalten zu verhalten, einen persönlichen Glauben zu entwickeln. Kurzum: Studienanfänger sollten über den christlichen Glauben "Bescheid" wissen und prinzipiell davon überzeugt sein. Schließlich haben sich die angehenden Lehrkräfte für das Studium der Katholischen Theologie entschieden und damit dafür, Lehrer für bekenntnisgebundenen Unterricht zu werden: soweit die Theorie.

"Wer war nochmal Joseph Ratzinger?"

Zurück zum Anfang: In der einführenden Veranstaltung hat auch die Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten einen Raum. Die Frage die aufkam: "Wie zitiert man ein Buch, das in der ersten Auflage erschienen ist?" Die Frage ist mit einem präzisen Beispiel schnell beantwortet: "Ratzinger, Joseph, Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode, Köln 1965." Die Studierenden begannen untereinander ins Gespräch zu kommen. Da ich mir nicht erklären konnte, warum, habe ich nachgefragt. Stille. Plötzlich meldete sich ein Student. "Frau Caruso, Sie bringen ja immer Beispiele von echten Büchern, meist von unseren Dozierenden. Wer war nochmal Joseph Ratzinger?"

Anstatt die Frage zu beantworten, habe ich diese dem Plenum gestellt – so konnte ich mir etwas Zeit verschaffen, um auf mich wirken zu lassen, was ich von dieser Frage eigentlich halten solle. Immerhin steht sie im Kontext eines Seminars von angehenden Lehrern für das Fach Katholische Religionslehre, die Katholische Theologie an einer Hochschule studieren. Das Ende des Plenumsgesprächs nehme ich vorweg – auf vielen Irr- und Umwegen kamen wir schließlich auf Benedikt XVI. Verraten darf ich, dass mich diese Erfahrung wirklich nachhaltig beschäftigt hat. Denn was darf ich bei Studierenden eigentlich an Wissen voraussetzen? Wird man katholischer Religionslehrer ohne Bezug zur Konfession? Wer keine Zahlen mag, studiert doch auch keine Mathematik, wer ungerne englisch spricht, wird auch keine Englischlehrer, oder? Ohne "Bescheid" zu wissen und sich dazu zu positionieren, kann man Glauben auch nicht vorleben, aber das wird von Religionslehrkräften für konfessionellen Unterricht erwartet.

In einem Klassenzimmer hängt ein Kreuz an der Wand.

Auch Missstände in der Kirche - etwas der Missbrauchsskandal - können Thema im Religionsunterricht sein.

Derselbe Kontext, einige Wochen später – kurz vor Ostern. Zu Beginn der Seminarsitzung verorte ich die einzelne Sitzung immer gerne thematisch in der gesamten Dramaturgie des Seminars. "Heute widmen wir uns ... Nach Ostern entfällt dann die Sitzung und in der anschließenden Woche beginnen wir dann ..." Ich höre, wie eine Studentin zu ihrer Kommilitonin sagt: "Ostern ist aber spät in diesem Jahr. Das liegt ja echt jedes Jahr total anders." Das Seitengespräch "Warum liegt Ostern denn eigentlich immer anders?" habe ich aufgenommen, während ich meine Präsentation auf dem Laptop startete. Anders als im Fall Benedikt XVI. bog dieses Plenumsgespräch auf keine Zielgerade. Auch in Bezug auf die Frage, warum Christen vor Ostern fasten, waren die Antworten meiner Studierenden "kreativ".

Natürlich gibt es auch die Gespräche mit Studierenden, die inspirierend sind und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Ich darf auch Studierende erleben, die sehr gute Lehrkräfte zu werden scheinen, weil sie nicht nur ein breites Fachwissen haben, sondern ich mir lebhaft vorstellen kann, wie sie Kinder und Jugendliche dafür begeistern, sich mit theologischen Fragen auseinanderzusetzen. Auch kann ich nicht ausschließen, dass in beiden Fällen Studierende die Antworten kannten, aber sich nicht eingebracht haben.

Was müssen angehende Religionslehrer eigentlich wissen?

Dennoch stelle ich mir Fragen, die ich selbst nicht beantworten kann: Was müssen angehende Religionslehrer eigentlich wissen und wie wirkt sich das (Nicht)Wissen auf die Gestaltung von Religionsunterricht aus? Sind angehende Religionslehrer überhaupt religiös/christlich/konfessionell sozialisiert? Das Studium ist jedenfalls nicht darauf ausgelegt, bei Null anzufangen. Wo müsste die Ausbildung von angehenden Lehrkräften aber beginnen?

Bei der nächsten Einführungsveranstaltung werde ich diese Fragen zum Ausgangspunkt meiner Arbeit mit Studierenden nehmen. Im Zentrum stehen soll zukünftig intensiver, was die normative Zielperspektive von Religionsunterricht in der Schule ist, welche Vorstellung Studierende von Religionsunterricht und ihrer Rolle als Religionslehrkraft haben und inwiefern sich daraus gegebenenfalls Spannungen ergeben können.

Von Carina Caruso

Die Autorin

Dr. Carina Caruso arbeitet am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Religionsdidaktik ist sie für die Ausbildung von Religionslehrern verantwortlich.

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