Sind Theologen zu abgehoben?
Pro und Contra: Elfenbeinturm oder wissenschaftliches Ethos

Sind Theologen zu abgehoben?

Darf ein Journalist wie Franz Alt die Deutungshoheit über die Exegese der Jesus-Worte haben? Wo sind die Exegeten, fragt katholisch.de-Redakteur Thomas Jansen. Björn Odendahl sieht das Problem an anderer Stelle.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 16.12.2017

Pro: Raus aus eurem Elfenbeinturm

Was ist nur mit den deutschen Theologen los? Da verkündet der Journalist Franz Alt in der "Bild am Sonntag" einer Millionenleserschaft, die Hälfte aller Jesus-Worte sei falsch übersetzt, verunsichert damit zahlreiche Christen und stellt obendrein die wissenschaftliche Forschung der vergangenen hundert Jahre infrage. Doch die Professoren der theologischen Fakultäten sehen offenbar keinen Anlass, dem öffentlich zu widersprechen. Im persönlichen Gespräch kann man hören, das sei ja völliger Quatsch! Wie kann man so was nur veröffentlichen! Und Franz Alt, wer sei das denn schon?

Doch in die Öffentlichkeit geht damit niemand! Warum? Warten die Theologen erst auf einen Anruf von "Bild am Sonntag"? Ist es unter ihrer Würde mit einem bekannten theologischen Sachbuchautor in einen Disput zu treten, der Bücher ohne Fußnoten schreibt? Ist es egal, wenn Christen sich die Frage stellen, ob ihr Glaube möglicherweise zu einem großen Teil auf einer falschen Wiedergabe von Jesu Worten zurückgeht? Oder ist es theologisch belanglos, ob die überlieferten Aussagen echt oder falsch sind?

Die Causa Alt wirft eine Frage auf, die sich schon seit geraumer Zeit stellt: Kann es sein, dass die deutsche Theologie zu abgehoben ist? Dass sie an den Bedürfnissen der Leute vorbeiforscht und oft das Gespür dafür verloren hat, was die einfachen Gläubigen bewegt?  Unbestritten gibt es auch heute brillante Köpfe unter den deutschen Theologen. Doch deren Ausstrahlung endet oft an den Pforten der theologischen Fakultäten. Wer von ihnen kann noch so reden, dass ihn auch der Mann auf der Straße versteht? Wo sind Theologen wie Romano Guardini, dessen Seligsprechungsverfahren heute offiziell beginnt, die weit über die Fachgrenzen hinaus gehört werden? Oder wie Joseph Ratzinger. Man mag dem Theologen Ratzinger manches vorhalten können, nur eins nicht: dass er eine abgehobene und verquaste Sprache hat. So klar und allgemeinverständlich wie Ratzinger kann heute kam noch ein Theologe formulieren. Doch auch zu seinen drei Jesus-Büchern, die versuchten, die Kluft zwischen Hörsaal und Pfarrgemeinde zu schließen, hört man aus der wissenschaftlichen Theologie oft nur, sie seien nicht auf dem neuesten Stand der Forschung. Vom  Katechismus der katholischen Kirche ganz zu schweigen.

Vielleicht würde es der Theologie in Deutschland gut tun, eine Empfehlung von Kardinal Karl Lehmann wieder mehr zu beherzigen: Der sagte 1993, als er die deutsche Übersetzung des Katechismus vorstellte, viele Menschen seien "ratlos vor den vielen Stimmen in der Theologie und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr". Die Theologen müssten "selbstkritisch nachdenken, warum der Katechismus von so vielen Menschen verlangt wird".

Von Thomas Jansen

Bild: © KNA

Joseph Ratzinger als Dozent der Dogmatik und Fundamentaltheologie in Freising im Sommersemester 1955.

Contra: Nicht alles ist einfach zu erklären

Auch wenn es einige Philosophen und Naturwissenschaftler noch immer nicht wahrhaben wollen: Die Theologie ist eine ernstzunehmende wissenschaftliche Disziplin. Einfach draufloszupoltern geht also nicht. Wissenschaftliche Werte wie Eindeutigkeit, Transparenz und Objektivität sind genauso gefragt wie Überprüfbarkeit, Offenheit und Redlichkeit. Vor allem aber muss eine wissenschaftliche Analyse differenziert sein.

Mitten in diesen inneren Zwiespalt hinein grätscht nun jemand, der sich um diese Werte nicht schert: der Journalist und - darüber wird gestritten – "Theologe" Franz Alt. Er behauptet, die Hälfte aller Jesus-Worte sei falsch übersetzt. Sein Interview in der "Bild am Sonntag" wurde gelesen – und zwar millionenfach. Wissenschaftlichen Publikationen gelingt das wohl eher selten. Überlässt man hier also einem Journalisten die Deutungshoheit über die Exegese?

So einfach ist es nicht. Das Problem liegt nämlich viel tiefer und begrenzt sich nicht auf die Theologie: Franz Alt und sein Interview in der "Bild" sind nur die Spitze des Eisbergs momentaner gesellschaftlicher Entwicklungen, die spätestens seit der AfD und der Flüchtlingskrise zu einer regelrechten Bedrohung für die öffentliche Meinung geworden sind. Es wird abgeschrieben, polarisiert, verkürzt, verfälscht und diffamiert. Ein objektiver Nachrichtenanteil wird häufig unentwirrbar und unkenntlich mit Meinungen und Behauptungen verflochten. Außerdem zählt im digitalen Zeitalter vor allem eins: Schnelligkeit und Aufmerksamkeit.

Ja, auch die Kirche muss sich pointiert, kurz, verständlich und öffentlichkeitswirksam äußern können – zum Beispiel in den sozialen Medien. Von Theologen, die sich etwas so Anspruchsvollem und Komplexem wie dem Vaterunser widmen, erwarte ich das aber nicht. Hier zu verkürzen und zu vereinfachen, nur um in der "Bild" zu landen, hilft niemandem: nicht den Gläubigen, nicht den Theologen, nicht der Kirche und nicht dem Vaterunser.

Stattdessen sind andere gefragt: zum Beispiel wir als Journalisten. Geben wir den Theologen Zeit und Platz für ihre Texte. Lassen wir ihnen vielleicht auch einmal einen langweiligen Satz oder eine akademische Überschrift durchgehen, wenn es einer differenzierten Debatte hilft.

Und auch für die Endverbraucher von Nachrichten gilt: Lesen wir nicht nur, was polarisiert und skandalisiert. Denn es gibt sie noch: Die journalistischen Angebote, die vielleicht nicht so öffentlichkeitswirksam, aber gut, ausführlich und differenziert informieren – auch über die Vaterunser-Debatte. Abonnieren wir die Herder Korrespondenz, lesen wir das theologische Feuilleton "feinschwarz.net" oder den Blog "Lectiobrevior". Und natürlich katholisch.de! Denn die Theologen schweigen nicht. Man hört sie nur nicht überall.

Von Björn Odendahl