Näherinnen in Bangladesch demonstrieren gegen schlechte Arbeitsbedingungen.
Bangladeschs Näherinnen arbeiten oft unter unwürdigen Bedingungen

Sklaven der Armut

In hilfloser Wut stürmten Tausende Näherinnen Ende April in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka los, drangen in Textilfabriken ein, besetzten Straßen und demolierten Autos. Sie wollen nicht mehr so weiterarbeiten wie bisher: in oft in viel zu langen Schichten, ohne Brandschutz, ohne Sicherheitskleidung, in unsicheren Gebäuden, wie dem "Rana Plaza" in einem Vorort von Dhaka.

Dhaka/Neu-Dehli - 03.05.2013

Der marode Komplex war am 24. April eingestürzt, weit über 100 Menschen verloren ihr Leben - meist Näherinnen. Es war bekannt, dass das Haus, in dem sich vermutlich weit über 1000 Menschen aufhielten, erhebliche Baumängel und Risse hatte.

Die Frauen seien Sklaven, kritisiert Shirin Akther, Geschäftsführerin der Frauen-Gewerkschaft Karmojibi Nari. Aber nicht die Sklaven der Fabrikbesitzer oder des Käufers in Europa und den USA. "Sie sind die Sklaven der Armut." Millionen Frauen in den Textilfabriken würden nicht ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie andere Jobs annehmen könnten, meint sie. Es gebe in Bangladesch eben sonst kaum Arbeitsmöglichkeiten für Frauen.

Die Textilfabrik der Welt

Fast 80 Prozent der Ausfuhren aus dem südasiatischen Land sind Textilien, damit ist Bangladesch hinter China die Nummer zwei in der Welt. Zu den Exporteuren gehörte auch die Textilfabrik Ether-Tex, die in dem Gebäude produzierte, das jetzt zusammenstürzte. Vor ein paar Jahren hatte Ether-Tex auch für C__amp__A und Kik herstellen lassen, die heute woanders produzieren.

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Video: © Misereor

Wie lebt ein Mädchen in Bangladesch? Misereor begleitet die neunjährige Rekha durch ihren Tag in einem kleinen Dorf.

Dass so viele Modeunternehmen nach Bangladesch gehen, liegt vor allem an den extrem niedrigen Löhnen - derzeit liegt der Mindestlohn bei etwa 30 Euro pro Monat. "Bangladesch ist Einkäufers Liebling", schloss die Unternehmensberatung McKinsey im vergangenen Jahr in einer Studie. Viele der befragten Unternehmen würden die Produktion vor allem aus Kostengründen von China nach Bangladesch verlegen.

Auch Deutsche tragen oft Kleidungsstücke "Made in Bangladesch". Im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt mehr als 300 Millionen T-Shirts aus dem Land eingeführt, außerdem Millionen von Jacken, Hemden, Blusen und Dutzende Millionen Unterwäscheteile. "Beim Kaufen tragen wir auch Verantwortung", betont Kirsten Clodius von der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) . "Aber es ist nie sinnvoll, eine Marke oder ein ganzes Land zu boykottieren."

Scharfe Kritik an Regierung von Bangladesch

Denn zum einen seien die Näherinnen auf den Arbeitsplatz angewiesen, zum anderen könnten nicht alle Firmen in einem Land über einen Kamm geschert werden. "Seit zwei bis drei Jahren stechen Outdoor-Unternehmen positiv hervor", sagt Clodius. Sie betont aber, dass es nicht nur teure Kleidung gibt, die unter fairen Bedingungen hergestellt werde. "Die Arbeitsbedingungen haben grundsätzlich nichts mit dem Preis zu tun."

Gewerkschafterin Akhter beschuldigt die Regierung in Bangladesch: Weil der Staat die Verantwortlichen von Unglücksfabriken immer wieder straflos davonkommen lasse, seien die Frauen ständig gefährdet. Clodius fügt hinzu, dass es hilfreich sei, wenn wir in Deutschland über menschenunwürdige Arbeitsplätze sprechen. "Zwar ist der Einfluss eines Käufers auf die Politik in Bangladesch natürlich sehr gering", gibt sie zu. Aber zumindest müsse dann die Regierung in Berlin schauen, dass deutsche Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie beteiligt sind.

Von Nazrul Islam und Doreen Fiedler (dpa)