Einer katholisch, einer evangelisch: So feiern die Paare Weihnachten
Zwischen Traditionen und Kompromissen

Einer katholisch, einer evangelisch: So feiern die Paare Weihnachten

Wie läuft Weihnachten ab, wenn der eine Teil der Familie katholisch und der andere evangelisch ist? Was trennt und was verbindet? Zwei Familien berichten, auf welche Bräuche und Rituale sie nicht verzichten können - und wo sie Kompromisse schließen müssen.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 24.12.2018

Alexandra Mertens ist evangelisch, ihr Mann katholisch. Das Ehepaar lebt mit seinen beiden Kindern in Chemnitz. Ihr Sohn (10) ist evangelisch getauft, ihre Tochter (6) katholisch. "Kreuzgläubig" nennt Mertens es, "aber wir wollten das Gleichgewicht wahren und auch die Ökumene bewusst leben", begründet sie diese Entscheidung. "Wir finden es gut, dass unsere Kinder auf diese Weise beide Kirchen gleichermaßen kennen lernen." Zwar sei es für die beiden nicht immer leicht zu verstehen, warum es Unterschiede gebe, aber sie ziehen mit. Im Alltag sei es durchaus eine Herausforderung in beiden Gemeinden gleichermaßen präsent zu sein, meint Mertens. "Bei uns hat sich das inzwischen schon so gut eingespielt. Wir verstehen uns als Hauskirche und leben unseren Glauben bewusst gemeinsam", erklärt sie. Später könnten ihre Kinder dann sowieso selbst entscheiden, ob sie konvertieren möchten oder nicht.

Drei Jahre bevor ihre Tochter geboren wurde, das war 2009, nahm Mertens das erste Mal an der Eucharistie teil, mit Erlaubnis des Ortsbischofs. "Dieses Zugeständnis hat es uns erleichtert, unsere Tochter später katholisch taufen zu lassen", erklärt sie. "Der Wunsch nach der Eucharistie eint uns als Ehepaar", erklärt Mertens. "Wenn wir Brot und Wein miteinander teilen, leben wir die Ökumene auch im Kleinen". Sie finde es gut, dass ihr Mann und sie die Konfession des anderen als eine Bereicherung ansehen und nicht als Belastung. "Keiner von uns musste konvertieren, nur weil der andere es wollte", sagt sie. Sie kenne jedoch auch Paare, bei denen das anders ausging. Das sei nicht immer einfach nachzuvollziehen. Sie hingegen finde es gut, wenn man seinen Glauben so stets hinterfragen müsse, Neues ausprobieren könne und vieles dazu lerne. Im Wechsel besucht die Familie sonntags einmal den katholischen und einmal den evangelischen Gottesdienst.

Bild: © Foto: privat

Alexandra und Christian Mertens leben mit ihren beiden Kindern in Chemnitz. Traditionell feiern sie Weihnachten mit Christbaum und den Besuch des Weihnachtsmannes. Diese Rolle übernimmt meist ein Nachbar, der die Geschenke verteilt.

Das gelte auch für das Feiern von Weihnachten in der Familie, denn auch dort wird die Ökumene bewusst gelebt. Den zweiten Adventsonntag verbringen sie daher immer gemeinsam bei einem besinnlichen Tag in der katholischen Kirchengemeinde. Es wird gebastelt, gebacken und der heilige Nikolaus verteilt Geschenke an die Kinder. An Heiligabend besucht die Familie dann das Krippenspiel in der evangelischen Gemeinde. Weil die Kirche näher am Wohnort liege, habe sich das so ergeben, erklärt Mertens. Beide Kinder sind aktiv dabei. Wenn das Krippenspiel beginnt, die Kirche verdunkelt wird und besinnliche Musik erklingt, dann sei für sie endlich Weihnachten. Sie finde es immer schön, wenn in diesem Rahmen auch die Bedeutung von Geschenken erklärt werde. "Weil wir von Christus durch seine Liebe beschenkt wurden, beschenken wir einander an Weihnachten auch von Herzen", sagt sie.

Zur Bescherung im Hause Mertens kommt üblicherweise der Weihnachtsmann und nicht das Christkind. Ein Nachbar besucht die Familie schon seit vielen Jahren am späten Heiligabend. Das ist wie der Besuch des heiligen Nikolaus für uns, nur schöner, erklärt Mertens. Die Geschenke werden nicht nur unter den Baum abgelegt, sondern einzeln von ihm verteilt und ausgepackt. Diese Form der Bescherung gehe mindestens eine Stunde. Ein typischer Brauch der Region und vielleicht auch typisch evangelisch, meint Mertens. Danach singt die Familie Weihnachtslieder. Am ersten Weihnachtsfeiertag gehen alle zusammen in das katholische Weihnachtshochamt, das immer sehr feierlich gestaltet ist.

Welche Lieder sie an Weihnachten vermisse? "Keines", betont Mertens. Für sie gehöre vor allem das Lied "Stille Nacht" dazu, um in weihnachtliche Feststimmung zu kommen. Aber das werde schon beim Krippenspiel gesungen. Das Lied "Gloria in excelsis deo" habe sie als Kind gerne im Chor gesungen. Bis heute bedeute dieses Lied Heimat für sie. Aber weil es heutzutage sowieso in beiden Kirchengemeinden gleichermaßen gesungen werde, freue sie sich darüber, egal, wo sie es höre. Dennoch fühle sie sich im Herzen in der evangelischen Kirche zu Hause. Die Trennung der beiden Kirchen schmerzt sie sehr. Sie findet es schade, wenn man auf die Unterschiede so viel Wert legt, wo es doch so viele Gemeinsamkeiten gebe. "Schließlich feiern wir Christen gemeinsam das Fest der Geburt Jesu", so Mertens und wünscht eine segensreiche Weihnachtszeit.

Oblaten auf den Tellern eines polnischen Tischs: Erst nachdem man das dünne Gebäck geteilt hat, fängt Heiligabend an.

Jaroslawa Manitz kommt aus Polen und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Dresden. Sie ist katholisch, ihr Mann evangelisch, die Kinder evangelisch getauft.

Einmal im Monat trifft sich das Ehepaar mit anderen in einem ökumenischen Hauskreis. Das nächste Treffen findet im Hause Manitz statt. Ein Thema, das der Hausherrin besonders unter den Nägeln brennt, soll da diskutiert werden: Die Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz zur Teilnahme nichtkatholischer Ehepartner an der Kommunion. "Wir spüren eine tiefe Sehnsucht in uns, auch die Eucharistie miteinander teilen zu können", sagt sie. Ihr Mann komme ganz selbstverständlich zum katholischen Gottesdienst mit. Nur noch nicht zur Kommunion. Das soll sich aber bald ändern.

Unter bestimmten Voraussetzungen und im Einzelfall ist dies nun möglich. Doch davor soll es noch ein seelsorgliches Gespräch mit dem Ortspfarrer geben. Einen Termin dafür haben sie schon, berichtet Manitz. Im Gespräch soll geklärt werden, ob ihr Mann das katholische Verständnis von Eucharistie teile und zu dem, was im Hochgebet gesagt wird, Ja und Amen sagen könne, ergänzt sie. Also auch, ob er für den Papst beten könne. Der Pfarrer werde schon die richtigen Fragen stellen, meint Manitz, und ihr Mann müsse sich daraufhin selbst entscheiden, ob er zur Kommunion gehen will oder nicht. "Wir haben beide das Schreiben der Bischöfe gründlich gelesen", erklärt sie, "warum sollen wir in der Messe getrennt werden?", fragt sie nachdenklich.

Eucharistie

Eine Hostie wird während der Eucharistiefeier vom Priester gebrochen.

Die Familie mit polnischen und sächsischen Wurzeln hat gelernt, Kompromisse zu schließen, auch an Weihnachten. "Wir legen unsere Traditionen wie Teile eines großen Puzzles zusammen", erklärt die Mutter. Und das fange schon beim Dekorieren der Wohnung an.

Ihr Mann kenne aus Sachsen den Brauch, Holzengel und Räuchermännchen aufzustellen. Sie bevorzuge dezenten Schmuck in der Advents- und Weihnachtszeit. Nun habe sich die Familie darauf geeinigt, die Wohnung mit Adventslichtern und einer Handvoll Figuren zu schmücken. "Einen Adventskranz und eine Krippe findet man bei uns zu Hause nicht“, erklärt Manitz.

An Heiligabend ist das Essen in Polen traditionell vegetarisch und besteht in manchen polnischen Familien aus 12 verschiedenen Gängen. Bei Familie Manitz nicht. "Mein Mann kennt aus der sächsischen Tradition nur ein Menü: Würstchen mit Kartoffelsalat", berichtet die Ehefrau mit polnischen Wurzeln. "Das ist aber kein festliches Essen". Daher serviert Manitz am Heiligen Abend der Familie die typisch polnische Rote-Bete-Suppe "Barszcz". Bei der Zubereitung der gefüllten Teigtaschen, die die Suppeneinlage sind, helfen alle mit. "Die ganze Familie steht dann in der Küche und unterhält sich", erklärt Manitz. "Früher haben schon meine Mutter und meine Oma die Suppe zubereitet". Heute erinnere sie sich so an ihre Kindheit zurück. Danach gibt es traditionell Fisch mit Kartoffelsalat, aber ohne Würstchen. "So hat mein Mann auch etwas von seiner Tradition", lacht Manitz. Am gedeckten Tisch bleibt immer ein Platz unbesetzt. "Den halten wir frei für einen überraschend eintreffenden Gast", erklärt sie. Das sei in Polen so üblich. Auch wenn bislang kaum noch jemand spontan an Heiligabend vorbeigekommen sei. Nur einmal in der Kindheit erinnere sie sich, dass ein Gast spontan zum Essen eingeladen wurde. Man könnte dieses Jahr aber auch einsame Menschen aus dem Bekanntenkreis dazu holen, überlegt Manitz, oder mit dem leeren Teller an verstorbene Familienmitglieder erinnern. Schließlich stehe der leere Platz auch für Jesus Christus, der an diesem Tag einen besonderen Platz in unseren Herzen habe, sagt Manitz. Sie wolle mit dieser Geste aber auch die offene und gastfreundliche Haltung der Familie zum Ausdruck bringen.

Die Rote-Bete-Suppe "Barszcz" mit Teigtaschen wird traditionell in Polen an Heiligabend gegessen. Danach folgt ein meist vegetarisches Menü und Fisch.

Die Geschenke am Heiligabend bringt bei uns der heilige Nikolaus, erzählt Manitz. "Bei uns kommt er zweimal im Jahr, am 6. und am 24. Dezember", erklärt sie. Als die Kinder noch kleiner waren, habe sie diese Rolle übernommen. "Kurz nachdem wir zum Krippenspiel aufgebrochen sind, bin ich unter einem Vorwand zurück ins Haus und habe die Geschenke unter den Christbaum gelegt". Meistens besucht die Familie das evangelische Krippenspiel, nur die letzten beiden Jahren das katholische. Ihr Sohn ist erst elf Jahre alt und spielt dieses Jahr noch einmal mit, er ist ein Soldat. Darauf freue sich Manitz besonders. Manchmal komme auch die polnische Familie zu Besuch und gehe mit in die Kirche.

Im Anschluss feiert die Familie unter dem Christbaum zu Hause. Das Evangelium werde zwar nicht mehr vorgelesen, weil es schon im Krippenspiel gehört wurde, aber es werde viel gesungen, berichtet die Familienmutter. Früher haben die Töchter auch Flöte gespielt. "Mein Sohn spielt seit kurzem auf dem Schlagzeug, aber ich denke, das passt nicht so sehr zum Fest", meint sie. Eine weitere Tradition, die sie aus ihrer Heimat Polen mitgebracht hat, ist das "Oblaten-Brechen". Das sei etwas ganz Besonderes, weil es nur an Weihnachten gemacht werde, erzählt sie. Vor der Bescherung werden die süßen Backwaren, die an Hostien erinnern, aber viel größer sind und Weihnachtsmotive eingestanzt haben, miteinander geteilt und zwar so, dass jeder von der Oblate des anderen ein Stück abbricht und dabei einen besonderen Wunsch für den Beschenkten ausspricht.

Weil die Oblaten in Polen vom Pfarrer gesegnet werden, lässt sich Jaroslawa Manitz diese jedes Jahr zuschicken. Zusätzlich werden die Oblaten auch an diejenigen verschickt, die sich an Weihnachten nicht besuchen können. "Ich bekomme bis heute von meinen Tanten Oblaten zugesandt", freut sich Manitz. Die sind immer schon angebrochen, weil die Tanten damit einen persönlichen Wunsch für uns ausgesprochen haben. "Das ist eine besondere Verbundenheit mit der Familie, die bleibt, ist sie sich sicher. Das Brechen der Oblaten erinnert sie auch an die Eucharistie in der heiligen Messe. Auch wenn das etwas ganz Anderes sei, sei dieses Ritual für sie wie eine Botschaft des Friedens. Nur so kann es Weihnachten werden. Höchste Zeit, denn die  Kinder warten schon ungeduldig auf die Bescherung.

Netzwerk Ökumene

Jaroslawa Manitz und Alexandra Mertens gehören mit ihren Familien zum "Netzwerk Ökumene". Das "Netzwerk Ökumene - konfessionsverbindende Paare und Familien in Deutschland" wurde am 30. Oktober 1999 in Augsburg gegründet. Träger des ehrenamtlich getragenen Netzwerkes ist die Arbeitsgemeinschaft Ökumenischer Kreise e.V.. Eine Mitgliedschaft gibt es nicht, rund 500 Interessierte werden regelmäßig angesprochen und informiert. Die Leitung hat ein Leitungskreis, den ein bundesweites Netz von Ansprechpartnern unterstützt.

Von Madeleine Spendier