Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

So sieht Jesus auf menschliches Leid

Zwei scheinbar "aussichtslose Fälle" begegnen uns im Evangelium. Beide Male hält Pater Philipp König die Antworten Jesu auf diese Not für unpassend. Aber er findet dennoch den Schlüssel zum Verständnis.

Von P. Philipp König OP |  Bonn - 30.06.2018

Impuls von Pater Philipp König

In meinem Dienst als Seelsorger komme ich immer wieder in Situationen, wo die Lage aussichtslos scheint: Wenn einem schwerkranken Patienten mitgeteilt wird, dass er "austherapiert" ist, dass der Tod unweigerlich bevorsteht. Wenn jemand buchstäblich am Ende seiner Kraft ist und nicht mehr weiß, wie es weitergeht. In diesen Situationen ist jeder noch so gut gemeinte Ratschlag von mir fehl am Platz. Das einzige, was ich dann tun kann, ist schlicht da zu sein, an der Seite der Person zu bleiben und ihr Leid mitzutragen, vielleicht ein stilles Gebet zu sprechen.

Im Evangelium dieses Sonntags begegnen Jesus gleich zwei solcher "aussichtslosen Fälle": Eine Frau, die bereits seit zwölf Jahren unter schweren Blutungen leidet, die schon alles versucht hat, um geheilt zu werden, aber ihr verzweifeltes Mühen blieb ohne Erfolg. Und der zweite Fall noch schlimmer: Ein kleines Mädchen, gerade zwölf Jahre alt, das dem Tod geweiht ist, das leblos in seinem Zimmer liegt. Beide Geschichten lassen in mir Erinnerungen an Menschen hochkommen, denen es ähnlich geht, denen nichts und niemand mehr helfen kann. Regelmäßig fühle ich mich dann hilflos und machtlos.

Umso mehr verwundert es mich, wie Jesus sich in den beiden beschriebenen Situationen verhält: "Wer hat mein Gewand berührt?", fragt er mitten in der Menge, während sich von allen Seiten Menschen an ihn heran drängen. "Warum weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.", spricht er am Sterbebett des kleinen Mädchens. Man könnte fast meinen, er begreife den Ernst der Lage überhaupt nicht, in der sich die Menschen befinden. Seine Sätze erscheinen mir so unpassend angesichts der Not, die ihm begegnet. Es scheint, als würde Jesus die Lage von einer ganz anderen Sphäre aus betrachten, einen Blickwinkel einnehmen, der mir zumindest verborgen bleibt, nicht ganz von dieser Welt. Doch vielleicht liegt gerade hier der Schlüssel zum Verständnis: Jesus sieht die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive, die mir zunächst verschlossen ist. Wo mir eine Situation aussichtslos vorkommt, da kann er wirken und handeln. Deswegen ist es für ihn auch ein Leichtes, die Frau von ihrem großen Leid zu befreien und das Mädchen aus dem Todesschlaf zu erwecken.

Jesus sieht die Dinge anders. Wo für mich etwas aussichtslos ist, da behält er den Durchblick. Für Jesus gibt es keine aussichtslosen Fälle: Weder das Schicksal der Frau mit ihren Blutungen, noch das des toten Mädchens ist für ihn "aussichtslos", und schon gar nicht handelt es sich um "Fälle". Mir macht das Mut: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, kann ich immer noch mit ihm rechnen und darauf vertrauen, dass er den Durchblick behält, dass für ihn niemand ein aussichtsloser Fall ist.

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 5, 21-43)

In jener Zeit fuhr Jesus im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.

Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.

Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.

Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?

Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.

Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!

Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.

Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!

Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Der Autor

Pater Philipp König ist Dominikaner und arbeitet als Kaplan und Jugendseelsorger in Leipzig.

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