Szenen einer frohen Botschaft
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Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Szenen einer frohen Botschaft

"Und wer ist mein Nächster?" In Zeiten der Globalisierung scheint diese Frage immer schwerer zu beantworten. Unsere Autorin geht dem Anspruch Jesu im heutigen Sonntagsevangelium auf die Spur.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Köln - 13.07.2019

ausgelegt autor krienen

Impuls von Schwester Veronica Krienen

Ich komme im heutigen Evangelium vor. Die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter bietet mir gleich mehrere Rollen, die es anzuprobieren gilt.

Szene eins: Ich bin Priester und Levit. Ich bin die, die vorbeisieht und vorbeigeht. In den letzten Wochen z.B. hat die schiere Zahl der bedrohten Flüchtlinge auf dem Mittelmeer meine Empathiemöglichkeiten erschöpft, und ich verlasse mich darauf, dass die Politik, dass Seawatch, dass andere sich kümmern. 
Auch die Zahl der Bettler auf der Kölner Domplatte überfordert mich regelmäßig – ich gehe weiter und hoffe auf städtische und kirchliche Strukturen und Hilfsdienste. Ich bekenne: Ich bin keine Heldin, keine mutige Kapitänin, ich bin nicht Mutter Teresa. Im Gegenteil, oft bin ich in Eile, habe Verpflichtungen, sehe ohne wirklich wahrzunehmen, nehme wahr ohne zu reagieren.

Und ich bin heute der Gesetzeslehrer der Rahmenerzählung. Ich bin die, die Jesus angesichts dieser unübersichtlichen Welt fragt: Wer ist denn mein Nächster? Wie weit geht denn meine Verantwortung. Wie geht das, nicht in die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" (Papst Franziskus) zu geraten.

Szene zwei: Ich bin unter die Räuber gefallen. Christus ist der Samariter jedes Menschen. So hat es die frühe Kirche in ihrer allegorischen Deutung gesehen. Ich bin bedürftig, grundsätzlich, in der Tiefe meiner selbst und immer wieder auch mal ganz konkret. Ich bin anfällig und verletzlich, ich bin angewiesen und kann das Wichtigste in meinem Leben nicht selber machen und mir nicht selber geben. Christus ist in die Welt gekommen, um mich dort zu finden, heilsam an mir zu wirken, mich aufzuheben, aufzurichten, mich zu tragen, mich weiter zu führen. Das habe ich oft und oft erlebt.

Szene drei: Ich bin Samariter. Auch ich bleibe immer wieder stehen auf meinem Weg, schaue hin und handle. Auch ich sammle immer mal jemanden auf. Keine Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, aber doch Menschen auf meinem Weg. Die Räuber, in deren Hände jemand fallen kann, haben ja viele Gesichter: Krankheit und Schmerzen, Trauer und Einsamkeit, Ausweglosigkeit und Angst… Da lasse ich mich unterbrechen, wende mich zu und lindere die Not. Oder ich bin der Wirt, bin die vor deren Tür plötzlich jemand steht und eine Aufgabe ablädt. Ich weiß nicht, ob die Schuld jemals beglichen werden wird und lasse mich trotzdem darauf ein.

Bin ich Jesus? – so lautet eine saloppe Antwort auf eine unmäßige Bitte. Nein. Ich bin ich – und das genügt. Rose Ausländer endet eines ihrer späten Gedichte mit dem Vers:

Sei was du bist
Gib was du hast

Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 10,25-37)

In jener Zeit stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.
Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!
Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

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Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.