Tod nach Zeitplan?
Der angekündigte Suizid von Brittany Maynard bewegt die USA

Tod nach Zeitplan?

Countdowns haben es an sich, dass ein Ereignis eintritt, wenn das Herunterzählen einen bestimmten Zeitpunkt erreicht. Bei der US-Amerikanerin Brittany Maynard soll es der Tod sein und er sollte am 1. November eintreten, wenn die unheilbar kranke 29-Jährige im Beisein ihrer Familie tödliche Medikamente einnimmt. Das Youtube-Video mit der Ankündigung ihres Todes wurde mehr als neun Millionen Mal angeklickt. Jetzt gibt es eine neue Entwicklung.

Portland/Bonn - 31.10.2014

Sterben wird Maynard allemal, aber ob am Samstag oder später, ob eines natürlichen Todes oder anhand des von Medizinern im Bundesstaat Oregon bereitgestellten tödlichen Cocktails, bleibt vorerst offen. Am Donnerstag erschien ein neues Video, in dem sie sagt, es sei noch nicht der richtige Zeitpunkt, zu gehen. Sie habe noch Freude am Leben fühle sich gesund genug, um noch Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Zuvor hatte sie eine "Bucket List" der Dinge abgearbeitet, die sie noch erleben wollte. Zuletzt besuchte sie mit ihrer Familie den Grand Canyon.

Zu Jahresbeginn bekam Maynard die Diagnose, dass sie an einem aggressiven und unheilbaren Hirntumor leide. Im April gaben die Ärzte ihr noch sechs Monate zu Leben. In ihrem Anfang Oktober erschienenen Video schilderte sie ihr Schicksal und setzte sich für die Sterbehilfe ein – und entfachte mit ihren Suizid-Plänen die Sterbehilfe-Debatte in den USA neu. Die Kalifornierin war im Sommer nach Oregon gezogen, einer von fünf US-Bundesstaaten, der die Sterbehilfe erlaubt.

Welchen Tod wählt Brittany Maynard?

Durch ihr öffentliches Auftreten ist Maynard zum Aushängeschild der Sterbehilfe-Organisation "Compassion __amp__ Choices" geworden, die sich landesweit für die Legalisierung der Sterbehilfe einsetzt. "Es geht ihr nicht gut", sagte Sean Crowley, Sprecher von "Compassion __amp__ Choices", am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Maynard könne sich aber auch dazu entscheiden, eines natürlichen Todes zu sterben, statt mit Medikamenten nachzuhelfen.

Die Homepage Maynards ist eine Initiative der Organisation, auch beide Videos sind nicht selbstgedrehte Amateuraufnahmen, sondern von "Compassion __amp__ Choices" produzierte Kurzfilme mit Texttafeln und Hintergrundmusik. Am Ende des neuesten Beitrags sagt sie, dass sie sich für alle Amerikaner "Zugang zu denselben Rechten im Gesundheitswesen" wünschte. Die Hälfte der US-Bundesstaaten stellt den assistierten Selbstmord unter Strafe, während in Oregon der sogenannte "Death with Dignity Act" (Gesetz für ein Sterben in Würde) bereits 1997 in Kraft trat.

Kritik kommt auch von der katholischen Kirche

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde haben seither 1173 Sterbenskranke in dem Westküstenstaat ein tödliches Betäubungsmittel verschrieben bekommen. 752 von ihnen hätten sich damit dann tatsächlich das Leben genommen. Dem Gesetz zufolge muss der unheilbar kranke Patient die tödliche Dosis selbst einnehmen, ein Arzt darf dabei nicht helfen.

Kritik an Maynards Entscheidung äußerten auch Vertreter der katholischen Kirche. Der Erzbischof von Portland in Oregon, Alexander K. Sample, veröffentlichte in dieser Woche ein Statement, in der er Maynard zwar nicht namentlich anspricht, sich aber allen Menschen, die "leiden und sterben", verbunden zeigt. Assistierter Suizid gaukele dem Menschen vor, er könne den Tod kontrollieren, schreibt Sample. Selbstmord gebe nicht Freiheit, sondern nehme vielmehr die Freiheit, die man im irdischen Leben genieße.

Nach Worten des Erzbischofs könne Sterbehilfe nahelegen, dass das Leben seinen Sinn verlieren oder dass das Abkürzen von Leben eine Antwort auf den Tod sein könne. In den "manchmal schwierigen aber kostbaren Momente am Lebensende" komme das Verständnis dafür, was im Leben am wichtigsten sei: "Unsere letzten Tage helfen uns, uns auf die ewige Bestimmung vorzubereiten", so Sample.

Video ist nicht aktuell

Auch ein katholischer Seminarist aus North Carolina schrieb einen Brief an Maynard, den die Diözese Raleigh auf ihre Webseite gestellt hat. Darin erzählt Philip Johnson von seiner eigenen Erkrankung, auch ein inoperabler Hirntumor. "In einer Gesellschaft, die von allen negativen Aspekten gereinigt ist und die jede Erwähnung von Leiden vermeidet, scheint ein Tod, den man sich selbst aussucht, bequemer zu sein", schreibt der 30-Jährige.

Johnson appelliert an die junge Frau, weiter zu leben und gegen ihre Krankheit zu kämpfen. "Sie wäre damit ein wunderbares Beispiel und eine Inspiration für unzählige andere in ihrer Situation." Der makabre Countdown läuft weiter und ob Brittany Maynard am Samstag stirbt oder nicht, weiß wohl zunächst nur sie selbst. Das am Donnerstag von der Sterbehilfe-Organisation verbreitete Video zeigt jedenfalls nicht ihren aktuellen Zustand. Nach Angaben von "Compassion __amp__ Choices" war es bereits Mitte Oktober aufgezeichnet worden. (Mit Material von dpa und KNA)

Von Agathe Lukassek

Kommentar zum Thema

Ein Fall wie der der jungen Brittany Maynard bewegt verständlicherweise viele. Auf den Videos sieht man eine Frau, deren Körper leicht aufgeschwollen ist, die aber ansonsten sehr lebendig und gesund aussieht. Die sagt, dass sie ihren Todeszeitpunkt selbst bestimmen will und dafür nach Oregon gezogen sei, aber zunächst eine Liste mit besonderen Wünschen abarbeiten will. Wenige Wochen und neun Millionen Klicks später rückt sie offenbar von dem gewählten Todeszeitpunkt ab. Wieder ein Video, professionell zusammengestellt mit Stimmen von ihrem Mann und ihrer Mutter durch die Sterbehilfe-Organisation "Compassion __amp__ Choices". Dass Maynard leben will, auch wenn die "Bucket List" abgehakt ist, überrascht nicht. Dass sie im Laufe ihres langen Krankheitsprozesses ihre Meinung ändert, auch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass sehr viele, sehr persönliche Gefühle in ihr vorgehen. Aber ich möchte nicht wissen, wie es ihr in stillen Momenten damit geht, dass eine Organisation sie betreut, filmt und darauf wartet, mit ihrem Tod ein Statement für angebliche Selbstbestimmung über Leben und Tod zu setzen. Kann sich diese Frau in ihren letzten Lebenstagen und ihrem Sterben wirklich frei fühlen?

Von Agathe Lukassek