Über den Tod und die Freiheit
Die US-Amerikanerin Brittany Maynard ist sich das Leben genommen

Über den Tod und die Freiheit

Sie selbst hatte den Countdown ihres Lebens gestartet, der nun abgelaufen ist: Brittany Maynard hat ihre Ankündigung wahr gemacht und sich mit Hilfe ihres Arztes selbst getötet. Katholisch.de dokumentiert ein pastorales Schreiben des Bischofs von Portland zum assistierten Suizid.

Portland/Bonn - 03.11.2014

"Mein Traum ist es, dass jeder unheilbar kranke Amerikaner die Möglichkeit hat, würdevoll unter selbstgewählten Bedingungen zu sterben" hatte die 29-jährige US-Amerikanerin Maynard in der letzten Botschaft an ihre Unterstützer Ende Oktober geschrieben. Sie selbst litt an einem Hirntumor, der für sie eine Lebenserwartung von nur noch wenigen Monaten bedeutete. Um dem Krebstod zu entgehen, nahm sie sich nun im US-Bundesstaat Oregon das Leben.

Im Staat Oregon ist seit Oktober 1997 der assistierte Suizid legal. Der sogenannte "Death with Dignity Act" ("Tod mit Würde-Gesetz") erlaubt es Todkranken, sich von einem Arzt ein tödliches Medikament zur selbstbestimmten Einnahme verschreiben zu lassen.

Im Jahr 2013 wurden nach offiziellen Angaben 122 solcher Rezepte ausgestellt, 71 Patienten nutzten das Medikament schließlich zur Selbsttötung. Diese Möglichkeit nahm auch Maynard in Anspruch. In einer Presseerklärung ihrer Unterstützerorganisation zum Tode Maynards heißt es, sie sei gestorben, wie sie es sich wünscht habe, aber ihre "Liebe zum Leben und zur Natur, ihre Leidenschaft und ihr Geist" lebten weiter.

Bereits einige Tage zuvor hatte Alexander K. Sample, der Erzbischof von Oregons größter Stadt Portland, ein pastorales Schreiben über den assistierten Suizid veröffentlicht. Darin bekräftigt er die kirchliche Lehre von der Unverfügbarkeit des Lebens, welches von Gott geschenkt und daher allein in seinen Händen zu belassen sei. Zugleich bekräftigt er, dass die Kirche an der Seite der Leidenden und Sterbenden steht und sie auf ihrem Weg begleitet. Katholisch.de hat das pastorale Schreiben im Wortlaut übersetzt:

Pastorales Schreiben über assistierten Suizid

Der Tod kann eine angsteinflößende Aussicht sein. Verbunden mit Leiden kann er sogar noch beängstigender sein. Wie sieht eine angemessene menschliche Antwort angesichts des Todes aus? Wie können wir Bedeutung in einer irdischen Existenz finden, die im Tod endet? Assistierter Suizid erzeugt die Illusion, wir könnten den Tod kontrollieren, indem wir ihn unseren Bedingungen unterwerfen. Dieses Instrument erweckt den Anschein, dass in der Fähigkeit, den Tod zu wählen, Freiheit läge, aber es versagt darin, die eigene Widersprüchlichkeit zu erkennen. Sich selbst zu töten, löscht die Freiheit des irdischen Lebens aus. Wahre Selbstständigkeit und wahre Freiheit können wir nur erreichen, wenn wir den Tod als eine Macht akzeptieren, die sich unseres Einflusses entzieht. Unser Leben und Sterben gehört in die Hände Gottes, der uns geschaffen hat und uns erhält. Durch das Leiden, Sterben und Auferstehen seines Sohnes Jesus wissen wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Ewiges Leben erwartet all jene, die sich selbst Gott anvertrauen. Das Leben ist ein Geschenk Gottes und wir haben nur eine einzige Gelegenheit, dieses Leben, das uns geschenkt wurde, zu leben. Jeder Moment des Lebens ist kostbar und jeder Moment ist lebenswert. Assistierter Suizid stiftet Verwirrung über die Bestimmung von Leben und Tod. Er suggeriert, das Leben könnte seine Bestimmung verlieren und der Tod hätte keine Bedeutung. Anstatt das Sterben zu beschleunigen, ermutigen wir alle dazu, die manchmal schwierigen, aber kostbaren Augenblicke am Ende des Lebens anzunehmen. Denn oft sind es diese Momente, die uns verstehen lassen, was das Wichtigste im Leben ist. Unsere letzten Tage helfen uns, uns auf unsere ewige Bestimmung vorzubereiten. Wir stehen an der Seite all jener, die leiden und sterben und aller, die darum kämpfen, einen Sinn im Leben zu finden. Gebt die Hoffnung nicht auf! Wir sind bei euch. Als Freunde, Familien und Nachbarn versprechen wir, euch mit Liebe und Mitgefühl zu umgeben bis zu dem heiligen Moment, wenn Gott euch heimrufen wird. Und gemeinsam mit euch erwarten wir den Tag, an dem Gott alle Tränen Augen abwischt und keine Trauer, kein Leiden und der Tod nicht mehr sein wird (Offb 21, 4). Der Friede Christi sei mit euch allen. Von Alexander K. Sample, Erzbischof von Portland Übersetzung: Kilian Martin

Reaktionen

"Ich bin mir fast sicher, dass Brittany Maynard diesen Weg nicht gewählt hätte, wenn eine Begleitung möglich gewesen wäre, wie sie die Malteser in Deutschland anbieten", sagte der Geschäftsführer der Malteser Deutschland, Dr. Franz Graf von Harnoncourt. Mit Hilfe moderner Palliativmedizin sei es grundsätzlich möglich, auch trotz außergewöhnlich starker Schmerzen und seelischer Belastungen einem würdevollen und natürlichen Lebensende entgegen zu gehen. Im Zusammenhang mit der derzeitigen Debatte um Sterbehilfe in Deutschland warnte von Harnoncourt davor, öffentliche Einzelfälle zu Vorbildern zu erheben: "Der gesellschaftliche Druck, sich das Leben zu nehmen, wenn man schwer krank ist, wächst unter einer Gesetzeslage wie in Oregon. Wir sollten in Deutschland alles tun, um den Tagen, die einem Schwerkranken bleiben, Leben zu geben statt die Zeit des Lebens aktiv abzukürzen." (kim) "Diese Frau hat es gemacht und angenommen, würdevoll zu sterben. Doch hier ist der Fehler. Sich das Leben zu nehmen, ist keine gute Sache, sondern eine schlechte", erklärte der Leiter der päpstlichen Akademie für das Leben, Ignacio Carrasco de Paula, am Dienstag. "Denn es heißt, Nein zu sagen zum eigenen Leben." Carrasco de Paula sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa weiter, dass der Vatikan keine Person verurteilen wolle, auch wenn man im Suizid Brittany Maynards einen Fehler sehe. (kim/dpa)