"Um Gottes Willen, Benedicta"
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Eine Eremitin spricht über ihr Einsiedlerdasein

"Um Gottes Willen, Benedicta"

Schwester Benedicta Primeßing lebt seit zehn Jahren als Einsiedlerin in einem winzigen Häuschen in der Nähe von Bonn. Ohne Luxus und ganz alleine. Warum sie das tut, hat sie katholisch.de erzählt.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 07.07.2016

Frage: Schwester Benedicta, Sie haben in Ihrer Eremitage eine offene Sprechstunde eingerichtet. Warum?

Sr. Benedicta: Je weniger die Menschen Ansprechpartner vor Ort in den Pfarrhäusern antreffen, umso wichtiger ist es, dass jemand für sie da ist. Meine offene Sprechstunde wird sehr gut angenommen. Mich überrascht das immer wieder – und auch, wer zu mir kommt. Wenn ausgewachsene Männer mich um Rat bitten, beeindruckt mich das. Ich finde, man soll den Menschen die Wahrheit nicht wie einen Waschlappen um die Ohren hauen, sondern wie einen Mantel hinhalten, in dem sie hineinschlüpfen können.

Frage: Was wollen Sie den Menschen in ihrer Sprechstunde mitgeben?

Sr. Benedicta: Ich schenke den Menschen hier vor allem Zeit und das Gefühl, dass sie hier einfach mal reden können. Die Leute schauen mir viel zu viel auf die Uhr und sagen, "ich bin gleich wieder weg, Schwester". Ich sage dann, "Ich habe jetzt Zeit für Sie". Das sind die Menschen nicht mehr gewohnt. Es kommt aber auch vor, dass unendliche Lebensgeschichten aufgetischt werden. Dann sage ich: "Jetzt fassen wir mal zusammen". Man kann auch Dinge zerreden und das hilft keinem weiter. Ich versichere den Menschen, dass ich sie mit in mein Gebet nehme. Die Leute bedanken sich oft bei mir und sagen: "Mit diesem einen Satz haben Sie mir so geholfen."

Frage: Welcher Satz hat Ihnen in Ihrem Leben weitergeholfen?

Sr. Benedicta: Das war ein Satz von Gabriel Bunge, der mein "geistlicher Vater" ist, also ein seelsorgerlicher Lebensbegleiter. Er ist auch Eremit und ich habe ihn gefragt, ob er mir das Eremitensein zutraut. Vater Gabriel hat geantwortet: "Ja, das traue ich Ihnen zu." Dieser Satz ist mir sehr wichtig geworden.

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In diesem Holzkästchen sammelt Sr. Benedicta die Namen von Personen, für die sie betet.

Frage: Inwiefern?

Sr. Benedicta: Das war der Beginn für mein Leben als Einsiedlerin. Ich habe 38 Jahre als Ordensfrau in unterschiedlichen Gemeinschaften gelebt, aber die Sehnsucht nach einem Leben als Einsiedlerin wurde immer größer. Ich gehöre bis heute zu den Servitinnen von Galeazza. In deren Mutterhaus in Italien habe ich im Jahr 1992 einen Priester getroffen, zu dem ich sagte, dass ich jetzt etwas Richtiges brauche: "Ich brauche Schwarzbrot und keine Milchsuppe". Er schickte mich zu diesem Einsiedler, einem gebürtigen Kölner. Gabriel Bunge wohnt im Tessin, mitten im Wald in den Schweizer Bergen. Als ich ihn das erste Mal besucht habe in seiner Einsiedelei und er mit seiner Kapuze herauskam, dachte ich nur: "Um Gottes Willen, Benedicta, was machst du hier?"

Frage: Fragen Sie sich das heute auch noch: Um Gottes willen?

Sr. Benedicta: Nein, jetzt zweifle ich nicht mehr. Ich habe bald darauf gespürt, dass das mein Weg sein könnte und ich habe meine ersten Schritte als Einsiedlerin in Kloster Knechtstätten bei Neuss gemacht. Vater Gabriel sagte mir einmal: "Wenn das nicht Ihr Weg ist, dann merken Sie das spätestens nach einem halben Jahr, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt."

Frage: Und, ist Ihnen die Decke auf den Kopf gefallen?

Sr. Benedicta: Nein, noch nie! Auch wenn mein Häuschen hier schief und sehr niedrig ist, ich denke, ich bin angekommen. Ich lebe hier sehr zurückgezogen und bin mir selber ausgeliefert. Das kann ganz schön schwer sein. Ich kann nun nicht mehr meine Mitschwestern verantwortlich machen, wenn etwas schlecht läuft.

Frage: Fühlen Sie sich hier einsam?

Sr. Benedicta: Oft muss ich meine Einsamkeit mit Zähnen und Klauen verteidigen, etwa wegen der gut nachgefragten Sprechstunden. Auch spirituell bin ich hier nicht alleine: Wenn ich in meine Hauskapelle gehe, habe ich das Gefühl, ich trete in einen Raum ein, in dem schon andere da sind. Und wenn ich mal nicht weiter weiß und Fragen habe, rufe ich meinen geistlichen Vater an. Wir haben schließlich ein Telefon.

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Die Kapelle im Obergeschoss der Eremitage der Einsiedlerin Sr. Benedicta Primeßing in Bonn.

Frage: Was macht das eremitische Leben für Sie aus?

Sr. Benedicta: Die Leute denken, eine Eremitin guckt den ganzen Tag schräg nach oben. Als Einsiedlerin muss ich mein Leben selbst in die Hand nehmen können und so gut wie möglich meinen Alltag gestalten. Vater Gabriel hat mir zu Beginn einmal gesagt: Wenn die praktischen Dinge im Alltag gut laufen, kann man auch damit rechnen, dass das der Weg Gottes mit einem ist.

Frage: Woraus schöpfen Sie ihre Kraft für den Alltag?

Sr. Benedicta: In meinem Alltag bemühe ich mich, ganz in der Gegenwart Gottes zu leben. Ich mache täglich sieben Gebetzeiten. Nach der Vesper bleibe ich noch eine Stunde in der Kapelle. Dann bin ich einfach da, ohne zu grübeln. Einen schlichten Satz von Franz von Sales wiederhole ich täglich: "Wenn du deine Seele zu Gott holst und wenn sie dir immer wieder laufen geht und wenn du sie dann wieder zurückholst in die Gegenwart Gottes und wenn du das ein Leben lang getan hast, dann hat sich dein Leben erfüllt."

Frage: Woran spüren Sie, dass es die richtige Entscheidung war, so radikal zu leben?

Sr. Benedicta: Ich bin nicht vom Pferd gefallen wie Paulus, sondern diese Berufung als Eremitin hat sich für mich entwickelt. Als ich die Eremitage hier gesehen habe, wusste ich "das ist mein Häuschen". Ich habe mich direkt verliebt, auch wenn hier alles ziemlich heruntergekommen aussah. 206 Jahre lang war hier kein Einsiedler mehr. Jetzt hat die Ära der Frauen  begonnen.

Frage: Sie leben seit zehn Jahren in Ihrer Einsiedelei. Wie lange bleiben Sie noch hier?

Sr. Benedicta: Jeder Eremit wünscht sich, in seiner Einsiedelei zu sterben. Wie jede Oma in der Familie sterben möchte, so möchte ich auch hier sterben. Ich werde dieses Jahr 70. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt.  In der Bibel steht: "Auch wenn du alt und grau bist, ich verlasse dich nicht". Darauf baue ich. Wenn das der Weg Gottes mit mir ist, dann wird er auch dafür sorgen, dass ich hier nicht vergammle.

Von Madeleine Spendier

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