Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Staatspräsident Wladimir Putin wird 60

Umstrittener Jubilar

Lobpreisende Worte der heimischen Religionsführer sind Wladimir Putin an diesem Sonntag sicher. Dann feiert der russische Staatspräsident seinen 60. Geburtstag. Die höchsten Geistlichen des Landes werden dem praktizierenden orthodoxen Christen voll Anerkennung gratulieren - allen voran der Moskauer Patriarch Kyrill I. Putin hofiert die Kirche seit langem. Umstritten ist, ob er das aus tiefer Religiosität oder aus politischem Kalkül tut.

Moskau - 07.10.2012

Nach seiner Rückkehr in den Kreml im Frühjahr pochte Putin auf einen besseren Schutz der Christen, Muslime und Juden vor Beleidigungen ihrer religiösen Gefühle. Wer ein Gotteshaus schändet, soll laut einem Gesetzentwurf künftig bis zu fünf Jahre ins Gefängnis. Die Behörden sollten "schnell und hart" auf Provokationen antworten, so der Präsident.

Trotz aller Nähe zum orthodoxen Moskauer Patriarchat versicherte Putin mehrfach, Staat und Kirche blieben getrennt. Im Juli warnte er eindringlich davor, junge Leute in einen orthodoxen Jugendverband zu zwingen. Russland brauche keine orthodoxe Jugendorganisation wie den einstigen "Komsomol", den Verband der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Stattdessen wirbt er für eine Partnerschaft zwischen dem Staat der christlichen Orthodoxie, dem Judentum, dem Islam und dem Buddhismus. Von diesen Religionen erhoffe er sich Engagement im sozialen Bereich, etwa für Kranke, Invalide und Rauschgiftsüchtige.

Eigenwerbung oder "politischer Striptease"

Persönlich bekennt sich Putin schon lange zu seinem orthodoxen Glauben. Bereits als er an Silvester 1999 nach dem überraschenden Rücktritt Boris Jelzins kommissarisch zum Kremlchef aufstieg, legte er Wert auf beste Beziehungen zur Kirchenspitze. So wünschte er sich eine Beteiligung des damaligen Patriarchen Alexij II. an der Übergabe der Amtsgeschäfte.

Doch die Frage, ob er an Gott glaube, ließ Putin offen. Er wolle keine "Eigenwerbung oder politisches Striptease" betreiben, antwortete er 2007 in einem Interview. Nur so viel: In seinem Flugzeug gebe es eine Ikone und eine Bibel: "Wir sind ein riesiges Land. Da habe ich Zeit, die Bibel zu lesen."

Im zurückliegenden Wahlkampf erzählte er detailliert von seiner Taufe im Alter von sechs Wochen. Demnach ließ seine Mutter ihn 1952 in der Leningrader Christ-Verklärungs-Kirche, in deren Nähe sie wohnten, heimlich gegen den Willen des Vaters taufen. Der Priester habe vorgeschlagen, ihm den Namen Michail zu geben, denn die Taufe habe am orthodoxen Gedenktag des Erzengels Michael stattgefunden. Aber seine Mutter, so Putin, hatte ihn bereits unter dem Namen seines Vaters Wladimir gemeldet.

Zu Putins Religiosität soll unter anderem ein Schicksalsschlag 1996 beigetragen haben. Sein neues Haus nahe Leningrad verlor er durch einen Brand. Aus den Flammen konnte er im letzten Moment seine Töchter Maria und Jekaterina retten. Später fand er in den Trümmern sein Taufkreuz - unversehrt. Anders als Jelzin verwechselte er als Staatschef auch nicht Weihnachten und Ostern. Orthodoxe Priester bescheinigten ihm, er sei "strenggläubig". Als 2011 die griechische Reliquie des Gürtels der Jungfrau Maria - eine der meistverehrten Heiligtümer in der orthodoxen Welt - in Russland gezeigt wurde, kam er eigens zum Flughafen.

Kritik an enger Zusammenarbeit mit Patriarchat

Wie die große Mehrheit der Russen zählt Putin die Orthodoxie zum Kern der russischen Identität. So war er stets ein treuer Verbündeter der Kirche und brachte etwa die Wiedervereinigung des Moskauer Patriarchats mit der russischen Exilkirche mit auf den Weg.

Der verstorbene Patriarch Alexij II. schrieb ihm während der ersten zwei Amtszeiten im Kreml rund 200 Briefe. Die Zusammenarbeit geht inzwischen so weit, dass Putins Partei "Geeintes Russland" Gesetzentwürfe vorab mit dem Patriarchat abstimmt.

Kritiker werfen Putin vor, er wolle von der moralischen Autorität der Kirche profitieren und schiele nach dem Wählerpotenzial der Christen; rund 70 Prozent der Russen bekennen sich zur Kirche. Putin versichert, er achte Religionsfreiheit und werde sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Glaubensgemeinschaften einmischen.

Sympathien bei Gläubigen aller Bekenntnisse gewann der Präsident durch die angekündigte landesweite Wiedereinführung des schulischen Religionsunterrichts sowie durch die Rückgabe von im Kommunismus beschlagnahmtem Eigentum. Zudem versprach er über die kommenden drei Jahre knapp 90 Millionen Euro Unterstützung für die Restaurierung von Sakralbauten.

Von Oliver Hinz