Unerschrocken bis ins hohe Alter
Antikriegsaktivistin Megan Rice wird 85 - im Gefängnis

Unerschrocken bis ins hohe Alter

Ihren 85. Geburtstag am Samstag wird Megan Gillespie Rice im Gefängnis verbringen. Die US-Amerikanerin wurde im Februar 2014 zu 35 Monaten Haft verurteilt. Ihre Straftat: Sie war mit zwei Komplizen in eine Atomanlage in Oak Ridge in Tennessee eingedrungen, hatte ein Gebäude, in dem waffenfähiges hochangereichertes Uran lagerte, mit Bibelsprüchen und menschlichem Blut besprüht. "Ich bereue nichts", sagte Rice, als sie 2014 vor Gericht stand.

New York - 31.01.2015

Sie habe nach ihren von Gott gegebenen Verpflichtungen als Nachfolgerin Jesu gehandelt, sagte sie damals. Rice ist nicht nur Antikriegsaktivistin, sondern auch Ordensfrau. Im Alter von 18 Jahren trat die in New York geborene Tochter irischer Katholiken in die Kongregation der "Society of the Holy Child Jesus" ein. Ihr Vater war Frauenarzt und lehrte an der Universität, ihre Mutter promovierte Historikerin. Megan war die jüngste von drei Schwestern. Sie studierte unter anderem Biologie und unterrichtete mit Unterbrechungen 40 Jahre lang als Missionarin in Nigeria und Ghana.

Bei ihren Heimatbesuchen und später, als sie 2004 endgültig zurückkehrte, betätigte sie sich aktiv als Friedensaktivistin. Insgesamt wurde sie 40 Mal wegen zivilen Ungehorsams festgenommen. Einmal blockierte sie mit anderen Mitstreitern einen Lastwagen auf dem Atomtestgelände in der Wüste Nevadas. Rice ist Mitglied des "Plowshares Movement", einer christlichen Friedensinitiative, die unter dem Abrüstungsmotto "Schwerter zu Pflugscharen" agiert.

Bild: © Oak Ridge

In der Kernwaffenanlage Oak Ridge in Tennessee wird Uran angereichert und gelagert.

Bibelsprüche und menschliches Blut

Vor zweieinhalb Jahren nahmen sich Rice und ihre beiden auch nicht mehr ganz jungen Begleiter und Vietnam-Veteranen Michael Walli (63) und Greg Boertje-Obed (57) das "Y-12" vor. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine der Hochsicherheitsanlagen der USA: Auf dem (eigentlich schwer bewachten) Komplex in Oak Ridge wird waffenfähiges Uran gelagert; so viel, dass man daraus 10.000 Atombomben herstellen könnte.

Als das Trio in den Morgenstunden des 28. Juli 2012 auf das Atomlager zumarschiert, hat es nicht mehr dabei als Taschenlampen, Bolzenschneider, Spraydosen, kleinen Fläschchen mit menschlichem Blut, die Bibel und ein frisch gebackenes Brot. Ohne dass sie jemand stoppt, durchschneiden die drei mehrere Sicherheitszäune und stehen bald vor dem Gebäude, in dessen Innerem sich das Uran befindet.

Sie sprühen Bibelsprüche auf, bespritzen die Wände mit Blut und klopfen mit einem Hammer auf die Wände. Eine symbolische Aktion, die sich auf den Prophetentext Jesaja bezieht: "Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern." Das Blut wird vom "Plowshares Movement" unter anderem als Erinnerung an die in Kriegen getöteten Menschen benutzt. Es dauert eine Stunde, ehe ein erster Wachmann die Eindringlinge bemerkt. Die drei bieten an, das mitgebrachte Brot mit ihm zu teilen.

Freunde helfen beim Beantworten der Fan-Post

Die Aktion löste einen Skandal aus. Fassungslos fragten sich die US-Amerikaner, wie es drei älteren Menschen gelingen konnte, auf ein so sensibles Gelände wie "Y-12" zu gelangen. Später stellte sich heraus, dass die Sicherheitsvorkehrungen lax waren, Überwachungskameras nicht funktionierten, Wachleute ihre Arbeit nicht taten - eine Blamage für die Regierung in Washington. Die "New York Times" schrieb später: "Nukleares Material zu stehlen, schien nur wenig schwieriger zu sein, als im Wald von Tennessee herumzutollen."

Gleichwohl wertete das Gericht die Aktion als Sabotage und Schädigung von Staatseigentum. Rice und ihre Mit-Aktivistin wanderten ins Gefängnis; die Männer wurden sogar zu fünf Jahren verurteilt. Rice wurde vor kurzem in ein Frauengefängnis in ihrer Geburtsstadt New York verlegt. In Brooklyn kümmert sie sich jetzt um Mitgefangene, wie sie in einem Interview berichtete. Und sie beantwortet Fan-Post, die in so großer Zahl in ihrer Zelle eintrifft, dass Freunde ihr bei der Beantwortung helfen müssen. Das einzige, was sie bedauere, so die Ordensfrau: dass sie die Aktion nicht schon vor 70 Jahren gemacht habe.

Von Stefanie Ball (KNA)