Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Ungleiche Brüder und ungehaltene Wahlversprechen

Der eine Bruder sagt ja und arbeitet dann doch nicht, der andere lehnt ab und entscheidet sich später doch für die Arbeit. Einer der beiden Protagonisten des Evangeliums erinnert Schwester Birgit Stollhoff an Parteien.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Bonn - 30.09.2017

Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

Spätestens in dreieinhalb Jahren ist es wieder soweit: Dann wird den Regierungsparteien von den Medien vorgehalten, welche Wahlversprechen sie eingehalten haben und welche nicht. Und wenn der Deutsche Städte- und Gemeindebund, wie das Handelsblatt berichtet, schon jetzt davon ausgeht, dass viele Wahlversprechen nicht gehalten werden können, sieht das schlecht aus für die Parteien gleich welcher Couleur.

Den ersten Bruder aus dem heutigen Evangelium kennen wir also schon: Ja sagen und dan doch nicht handeln. Aber dazu brauchen wir nicht die Parteien. Ein Blick in meine eigenen letzten Wochen zeigt mir: Auch ich mache gelegentlich Zusagen, die ich nicht halte. Oft aus Zeitnot oder Überforderung; ich will die Fragenden im Stress "abwimmeln", das Projekt fordert längeren Atem als geplant oder ich hoffe einfach, dass das Gegenüber die Anfrage auch vergisst. Und – Hand aufs Herz – was haben Sie denn zuletzt zugesagt und gleich wieder verdrängt? Nein, der erste Bruder steckt in uns allen und er hat wunderbare Argumente und Erklärungen. Aber der zweite Bruder? Es hat mich sehr betroffen gemacht, dass mir da lange kein Beispiel eingefallen ist.

In der Büroküche habe ich dann eine Ahnung bekommen, wo ich den zweiten Bruder finden könnte: Ich ahne, dass es die Kollegin ist, die vorher Stress und eigentlich keine Zeit hatte und die dann doch still und leise die Spülmaschine ausgeräumt hat. Ich vermute, er ist der Pfleger im Altenheim, der laut verkündet, dass man eigentlich in der Freizeit das eigene Handy ausschalten sollte, damit die Chefs endlich neue Pflegekräfte einstellen. Und der dann doch das dritte Wochenende im Monat arbeitet, weil er die Bewohner und Kollegen nicht im Stich lassen will. Es ist vermutlich auch der Mann, der die Flüchtlingspolitik der bisherigen Regierung scharf kritisiert, aber eine junge Geflüchtete in seinem Kleinunternehmen mit viel Geduld ausbildet. Und es ist auf jeden Fall die große Schwester, die, nachdem sie ihre Eltern erst angepampt hat, dem kleinen Bruder liebevoll bei den Mathe-Hausaufgaben hilft.

Der erste Bruder ist smart, wirkt angepasst, gibt die richtige Antwort. Nur macht er nichts. Dagegen erscheint der zweite Bruder erst wie ein Rebell, nicht salonfähig mit seiner klaren Ansage. Wie der Zöllner und die Sünder eben. Aber er ist derjenige, der die Arbeit im Weinberg erledigt. Ignatius von Loyola schreibt, dass die Liebe mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden muss. An den Werken erkennen wir die Liebe – ganz besonders bei ehrlichen Menschen, die frei genug sind, ihre Meinung auch zu ändern, und konsequent genug, der neuen Einsicht Taten folgen zu lassen.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Matthäus (Mt 21, 28-32)

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!

Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch.

Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.

Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet beim Sankt Michaelsbund in München, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.