Papst und Chiles Bischöfe
Entschlossenheit im Kampf gegen Missbrauch

US-Bischöfe schreiben Brief an den Papst

Nur wenige Stunden vor Beginn ihrer Vollversammlung in Baltimore hatte der Vatikan die geplanten Maßnahmen gegen Missbrauch gestoppt. Jetzt wenden sich die Bischöfe an das Kirchenoberhaupt.

Rom - 14.11.2018

Die US-amerikanische Bischofskonferenz hat in einem Brief an Papst Franziskus Entschlossenheit im Kampf gegen sexuellen Missbrauch bekundet. Zugleich bekannten die Bischöfe Versagen in den eigenen Reihen. "Mit Scham müssen wir eingestehen, dass dies auch Verbrechen einiger unserer Mitbrüder im Bischofsamt einschließt", heißt es in dem Grußwort an den Papst, das der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, während der in Baltimore tagenden Vollversammlung am Dienstag verlas. Das Internetportal Vatican News veröffentlichte am Mittwoch eine Mitschrift des Textes.

Auf die Forderung des Vatikan, die von den US-Bischöfen ursprünglich geplante Verabschiedung von Maßnahmen gegen Missbrauch aufzuschieben, ging der Brief nicht ein. Die Vorgabe hatte für Kritik und Rätselraten gesorgt. Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan hatte sich in einem Radio-Interview enttäuscht über die Intervention gezeigt.  Seine Amtsbrüder hätten "einmal tief durchgeatmet", als sie die Nachricht aus dem Vatikan kurz vor Beginn der Konferenz erreicht habe. Doch obwohl bei der aktuellen Vollversammlung in Baltimore keine abschließende Entscheidung über den weiteren Umgang mit Missbrauch gefallen sei, sei die Diskussion über das Thema "produktiv" verlaufen, so Dolan.

Papst bremst Maßnahmenkatalog der US-Bischöfe zu Missbrauch

Solche spontanen Interventionen aus Rom sind äußerst selten: Die US-Bischöfe wollten bei ihrer heute beginnenden Herbsttagung verschiedene Maßnahmen gegen den Missbrauch beschließen. Das hat der Vatikan nun kurzfristig gestoppt.

In dem Brief der Bischöfe jetzt heißt es lediglich, die Vollversammlung in Baltimore befasse sich mit dem Leiden derer, die von sexuellem Missbrauch und anderem Fehlverhalten betroffen seien. Weiter schreiben sie: "Gedemütigt durch solch skandalöses Versagen verpflichten wir uns zu neuen und stärkeren Bemühungen zum Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen." Dabei erwarte man das vom Papst für Februar einberufene Treffen aller Bischofskonferenzleiter in Rom.

Derweil bescheinigte der Psychologe Thomas Plante von der Santa Clara University den Bischöfen ein erfolgreiches Vorgehen im Umgang mit sexuellem Missbrauch.  Insbesondere die 2002 von der US-Bischofskonferenz verabschiedete Charta zum Schutz von Kindern und Jugendlichen habe dafür gesorgt, dass die bestätigten Missbrauchsfälle deutlich zurückgegangen seien, so der Experte für sexuellen Missbrauch in der Kirche gegenüber der Zeitschrift "National Catholic Reporter".

Die Charta, die damals nach dem ersten großen Missbrauchsskandal im Erzbistum Boston in Kraft trat, sei seit ihrer Umsetzung "ausgezeichnet und sehr produktiv". In der katholischen Kirche gebe es heute weniger Kindesmissbrauch als in jeder anderen vergleichbaren Organisation, so Plante, der zwischen 2008 und 2012 Mitglied des National Review Board war, das für die Umsetzung der Kinderschutzcharta mit verantwortlich war. Neuere Missbrauchsfälle gingen nicht selten auf ausländische Priester zurück, die wegen eines Urlaubs, eines Sabbatjahres oder eines Studiums in den USA gewesen seien.

Linktipp: US-Bischöfe: Ratlose Debatte über Missbrauch

Ratlosigkeit und Ärger: Über der Vollversammlung der US-Bischöfe in Baltimore hängt eine dunkle Wolke. Die Intervention des Vatikan zu den Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch löst wilde Spekulationen aus.

Die teils extrem kritische Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der Aufklärungsarbeit der Bischöfe liegt Plante zufolge auch an Kommunikationsproblemen. Den US-Bischöfen wie auch dem Vatikan empfiehlt er, externe Hilfe zuzulassen: "Seien wir ehrlich, manchmal braucht man andere Fachleute wie Psychologen, Juristen, Kommunikations- und Kinderschutzexperten, um etwas richtig zu machen."

Der Chef der kirchlichen Überprüfungsbehörde zum Kindesmissbrauch, Francesco Cesareo hatte den Bischöfen bei ihrer Vollversammlung in dieser Woche in Baltimore ein weniger gutes Zeugnis ausgestellt. Obwohl die Bischöfe bereits einige Maßnahmen ergriffen hätten, sei ihre Antwort auf die Krise "unvollständig" geblieben. Das betreffe insbesondere den Umgang mit ihren Amtsbrüdern. Mehr als 130 Bischöfe seien "während ihrer Laufbahn beschuldigt worden, versäumt zu haben, auf Missbrauchsvorwürfe in ihren Diözesen einzugehen". Darunter sei auch der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Daniel DiNardo. Andere hätten sich selbst Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt gesehen. "Wenige haben echte Konsequenzen erlebt. Das muss sich ändern", so Cesareo. (gho/KNA)