Eucharistie
So reagieren Kardinäle, Bischöfe und Theologen auf das Schreiben

Vatikan-Brief zur Eucharistie: Die Kirche am Abgrund?

Für Kardinal Gerhard Ludwig Müller kam der Vatikan-Brief "kurz vor dem Abgrund". Speyers Bischof Karl-Heinz Wiesemann sieht das Schreiben als positives Signal. Und aus Magdeburg kommt der Vorwurf der "Doppelmoral".

Von Björn Odendahl |  Speyer/Rom - 06.06.2018

Das Schreiben aus Rom zum Kommunionempfang für nicht-katholische Ehepartner wird noch immer hitzig diskutiert - und dabei unterschiedlich interpretiert. Der Vorsitzende der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, zeigte sich am Mittwoch vor allem überrascht über das Vorgehen des Vatikan. Gleichzeitig äußerte er aber doch die Erwartung, dass am Ende eine Lösung stehe, mit der die besondere Situation konfessionsverbindender Ehen mit ihren Nöten gewürdigt werde.

Wiesemann sprach von einem "positiven Signal, dass die von der Deutschen Bischofskonferenz aufgeworfene Frage als bedeutsam für die Universalkirche eingeschätzt wird und die deutsche Kirche hiermit einen wesentlichen Impuls zur Klärung einer wichtigen ökumenischen Frage auf Weltebene gegeben hat". Der Bischof zeigte sich hoffnungsvoll, dass die Frage "in der erforderlichen ökumenischen Weite und Sensibilität behandelt" werde. Mit dem römischen Schreiben sei "keine Korrektur der bisherigen, sensiblen pastoralen Handhabe verbunden".

Wird es eine universalkirchliche Lösung geben?

Am Montag hatte der Vatikan den Vorstoß der deutschen Bischöfe zur Teilnahme protestantischer Ehepartner an der Kommunion fürs Erste gestoppt. Die dazu geplante Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz unter Leitung von Kardinal Reinhard Marx sei "nicht zur Veröffentlichung reif", schrieb der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, in Abstimmung mit dem Papst. Gleichzeitig heißt es in dem Schreiben aber auch, dass der Heilige Stuhl die vatikanischen Dikasterien bereits beauftragt habe, eine baldige Klärung der durch die deutsche Orientierungshilfe aufgeworfenen Fragen auf universalkirchlicher Ebene herbeizuführen.

Seit 2008 ist Karl-Heinz Wiesemann Bischof von Speyer.
Bild: © KNA

Seit 2008 ist Karl-Heinz Wiesemann Bischof von Speyer und seit 2016 Nachfolger von Kardinal Karl Lehmann als Vorsitzender der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Im Februar war der Text der Bischöfe mit einer Dreiviertel-Mehrheit beschlossen worden. Anschließend wandten sich sieben Oberhirten unter Führung von Kardinal Rainer Maria Woelki an den Vatikan. Der hatte den Streit noch Anfang Mai nach Gesprächen in Rom, an denen auch Wiesemann teilnahm, an die Bischöfe zurückverwiesen. Der Bischof von Speyer räumte nach dem neuen Brief ein, dass er "mit dieser Wendung der Dinge nicht gerechnet" habe. Damit ist er in bester Gesellschaft. Bereits am Montagabend hatte sich Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz verwundert darüber gezeigt, dass der Vatikan die Bischöfe zunächst zur Suche nach einer einmütigen Lösung ermuntert hatte, um dann doch selbst eine Entscheidung zu fällen.

Bischof Feige spricht von Doppelmoral

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wählt dagegen weniger diplomatische Worte. In einem "Nachruf auf eine unsägliche Entwicklung" vom Mittwoch, den katholisch.de veröffentlicht hat, wirft er den Gegnern der geplanten Handreichung "Doppelmoral" vor. Er hält ihnen vor, "höchste Ansprüche für einen Kommunionempfang zu erheben oder dessen Unmöglichkeit zu behaupten, zugleich aber von unzähligen Ausnahmen zu wissen und diese ohne weiteres zu tolerieren". Der Ökumene-Bischof bezieht sich damit direkt auf die Äußerung Kardinal Woelkis. Der hatte gesagt, dass evangelische Ehepartner im Einzelfall die Kommunion erhalten, diese pastoralen Ausnahmeregelungen jedoch nicht als neue Normen festgeschrieben werden könnten. Den Brief aus dem Vatikan kritisiert Feige als "völlig unverständlich". Die  Enttäuschung sei bei vielen groß, der Schaden noch nicht abzusehen.

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat das Machtwort des Papstes im Kommunionsstreit unterdessen als zu spät kritisiert. "Hier wurde kurz vor dem Abgrund die Notbremse gezogen", sagte der frühere Chef der vatikanischen Glaubenskongregation am Dienstag in Rom. "Entgleist ist der Zug trotzdem, weil Rom zu spät und zu zögerlich reagiert hat. Jetzt kommt es darauf an, den Zug sorgfältig wieder auf die Schienen zu setzen."

"Nur wenn man den katholischen Glauben kennt, wird man diese römische Entscheidung theologisch und nicht kirchenpolitisch interpretieren", sagte Müller. Die Darstellung, die Entscheidung aus Rom sei eine Niederlage für Kardinal Marx, bezeichnete er aber als falsch. Vielmehr habe "die Wahrheit ... den Sieg über das machtstrategische Kalkül davon getragen". Denn Nicht-Katholiken zur Kommunion zuzulassen, würde, wie Müller sagte, den katholischen Glauben substanziell verändern. "Die Meinung, Glaubensfragen könnten unter der Hand mit dem Papst und irgendeinem seiner Vertrauensleute privat ausgehandelt werden, offenbaren eine erschreckende Überzeichnung des römischen Primates."

Der katholische Theologe Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Dagegen glaubt der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding, dass der Vatikan die angestrebte Öffnung der Kommunion für protestantische Ehepartner in Deutschland nicht aufhalten wird. Die geplante Handreichung sei nicht zurückgewiesen worden, sagte Söding dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Aber entgegen der früheren Erklärung, die Bischofskonferenz solle sich einigen, zieht Rom die Entscheidung nun an sich." Für die Bischofskonferenz sei der Brief aus Rom zwar "ein Schuss vor den Bug, weil es ihre Kompetenz in Frage stellt", sagte Söding. Die Grundlinie der geplanten Handreichung werde seiner Ansicht nach in Rom jedoch Bestand haben – "weil die Fragen, die nun gestellt worden sind, gut beantwortet werden können". Wenn die Glaubenskongregation und der Ökumene-Rat im Vatikan prüfen, ob das Verhältnis von Kirche und Eucharistie hinreichend geklärt sei, könne das Ergebnis nur positiv sein, erklärte Söding, der auch Berater der deutschen Glaubenskommission ist.

Kirchenpräsident Schad sieht geänderte Haltung beim Papst

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller brachte sogar die Idee ins Spiel, die Handreichung gegen die Anweisungen aus dem Vatikan zu veröffentlichen. Eine solche "Zurückweisung" einer Vorgabe aus Rom habe es in der Kirchengeschichte öfters gegeben. "Natürlich muss man mutig dafür sein", sagte Schüller.

Zu guter Letzt meldeten sich auch evangelische Kirchenvertreter zu Wort, die mit einer Delegation des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) in dieser Woche Erzbischof Ladaria und Papst Franziskus getroffen hatten. Der evangelisch-lutherische Landesbischof Gerhard Ulrich erklärte, Ladaria habe ihnen die Hintergründe seines Schreibens an Kardinal Marx erläutert. Demnach befürchte der Papst, dass eine nationale Lösung negative Auswirkungen auf die katholische Weltkirche haben könnte. "Daher betone das Schreiben die Orts- und die Weltebene", so Ulrich, der Vorsitzender der DNK/LWB ist.

Der evangelische Kirchenpräsident Christian Schad, der als Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen (UEK) an dem Treffen teilnahm, sieht "eine Wendung" in der Haltung des Papstes. Der habe eigentlich die Eigenverantwortung der einzelnen Ortskirchen in seelsorglichen Fragen eingeklagt, sagte Schad in Speyer. Dass der Papst jetzt "umschwenkt", sieht Schad darin begründet, dass es bei den deutschen Bischöfen Uneinigkeit gebe, repräsentiert durch die zwei Kardinäle Marx und Woelki. Der Papst erwarte jedoch in solchen Fragen Einmütigkeit in einer Ortskirche. Deshalb habe er die Auseinandersetzung "an die Zentrale geholt, auch wenn er das gar nicht will". (mit Material von KNA und dpa)

Von Björn Odendahl