Verlust, Trauer, Hoffnung
Vor einem Jahr zerschellte Germanwings-Flug 4U9525 in Frankreich

Verlust, Trauer, Hoffnung

In Haltern erinnern schwarze Trauerbänder am Ortsschild an die Toten der Germanwings-Katastrophe. Die Absturzstelle selbst ist ein stiller, leerer Ort in den französischen Alpen. Eine Spurensuche ein Jahr nach der Katastrophe von Flug 4U9525.

Von Gerd Roth und Helge Toben (dpa) |  Haltern/Le Vernet - 24.03.2016

Wäre sie nicht gestorben am 24. März des vergangenen Jahres. So wie 149 andere Menschen beim Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 in den französischen Alpen. Co-Pilot Andreas Lubitz hatte den Airbus auf Todeskurs gebracht. Er durfte trotz langer Krankengeschichte fliegen.

Im Wohnzimmer von Elenas Familie in Haltern am See im Norden des Ruhrgebiets steht in einem weißen Rahmen ein Porträtfoto des Mädchens auf dem Boden. Davor brennt eine weiße Kerze. "Das Bild stand auch bei der Beerdigung in der Kirche", sagt ihre Mutter Annette Bleß. "Es ist im Badeort Sitges gemacht worden - wenige Tage vor ihrem Tod. Wir haben es von ihr über WhatsApp bekommen." Elena lacht fröhlich in die Handykamera.

Eine Stiftung als Erinnerung an die gestorbene Tochter

Annette Bleß ist 52 Jahre alt, Lehrerin für Französisch und Latein in der Nachbarstadt Marl. Eine freundliche Frau. Nie verliert sie im Gespräch die Fassung. Sie spricht ernst, ohne Bitterkeit. Sie und ihr Mann haben einen Monat nach der Katastrophe eine Stiftung gegründet. Sie trägt den Namen der Tochter. Die Stiftung unterstützt Schulen bei Austausch-Programmen. Schüler bekommen bei Berufspraktika im Ausland einen Zuschuss. Elena war damals mit 15 anderen Mädchen und Jungen aus Haltern auf dem Rückflug aus Barcelona gewesen, begleitet von 2 Lehrerinnen.

150 Kerzen im Kölner Dom zum Gedenken einen Flugzeugsabsturz einer Germanwings-Maschine.
Bild: © dpa

Am 17. April 2015 wurde bei einer zentralen Trauerfeier im Kölner Dom der 150 Opfer des Germanwings-Absturzes gedacht.

"Wir fanden es vernünftig, dass die Lufthansa zahlt, aber wir wollten es nicht für uns als persönlichen Vorteil haben. Wir wollten etwas tun, um an Elena zu erinnern. Wir wollten auch gerne etwas Positives zur Fortführung von Austauschprogrammen machen nach diesem Schrecklichen", sagt die Mutter.

Der Schrecken der Katastrophe ist auch tausend Kilometer von Haltern entfernt immer noch spürbar. Im Alpendorf Le Vernet, in der Nähe des Unglückshangs. "Wir hinken noch ein bisschen durch das Leben, wir sind angeschlagen", erzählt François Balique. Er ist seit 39 Jahren dort Bürgermeister. Balique lebt und arbeitet als Anwalt auch einen Teil der Zeit in Paris. Ein Zupacker, hemdsärmelig, zugewandt. Der Ort Le Vernet mit seinen 130 Bewohnern sollte den neuen Alltag nach dem Unfall akzeptieren, findet Balique. "Es ist nicht immer einfach, damit umzugehen, auch für die jungen Leute im Dorf."

Die meisten Opfer kamen aus Deutschland und Spanien

Den Familien der Opfer wollen die Dorfbewohner Nähe geben: "Wir öffnen unsere Herzen, die Türen, die Stätten." Fremde werden im Dorf sofort angesprochen. Die 150 Toten der Germanwings-Katastrophe kamen aus vielen Ländern - die meisten aus Deutschland (72) und Spanien (51). Ein alter Herr hält an und steigt aus seinem Wagen. "Ich habe Ihr deutsches Autokennzeichen gesehen. Suchen Sie die Leute von der Lufthansa? Die Gedenkstätte?", fragt der 76-jährige Jean-Marcel. "Wir achten jetzt mehr auf Fremde, die hierherkommen. Wir sind dem Absturzort am nächsten, an dem die Menschen ihre Angehörigen verloren haben."

Die "Leute von der Lufthansa", die Jean-Marcel meint, sitzen gleich neben einer kleinen Gedenkstätte für den Absturz. Seit einem Jahr betreuen die Mitarbeiter der Fluggesellschaft Angehörige, die hierher kommen. Darüber sprechen dürfen sie nicht. Sowohl Germanwings als auch der Mutterkonzern Lufthansa sind vorsichtig. In den USA droht ein möglicherweise kostspieliger Prozess um die Verantwortung für das Drama. Da kann jedes Wort wichtig werden.

Linktipp: Trauer und Leid

Am Wochenende nach der Flugzeugkatastrophe in den Alpen haben mehrere Bischöfe die Frage nach dem Leid in den Mittelpunkt ihrer Ansprachen gestellt. In Rom betete Papst Franziskus während der Messe zu Palmsonntag für die Opfer.

Die Gedenkstätte in Le Vernet liegt am Rande des Dorfes: ein Friedhofsgrabstein mit Inschrift und einer grünen Hecke. Von hier aus ist die Unfallstelle am Col de Mariaud hinter der nächsten Bergkuppe nur zu erahnen. Wenige Meter weiter ist ein Raum in einer Herberge zum Gedenkzimmer für die Angehörigen geworden. Vor den Wänden stehen dicht bepackte Tische: Bilder der Opfer, Kerzen, Briefe von Geschwistern, Erinnerungen der Mitschüler, Kinderzeichnungen, Kuscheltiere, Engel, Herzen. Dokumente der Trauer, Leere, Hilflosigkeit.

Auch im Joseph-König-Gymnasium in Haltern mit etwa 1250 Schülern, wo Elena und ihre Reisegruppe herkamen, gibt es einen ähnlichen Raum. "Ein kleiner Kursraum, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich dort in Pausen oder Freistunden in einem vertrauten Rahmen hinzusetzen. Dort sind alle Dinge, die uns zugeschickt wurden", sagt Schulleiter Ulrich Wessel. Der Raum ist voll - wie in Le Vernet. Mehr als 50 Kondolenzbücher sind auf der Fensterbank aneinandergereiht. Daneben stehen mehrere Kisten mit Beileidsschreiben. Eine Schule in den USA hat ein Transparent gestaltet: Hunderte haben unterschrieben. "Wir vermissen Euch", steht auf einem anderen Plakat. Fotos dürfen nicht gemacht werden. Darum haben die Eltern den Schulleiter gebeten.

Ortsschilder mit schwarzen Trauerbändern

Wessel ist hoch gewachsen, schlank, 57 Jahre alt. Im vergangenen Jahr war er oft in den Medien: unaufdringlich, menschlich. Immer versuchte er, das Unfassbare mit Worten zu begleiten. Die Katastrophe änderte sein Leben. Wessel sagt fast immer Katastrophe, nicht bloß Unglück oder Absturz. Dem Interview schickt er vorweg: "Es gibt 149 Opfer und nicht nur die 18 in Haltern." Wichtig für den Schulleiter ist: "Haltern hat zwar der Katastrophe das Gesicht gegeben und besonders diese Schule. Aber auch in Haltern ist das eigentliche Leid hinter den 18 Haustüren und nicht hinter der Schultür."

Wer mit dem Auto in der Stadt mit rund 38.500 Einwohnern ankommt, sieht an einigen Ortsschildern immer noch schwarze Bänder flattern. Auf einen Stromkasten in der Nähe der Schule ist groß eine schwarze Trauerschleife gemalt. Den Eltern gehe es "sehr unterschiedlich", sagt Annette Bleß. "Es war so, dass viele lange Zeit gar nicht arbeiten konnten. Es ist jedenfalls nicht so, dass die Trauer jetzt schon erträglicher geworden wäre. Es ist nach wie vor sehr schwer, und gerade jetzt zum Jahrestag hin ist es besonders belastend."

Was Elenas Eltern Halt gibt, ist die christliche Hoffnung. "Unser größter Wunsch ist sicherlich, dass wir sie wiedersehen", sagt Elenas Mutter. "Das können Sie auch gerne schreiben, weil ich denke, dass es wichtig ist, dass man auch so etwas vermittelt, dass nämlich der Glaube auch eine Quelle der Kraft ist."

Der Glaube als eine Quelle der Kraft

Zwei Mal waren Elenas Eltern bereits am Ort der Katastrophe in Frankreich. Zum Jahrestag organisiert die Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa für Angehörige den Besuch. Es gibt eine Gedenkfeier. "Wir werden jetzt natürlich wieder hinfahren - und dann im Sommer noch einmal in Ruhe. Jetzt zum Jahrestag wird es einen ziemlichen Andrang geben. Man rechnet mit 500 bis 1.000 Menschen vor Ort. Aber nicht hinfahren kommt auch nicht in Frage", sagt die Mutter.

Noch am Todestag selbst will das Ehepaar wieder zurückfliegen, weil sie zum Geburtstag ihrer Tochter in Haltern sein wollen. Am 25. März wäre Elena 17 Jahre alt geworden. "Wir wollen dann auch morgens in den Karfreitagsgottesdienst gehen."

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Offizielles Gedenken und persönliche Trauer: 24 Tage nach dem Flugzeugabsturz mit 150 Toten in Südfrankreich haben 500 Angehörige, die deutsche Staatsspitze sowie Vertreter anderer Länder in einem bewegenden ökumenischen Trauergottesdienst und einem Staatsakt der Opfer gedacht.

Von Gerd Roth und Helge Toben (dpa)