Versunkene Kirchen
Die vielfältigen Geschichten der Gotteshäuser

Versunkene Kirchen

Es hat etwas Mystisches, wenn ein alter Kirchturm aus dem Wasser ragt und von längst vergangenen Zeiten erzählt. Katholisch.de hat die vielfältigen Geschichten von untergegangenen Gotteshäusern ausgegraben.

Von Janina Mogendorf |  Bonn - 18.06.2016

Vielleicht entfaltet sich dort unter Wasser, wie bei einem Eisberg, erst die volle Größe eines beeindruckenden Kirchenbaus. Vielleicht ist der Turm sogar der letzte sichtbare Hinweis auf ein versunkenes Dorf, das von den Wassermassen verschluckt wurde. Katholisch.de hat die vielfältigen Geschichten von untergegangenen Gotteshäuser ausgegraben und stellt die Touristenmagnete vor, deren Ende meist menschengemacht war:

Der Reschensee in Südtirol mit der versunkenen Kirche von Graun.

Touristenmagnet im Reschensee

Einer der berühmtesten Kirchtürme dieser Art wird von den Wellen des Südtiroler Reschensees umspült. Es ist der denkmalgeschützte Glockenturm der Pfarrkirche Sankt Katharina aus dem 14. Jahrhundert. Einst Mittelpunkt des Dorfes Graun ist er heute die einzige Erinnerung daran, dass an der Stelle des künstlichen Sees einmal Menschen lebten und arbeiteten. Pläne für den Stausee hatte es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben. Umgesetzt wurden sie 1950. Drei Jahre hatten die Einwohner Zeit, sich mit einer kleinen Entschädigung in höheren Lagen anzusiedeln. Dann wurden 163 Häuser, Scheunen und die Kirche mit Ausnahme des Turmes abgetragen und das Dorf geflutet.

Der alte Kirchturm des versunkenen Dorfes Fayon.

Versunkenes Dorf im spanischen See Ebro

Vor allem Sportfischer erfreuen sich am Anblick des alten Kirchturms, der aus dem katalanischen See Ebro ragt, denn hier ist ein beliebtes Anglerrevier. Auch dieser Turm erinnert daran, dass das Dorf Fayon einst hier stand und beim Stauen des Sees im Jahre 1967 untergegangen ist.

Der versinkende Kirchturm von Geamana ist das Mahnmal für eine große Umweltkatastrophe Europas.

Trauriges Mahnmal einer Umweltkatastrophe

Nostalgie ist beim Anblick dieser langsam versinkenden Kirche in Rumänien fehl am Platz. Tatsächlich ist sie ein Mahnmal für eine der größten Umweltkatastrophen Europas. Statt im Wasser steht ihr Fundament in giftigem Schlamm, dem Abfallprodukt einer nahegelegenen Kupfermine. Seit dreißig Jahren versinkt das Dorf Geamana im ansteigenden Schlick. Nur noch wenige Häuser stehen am Rand. Hier leben Familien mit ihrer kleinen Landwirtschaft noch so lange, bis auch sie ihr Haus an den Bergbau verlieren.

Die Kirche Sveti Nikola im mazedonischen Mavrovo ragt je nach Wasserstand heute mehr oder weniger aus dem Wasser.

Bei Ebbe und Flut

So bestürzend die Geschichte des Dorfes Geamana ist, so pittoresk wiederum ist der Anblick von Sveti Nikola im mazedonischen Mavrovo. Einst floss hier das gleichnamige Flüsschen durchs romantische Tal, in dem 1850 die Kirche erbaut wurde. Gut hundert Jahre später schlugen die Wellen des Mavrovo-Stausees über ihm zusammen. Je nach Wasserstand ragt die Kirche heute mehr oder weniger aus dem Wasser. Im Sommer ist sie auf einer Sandbank gelegen auch hin und wieder vollständig zu bewundern und es gibt Bestrebungen, das kleine Gotteshaus ganz trocken zu legen.

Der "Temple of Quechula" in Mexiko liegt heute eigentlich versunken am Grunde eines südmexikanischen Wasserreservoirs - doch bei Dürre taucht sie wieder aus den Fluten auf.

Aufgetaucht

Ebenfalls nicht auf Dauer unterzukriegen ist die mexikanische Kirche "Temple of Quechula", die 2015 wieder einmal Schlagzeilen machte. Der 400 Jahre alte Prachtbau verschwand am Grunde eines südmexikanischen Wasserreservoirs, nachdem 1996 ein Damm gebaut worden war. Nach einer anhaltenden Dürre, die aus dem einspeisenden Fluss Grijalva ein Rinnsal machte, tauchte die Ruine plötzlich aus den Fluten auf. 2002 war sie schon einmal zu sehen und damals so weit freigelegt, dass Besucher ins Innere gelangen konnten.

Von der Nikolaikirche im Uglitscher Stausee in Russland ragt nur noch der kunstvolle Glockenturm aus dem Wasser.

Die Nikolaikirche im Uglitscher Stausee

Drei historische Städte liegen am Uglitscher Stausee in Russland, etwa 150 Kilometer nördlich von Moskau. Zweien kam das Wasser bei der Stauung im Jahre 1940 zu nah. Der Ort Kaljasin wurde teilweise überflutet. Zwei Kirchen verschwanden komplett und auch die Nikolaikirche rechts der Wolga wurde ein Opfer des Wassers. Heute ragt nur noch ihr kunstvoller Glockenturm in den Himmel.

Dem Edersee fielen 1912 neun Höfe, die Mühle und die Dorfkirche des hessischen Erholungsortes Nieder-Werbe zum Opfer.

Der Turm im Edersee

Auch in Deutschland wurden Dörfer geflutet oder mussten dem Bergbau weichen. Dem Edersee fielen 1912 neun Höfe, die Mühle und die Dorfkirche des hessischen Erholungsortes Nieder-Werbe zum Opfer. Anders als am Reschensee hatte man den Turm nicht erhalten. Dennoch kamen immer wieder hoffnungsvolle Edersee-Besucher nach Nieder-Werbe, um eben diesen Turm aus dem Wasser ragen zu sehen. Heute kommen sie nicht umsonst, sondern finden im nachgebauten Kirchturm eine Erinnerung an das Dorf und ein schönes Fotomotiv.

Bild: © Uwe Micha

Das Foto zeigt die Spitze der versunkenen Kapelle um 1890, die vom Verschönerungsverein Süchteln als Erinnerung aufgestellt wurde.

Die versunkene Kapelle in Süchteln (Sage)

Eine ähnliche Gegebenheit soll sich in Süchteln bei Viersen zugetragen haben. In alten Zeiten, so erzählt man sich, soll im Johannistal die erste Kirche des Ortes gestanden haben. Mit einem Mal versank das kleine Gotteshaus in der Erde und an seiner Stelle bildete sich ein Weiher. Wer genau hinhört, vernimmt vor allem in der Johannisnacht dumpfe Klänge aus seinen Tiefen - die Glocken von Sankt Johannis. In der Tat gab es um das Jahr 800 herum an diesem Ort ein schweres Erdbeben. Es könnte also sein, dass ein Kern der Geschichte durchaus wahr ist. Das Foto zeigt die Spitze der versunkenen Kapelle um 1890, die vom Verschönerungsverein Süchteln als Erinnerung aufgestellt wurde.

Die Boje im Concordiasee markiert die Stelle, an der einmal die Kirche des einstigen Ortes Nachterstedt stand.

Die Kirchenboje auf dem Concordiasee

Auf dem Concordiasee in Sachsen-Anhalt schaukelt eine besondere Boje im Wind. Eine kleine Kirche aus Metall sitzt an ihrer Spitze und markiert die Stelle, an der einmal die Kirche des einstigen Ortes Nachterstedt stand. Das Dorf musste dem Braunkohletagebau weichen und wurde etwas südlicher neu errichtet. Drei Bewohnern wurde der neue Standort im Jahr 2009 zum Verhängnis, als ein 350 Meter breiter Landstreifen ohne Vorwarnung in den See stürzte. Bei diesem Unglück wurden drei Häuser und ein Straßenabschnitt mit in die Tiefe gerissen.

Von Janina Mogendorf