Dormitorium des Kloster Clairvaux
In Clairvaux wird seit 900 Jahren ein strenges Leben gelebt

Vom heiligen Bernhard bis zu "Carlos dem Schakal"

Heute vor 900 Jahren wurde das berühmte Kloster von Clairvaux gegründet. Die Abtei in der Nähe der Stadt Troyes war die wichtigste Wirkungsstätte des heiligen Bernhard von Clairvaux. In späterer Zeit wurde das Kloster dann jedoch von nicht ganz so frommen Gestalten besetzt.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Clairvaux - 25.06.2015

Wer heute nach Clairvaux kommt, der wollte nicht zwingend auch dorthin. Nach der Aufhebung des Klosters wurden die Gebäude umfunktioniert: Clairvaux dient als Hochsicherheitsgefängnis, bis heute. Generationen "schwerer Jungs" saßen hier ein: unter anderen der venezolanische Terrorist "Carlos der Schakal".

Der heilige Bernhard und seine Gefährten brachten aus dem Mutterkloster Citeaux ein strenges Armutsideal und Arbeitsethos mit: eine radikale Reform des benediktinischen Mönchtums, die Bernhard zu einer europaweiten Bewegung machte. Clairvaux war die erste Tochtergründung von Citeaux, und allein in den 38 Jahren bis zu Bernhards Tod wurden rund 350 weitere Tochterklöster gegründet.

Mit den Jahrhunderten allerdings verfiel die strenge Disziplin der Gründer. 1812 verfügte Napoleon eine Umwandlung zum Staatsgefängnis, dem damals größten des Landes. Dafür wurde bis 1819 die Abteikirche abgerissen, die die Revolution unbeschadet überstanden hatte. Das heutige Prunkstück, das Gebäude der Laienbrüder aus der Gründungszeit, wurde zur Werkstatt der Sträflinge und entging so der Zerstörung.

Ein Mönch betet auf einem Feld einem Christus-Schrein zugewandt, während seine Mitbrüder die Ernte einholen.

Die Glasmalerei "Der heilige Bernhard von Clairvaux betet während der Ernte" von 1525 befindet sich im Kölner Dom.

Mörder und Staatsverräter, Sozialisten, Anarchisten, Meuterer und Revolutionäre wurden in Clairvaux mit gemeinen Strauchdieben zusammengesteckt. Die Haftbedingungen waren so unwürdig, dass sie Victor Hugo 1834 zu einer Kurzgeschichte inspirierten. Rund 30 Jahre später arbeitete er den Stoff zu seinem Epos über die sozialen Ungerechtigkeiten im 19. Jahrhundert aus: "Les Misérables" (Die Elenden). Zwischen 1875 und 1970 lebten die Häftlinge - als Verbesserung - in rund 700 Metallkäfigen. Diese rostigen Zellen, "cages à poules" (Hühnerkäfige) genannt, sind bis heute zu besichtigen und lassen den Besucher erschauern.

Das Refektorium aus dem 18. Jahrhundert - der Spätzeit der Abtei, der die größten Teile des mittelalterlichen Baubestandes zum Opfer fielen - wäre ein Schock für den Puristen Bernhard gewesen: rund 35 Meter lang, mit reichem Stuckdekor und Holzvertäfelungen, diente es den Mönchen als Speisesaal. In der Gefängniszeit bot es den Häftlingen geistliche Nahrung: als Kapelle für angeblich bis zu 1.500 Zuhörer.

1971 wurde das Gefängnis gründlich umgebaut: für "Klasse statt Masse". In den Neubauten finden nur noch ausgesuchte Langzeitklienten der französischen Justiz Obdach, derzeit rund 150. Eine private Initiative erwirkte schließlich 1985, dass Teile des Komplexes für Besichtigungen freigegeben wurden. Erstmals seit 870 Jahren durften Nichtmönche bzw. Nichtgefangene die Gebäude betreten. Die zurzeit jährlich rund 20.000 Besucher müssen ihren Ausweis hinterlegen; es herrscht Fotoverbot.

Linktipp: Pforte und Herzen sind geöffnet

In Deutschland gehen zwei Gründungen auf den Heiligen Bernhard zurück. Im Gegensatz zu Kloster Eberbach im Rheingau ist Himmerod in der Eifel noch immer eine Zisterzienserabtei.

Der Verein "Wiedergeburt der Abtei Clairvaux" hat in diesen 30 Jahren zahlreiche Initiativen gestartet. So findet alljährlich Ende September das Festival "Schatten und Licht in Clairvaux" statt. Dazu trägt seit 2007 auch eine Schreibwerkstatt der Häftlinge bei, die Anne-Marie Salle, Mitbegründerin des Vereins, ins Leben gerufen hat. Texte der Insassen werden vertont und künstlerisch-musikalisch in Szene gesetzt. In diesem Jahr lautet das Motto: "Fluchtversuche".

Auch das geistliche Leben in Clairvaux ist nicht ganz erloschen. 1990 machte sich eine Gruppe von Laien auf die Suche nach dem Charisma des Ortes. In einer Scheune in direkter Nachbarschaft gründete sich eine einfache Gemeinschaft: mit schlichtem Lebensstil, Askese, Arbeit und gemeinsamen Schriftlesungen.

Drei von diesen "zisterziensischen Laien" sind derzeit übrig: der frühere Gefängnisseelsorger, ein pensionierter Universitätslehrer und ein Rentner aus Nebraska. Sie freuen sich auf das Treffen mit rund 200 Äbten der weltweiten Zisterzienser-Familie, die sie für Ende August eingeladen haben.

Von Alexander Brüggemann (KNA)