Gemälde: In einem schneebedeckten Dorf scharen sich Kinder um einen Jugendlichen mit sternförmiger Laterne.
Die Geschichte der Rituale am Heiligen Abend

Von drei Messen über Gaukeleien zur Bescherung

Der Heiligabend bildet in Deutschland den Höhepunkt des Weihnachtsfestes. Das war nicht immer so: Ein Papst forderte drei Messen und das Volk wollte sich zeitweise lieber im Wirtshaus einstimmen. Katholisch.de zeichnet die Geschichte der Bräuche an Heiligabend nach.

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 24.12.2015

Kaum ein Festtag ist so von Ritualen geprägt wie der Heilige Abend. Sogar ältere Menschen geraten ins Schwärmen, wenn sie davon erzählen: von der langen Wartezeit in der Kirchenbank, bevor die Kinderchristmette in der zum Bersten vollen Kirche begann; vom Treffen vor dem Kirchenportal mit Nachbarn und Bekannten, um einander ein frohes Fest zu wünschen; vom Glockengeläut per Schallplatte, das den Auftakt der Bescherung bildete; von der Glückseligkeit beim Auspacken der Geschenke. Die beiden folgenden Weihnachtstage waren geprägt von Besuchen, Festessen, vom Spielen mit den neuen Sachen. An diesen alten Ritualen hat sich in vielen Familien bis heute fast nichts geändert. 

Drei Messen an einem Tag

Familien-Wohnzimmer und Heiligabend – ein Gespann, das zusammen gehört. Das war nicht immer so. Seinen Anfang nahm Weihnachten – wie es sich für ein christliches Fest gehört – in der Kirche. Drei Messen müssten es sein, um die Geburt des Herrn angemessen zu begehen, stellte Papst Gregor I. im 6. Jahrhundert fest. Eine Pein fürs geplagte Volk, denn die meisten konnten weder lesen, noch Latein verstehen. Ab dem 11. Jahrhundert sann man deshalb auf Unterhaltsameres. Krippenspiele kamen auf, es wurde gesungen und musiziert – auch auf den Straßen. Die Krippenspiele endeten nicht selten in wilden Maskenumzügen. In den Wirtshäusern stimmte sich die Gemeinde mit reichlich Bier und Schnaps auf den Kirchgang ein.

Bild: © KNA

Drei Messen müssten es sein, um die Geburt des Herrn angemessen zu begehen, hielt Papst Gregor I. (um 540-604), fest.

In evangelischen Gegenden versuchte man, die Ausschreitungen durch ein Vorverlegen des Gottesdienstes in den Griff zu bekommen. Der preußische König ließ im Jahr 1711 gar die Kirchenoberen und das Volk wissen: "Da auf dem Christabend viel Gaukeley, Kinder-Spiel und Tumult getrieben wird, befehlen wir euch hiermit, die Christmette nicht des Abends, sondern des Nachmittags um 3 Uhr zu halten." Auch die Katholiken nahmen die Exzesse des Christabends ins Visier.

Der Vater als Hauspriester

Doch das Volk ließ sich davon nicht beeindrucken – und verlegte die geächteten weihnachtlichen Bräuche kurzerhand in die häuslichen Wohnzimmer. Die Exzesse wurden weniger, denn die Menschen fanden mehr und mehr Gefallen an häuslicher Besinnlichkeit.

Dies sah auch die Kirche mit Wohlwollen und lockerte die Bestimmungen. Die Christmette musste nun nicht mehr um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden stattfinden. Ihr Beginn wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr nach vorn verlagert. Längst finden in verschiedenen Gemeinden Christmetten ab 18 Uhr statt – Kinderchristmetten sogar noch früher.

Eine Mutter liest ihren Kindern vor dem Weihnachsbaum vor.

Das Vorlesen des Weihnachtsevangeliums, das gemeinsame Singen, Beten und Aufsagen von Gedichten läuten auch heute noch vielerorts den Heiligen Abend ein.

Der Beginn des Weihnachtsfestes am Heiligen Abend geht auf die Reformation zurück. Luther propagierte das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Der Familienvater diente als Hauspriester, der die Seinen zum Gebet anleitete und im Katechismus unterwies. Er las aus der Schrift und legte diese sogar aus. Eine Hausandacht am Heiligen Abend sollte evangelische Familien aufs Christfest einstimmen. Mit der Zeit übernahmen auch Katholiken diesen Brauch. Das Vorlesen des Weihnachtsevangeliums, das gemeinsame Singen, Beten und Aufsagen von Gedichten läuteten den Heiligen Abend ein.

Weihnachtlicher Gabentausch

Die Bescherung fand nicht immer am 24. Dezember statt, sondern zunächst am Morgen des ersten Weihnachtstages. So handhaben es die meisten Länder heute noch. In Deutschland verschob sie sich nach und nach auf den Heiligen Abend – in evangelischen Familien bereits im 19. Jahrhundert. Die Katholiken zogen allmählich nach. Der Brauch, zu schenken existierte aber schon bei unseren germanischen Vorfahren. Denn zum Überleben war es notwendig, Lebensmittel und knappe Ressourcen zu teilen. Im Kern ist das Schenken zu Weihnachten also ein Tauschhandel: Ich schenke – und bekomme etwas zurück.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden an Weihnachten nur Dienstboten beschenkt. Sie bekamen von ihren Dienstherren und –damen Kleidung und Schuhe – auch Stoff oder Leinen für die Aussteuer. Das Bescheren der Kinder beschränkte sich zunächst auf Äpfel, Nüsse und Lebkuchen. Erst im 19. Jahrhundert kam – mit dem wachsenden materiellen Wohlstand – der Brauch der Kinderbescherung auf. Mittlerweile ist der Heiligabend längst zum Hauptgeschenktag der Deutschen geworden.

Von Margret Nußbaum