Von Lâm Dong nach Nothgottes
Zisterzienser aus Vietnam sorgen für Neuanfang

Von Lâm Dong nach Nothgottes

An der dunkelbraunen Haustür ist ein weißes Blatt Papier in einer Plastikhülle befestigt, darauf steht "Chau son", darunter "Nothgottes" – nur zwei Worte, aber sie umfassen zwei ganz unterschiedliche Welten und erzählen von einem Neuanfang. Chau son ist der Name der Zisterzienserabtei in der Provinz Lâm Dong im Süden Vietnams, aus der vor genau einem Jahr sechs Priester und Laienmönche gekommen sind, um hier im Rheingau eine neue Niederlassung zu gründen.

Rüdesheim - 08.09.2014

In diesen Tagen sind ihnen weitere sechs Mönche gefolgt. Der neue Konvent soll den altehrwürdigen Wallfahrtsort Nothgottes, dessen Ursprünge auf das 14. Jahrhundert zurückgehen, wieder zu einem geistlichen Ort machen. "Unsere Türen sind offen", sagt der Prior, Pater Joseph Thanh Hai Tran (47), der freundlich und mit asiatischer Höflichkeit, die Hände aneinander gelegt, die Besucher empfängt.

Im schmalen Flur geht es gleich rechts zur Küche. An den blauen holländischen Wandfliesen hängt ein Plan – die Einteilung für den täglichen Küchendienst. Heute war Pater Joseph dran, Brokkoli und Kartoffeln hat er in den großen Töpfen zubereitet. Natürlich werde gerne auch Vietnamesisch gekocht, sagt er. Landsleute bringen dafür Reisnudeln, Fischsoße, frischen Koriander und andere typische Gewürze vorbei. Landsleute wie Minh Dong Vu, der das Gesagte übersetzt. Er kommt eigens dafür aus Mannheim, hat dort in seiner Gemeinde von den Mönchen aus der Heimat gehört und unterstützt sie jetzt mit großem Engagement.

Den Küchendienst teilen sich die Mönche. Heute war Pater Joseph an der Reihe. Er kochte Brokkoli und Kartoffeln.

Arbeit und Gebet

Seit sie zu zwölft sind, wird im großen holzgetäfelten Speisesaal gegessen. Auf dem Tisch steht ein Fläschchen Maggi zum Würzen der morgendlichen Nudelsuppe neben der Plastikdose mit Cornflakes und dem Brotkörbchen. Zum Frühstück um 7 Uhr "macht sich jeder, was er will", erklärt Pater Joseph die Vielfalt. Da sind die Mönche schon zweieinhalb Stunden auf den Beinen. Um 4.30 Uhr beginnen ihre Tage, strukturiert durch Gebet und Gottesdienst in der Kapelle, die an die Wallfahrtskirche anschließt.

Auch hier ist ein bisschen Vietnam mit eingezogen, erkennbar an den Buchrücken der Gebetbücher, die sie aus der Mutterabtei mitgebracht haben und die jetzt neben dem Gotteslob stehen. Zum Beten und Mitfeiern des Gottesdienstes, sonntags zum Beispiel um 8.10 Uhr, könne von außen jeder dazu kommen, betont der Prior. Kirche und Kapelle seien immer offen und teilweise werde auch schon in Deutsch gebetet.

Die schwere deutsche Sprache

Wie zum Beweis ist im Kreuzgang ein deutsches Kirchenlied zu hören: Der Gesang kommt aus der Bibliothek, die zum Klassenzimmer geworden ist. Vom 28-jährigen Bruder David bis zum 60-jährigen Altabt Ephrem, dem Ältesten der Gemeinschaft, drücken hier die Mönche noch einmal die Schulbank, um die größte Hürde ihres neuen Lebens anzugehen. "Uns gefällt es hier, aber die deutsche Sprache ist sehr schwer", fasst Pater Joseph sie in Worte.

Sprachlehrer Ralf Gotsche (r.) bringt den vietnamesischen Zisterziensern Deutsch bei.

Der zweiwöchige Intensivkurs kann da nur ein kleines Samenkorn sein, weiß Ralf Gotsche. Der Lehrer für "Deutsch als Fremdsprache" ist auf Vermittlung von Bruder Paulus Terwitte eigens aus Berlin gekommen und selbst mit Feuereifer bei der Sache. Er kennt aus seiner Tätigkeit für das Goethe-Institut Vietnam und ist als ehemaliger Kapuziner mit dem geistlichen Kontext vertraut, der ihm auch ganz besonders am Herzen liegt.

Im Alltag kommunizieren können

Der Unterricht beginnt und endet mit einem Gebet, dazwischen geht es ganz konkret um den Alltag: „Wortschatz und Aussprache“ nennt Gotsche als Schwerpunkte. Das ist schon an den Details rundum erkennbar: An allen möglichen Gegenständen kleben kleine beschriftete Zettel: "Die Zimmerpflanze" steht da auf dem Blumentopf, am Heizungsknauf hängt ein Schildchen mit der Aufschrift "Ventil". Selbst der Teppich ist beschriftet. Auf großen Unterrichtsblättern an der Wand ist "Herzlich willkommen" zu lesen und "Wie geht's?". Darunter steht jeweils die Lautschrift.

Er wolle dazu beitragen, dass die Mönche sprachlich offen auf andere Menschen zugehen könnten und die Hemmschwelle vor der fremden Sprache überwinden, erklärt der Sprachlehrer und hat dafür mit seiner "Klasse" auch Ausflüge unternommen: ins St. Thomas Morus-Altenheim, zu den Franziskanern in Marienthal und den Ursulinen in Geisenheim. Es gebe deutliche Fortschritte, lobt er seine Schüler. Die wiederum "hoffen sehr auf eine Fortsetzung" des intensiven Unterrichts, wie der Prior nachdrücklich sagt.

Seit gut einem Jahr leben im Zisterzienserkloster Nothgottes bei Rüdesheim am Rhein wieder Mönche. Die Priester und Laienmönche stammen aus der Abtei Châu Son in der Provinz Lâm Dong im Süden Vietnams.

Deutsches Obst und vietnamesisches Gemüse

Draußen, im großen Garten, ist das neue Leben mit Händen greifbar. Die Mönche haben Bäume gepflanzt, Äpfel, Birnen, Kirschen. Die Früchte sollen den Speiseplan erweitern, die Stämme Schatten spenden. Himbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren sind bereits geerntet. In einem Beet wächst vietnamesisches Gemüse: Cải Cúc, die Speisechrysantheme. An den Kürbissen haben sich die Mäuse gütlich getan, dafür ist an den beiden Bienenstöcken in der warmen Spätsommersonne lebhafter Betrieb. Im letzten Jahr konnten immerhin schon 70 Kilo Honig geschleudert werden, berichtet Pater Joseph stolz.

Allein bleiben wollen die Mönche in der Idylle nicht, die ersten Anfänge dafür sind gemacht: Im Mai haben hier vietnamesische Katholiken einen großen Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert, Wallfahrer waren zu Gast, jetzt kommen vietnamesische Jugendliche zu Exerzitien. Nothgottes soll ein einladender Ort sein, wünscht sich der Prior, auch für die Gläubigen in der Umgebung. Nicht nur hier im Garten ist bereits jetzt schon etwas davon spürbar, was im Schaukasten am Eingang beschrieben ist: "Diese Wälder, diese Mauern und diese Erde, die Menschen, die hier leben, laden dich ein, das Beste deines eigenen Inneren zu erwandern."

Von Barbara Reichwein