Älterer Mann am Computer

Von wegen altes Eisen

Ich wäre gerne nach Turkmenistan gereist“, sagt Horst Metzger. Doch der pensionierte Schulleiter wird für einen Einssatz nach Rumänien gebucht. Zum sechsten Mal. Der gelernte Maschinenbauingenieur ist 68 Jahre alt. Vor seiner Pensionierung war er Schulleiter einer Münchner Berufsschule. Ein Manager schlechthin, der jeden Tag mit 120 Mitarbeitern plus Schüler zu tun hatte. Das war vor fast fünf Jahren.

Bonn - 31.01.2013

Seit drei Jahren schickt ihn der Senior Experten Service (SES) los. Das Netzwerk mit dem Sitz in Bonn organisiert einen Pool aus Fach- und Führungskräften im Ruhestand. Mit ihrem Know-how bringen sie Unternehmen kostenlose Hilfe zur Selbsthilfe. Je nach Wunsch in der usbekischen Brauerei – oder beim Spargelanbau in China. Oder in der rumänischen Schule, wo Horst Metzger beim Aufbau eines Ausbildungs- und Trainingsinstituts geholfen und die Lehrer trainiert hat.

Die rund 10.000 Senior Experten kommen aus allen Berufen. Sie stellen ihr Fachwissen und ihre Erfahrung ehrenamtlich zur Verfügung. "Sie sind Botschafter der deutschen Wirtschaft", sagt Klaus Mosch, der das SES-Büro in München leitet. Während ihre Einsätze die Zukunftsperspektiven der Menschen in etwa 160 Ländern verbessern, Arbeitsplätze auf der ganzen Welt sichern und Deutschland als Exportnation stärken können, wollen die meisten SES-Senioren gebraucht werden. Erfahrungsschatz gegen Anerkennung.

Erfahrungsschatz der Älteren

Erfahrungsschatz der Älteren - oft nur dahingesagt? Heute wird Älteren häufig vorzeitig gekündigt oder sie werden mit Abfindungen in den Vorruhestand verabschiedet. Doch mittlerweile ist die Trendwende da: Immer mehr Menschen über 60 sind noch berufstätig.

Eine neue Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Von allen arbeitsfähigen Senioren in Deutschland zwischen 60 und 64 Jahren sind im vergangenen Jahr 44 Prozent einer Arbeit nachgegangen oder hätten sich zumindest als Arbeitslose um einen Job bemüht. Noch vor 20 Jahren war die Erwerbsquote in dieser Altersgruppe nur halb so hoch.

"Die Betriebe werden gerade erst auf die Erfahrungen älterer Menschen aufmerksam", sagt Rudolf Tippelt. "Sie haben erkannt, dass immer weniger Jüngere nachkommen, aus denen sie rekrutieren können." Der Bildungsforscher von der Ludwig-Maximilian-Universität München beobachtet seit Jahren ein wachsendes Interesse der älteren Arbeitnehmer im Bereich der Weiterbildung. Dafür gibt es viele Gründe: Die einen wollen mitkommen und sich an die neuesten Entwicklungen im Betrieb anpassen, die anderen auf der Karriereleiter aufsteigen oder sich umorientieren und noch etwas anderes versuchen. "Erfahrungsschatz der Älteren ist kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern Realität."

Papst Benedikt XVI. winkt fröhlich den Gläubigen zu.
Bild: © KNA

Papst Benedikt XVI. winkt und begrüßt die Gläubigen.

Auf Lebenszeit berufen

In der katholischen Kirche, deren oberster Chef Mitte 80 ist, herrscht diese Realität seit Jahrhunderten. Priester und Bischöfe sind ihr Leben lang Seelsorger, Apostel. "Sie sind nicht auf Zeit beauftragt, sondern auf Lebenszeit berufen", sagt Eberhard von Gemmingen, früherer Leiter des Deutschen Programms von Radio Vatikan. "Nur können sie ihre Berufung meist nicht bis zu ihrem Tod ausführen." Aber die Oberhirten treten nicht einfach zurück. Mit 75 Jahren müssen die Bischöfe ein Rücktrittsgesuch einreichen. Das hatte Papst Johannes Paul II. erstmals überhaupt 1982 festschreiben lassen. "Der Papst steht unter keinem Gesetze, das Rücktrittsgesuch annehmen zu müssen", betont Gemmingen. Manchmal finde der Papst, dass ein Bischof, der seinen Rücktritt angeboten hat, noch gut weitermachen kann. Mitunter sei ein Wechsel im Bischofsamt gerade zu diesem Moment ungünstig für die Diözese. Außerdem finden manche Bischöfe auch Gründe, warum sie nicht zurücktreten sollten.

Auf dem Arbeitsmarkt dagegen haben die meisten, die mit 50 Jahren oder später entlassen werden, ein Problem. Wer einmal draußen ist, bleibt es oft. Die Zahlen der Bundesagentur verdeutlichen die schlechten Chancen in der Risikogruppe ab 50 plus: Sie sind im Schnitt 54 Wochen ohne Job, die unter 50-Jährigen 37 Wochen. In keiner Altersklasse ist die Arbeitslosenquote höher.

Wie kann man dem Alter auch in den weltlichen Berufen mit Würde begegnen? Jesuitenpater Gemmingen, 76 Jahre alt und seit 2010 in der Spendenzentrale der Gesellschaft Jesu in München tätig, gibt zu bedenken, wie schnell man nicht mehr kompetent in seinem Beruf sein kann. "In der allgemeinen modernen Welt hat sich eine Tendenz zur Beschleunigung durchgesetzt", sagt er. "Die Beschleunigung ist wirtschaftlich nützlich, aber für die Menschen manchmal schwer zu verkraften". Das sei in der Kirche anders. Für die spirituellen Aufgaben seien manchmal Ältere geeigneter als für technische, administrative, juridische.

Altersbilder verändern sich

Dass die meisten Unternehmen ältere Menschen künftig schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen besser einbinden müssen, das sagt auch der aktuelle Demografiebericht der Bundesregierung voraus. Zurzeit besteht die Bevölkerung etwa mit jeweils einem Fünftel aus unter 20-Jährigen und aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird jeder Dritte zur Generation Ü 65 zählen.

Bildungsforscher Tippelt, der an der LMU auch das Zentrum Seniorenstudium betreut, glaubt, dass sich die Altersbilder langsam verändern. Wenn sich ältere Menschen weiterbilden, lernen sie nicht nur aus Eigennutz und halten ihr Fachwissen up-to-date. "Sie wollen sich gesellschaftlich einbringen", betont Tippelt. Wer in die Gesellschaft aktiv integriert ist, wird jeden Tag herausgefordert. "So bleiben sie länger fit", sagt Tippelt.

Horst Metzger konnte in seinem Berufsleben für mehrere Jahre freigestellt werden, um etwa fünf Jahre im südlichen Afrika oder in den Emiraten zu arbeiten. Er spricht Englisch, Spanisch und etwas Französisch. Er hält sich auch körperlich fit und treibt dreimal in der Woche Sport. Sein Lebenslauf ist wie für den SES geschrieben. "Im Ausland zu arbeiten und danach mit neuen Perspektiven wieder in den Job zurückzukehren – das war ein Jungbrunnen für mich. Ich gab sehr ungern den Job auf."

Von Julia Walker