War der Kardinal ein Kollaborateur der Nazis?
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Erzbistum Paderborn startet Forschungsprojekt zu Kardinal Lorenz Jaeger

War der Kardinal ein Kollaborateur der Nazis?

Kardinal Lorenz Jaeger war ein Vorreiter der Ökumene und eine prägende Gestalt der Kirche in Deutschland. Aber war er auch ein Nazi-Helfer? Das Erzbistum Paderborn will dieser Frage nun nachgehen.

Von Sabine Kleyboldt (KNA) |  Paderborn - 04.09.2017

Über Jahrzehnte prägte der Paderborner Kardinal Lorenz Jaeger (1892-1975) die katholische Kirche. In den letzten Jahren gab es insbesondere um sein Verhältnis zum Hitler-Regime Kontroversen. Auch mit diesem Thema befasst sich ein neues Forschungsprojekt, das am Wochenende in Paderborn offiziell gestartet wurde. Geleitet wird es von der Paderborner Theologieprofessorin Nicole Priesching (44), Vorsitzende der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn. Näheres erläutert die Kirchenhistorikerin im Interview am Montag in Paderborn.

Frage: Frau Priesching, was macht Kardinal Lorenz Jaeger zum lohnenden Gegenstand der Forschung?

Priesching: Kardinal Jaeger war eine der prägendsten Gestalten des deutschen Katholizismus. Er war nicht nur von 1941 bis 1973 als Erzbischof lange im Amt und hat viele Umbrüche miterlebt, sondern besaß auch eine große Ausstrahlung und war ein mutiger Entscheider. Besonders bedeutsam ist sein Engagement für die Ökumene. Bereits 1957 gründete er das Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und war Mitinitiator und Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Zudem nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) teil, wo er sich häufig zu Wort meldete, und erlebte noch die Würzburger Synode (1971-1975). Insofern werden wir durch das Forschungsprojekt sowohl Aufschlüsse über die Entwicklung des Erzbistums Paderborn als auch Einsichten zur allgemeinen Kultur-, Zeit- und Kirchengeschichte gewinnen. Wir finden Jaeger auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Diese Vielschichtigkeit gilt es zu entdecken und darzustellen.

Frage: Jaeger wurde im Oktober 1941, also auf der Höhe des "Dritten Reichs" und des Zweiten Weltkriegs, Paderborner Erzbischof. Wie beurteilen Sie seine Haltung zum Hitler-Regime?

Priesching: In den letzten Jahren gab es zur Rolle Jaegers im Dritten Reich öffentliche Kontroversen, bei denen er mitunter als Nazi-Kollaborateur bezeichnet wurde. In Paderborn ist 2015 ein heftiger Streit um die Ehrenbürgerwürde für Jaeger ausgetragen worden. Die CDU-FDP-Mehrheit im Stadtrat lehnte einen Antrag auf Aberkennung schließlich ab. Anschließend aber erteilte Erzbischof Hans-Josef Becker der Theologischen Fakultät in Paderborn den Auftrag, die Rolle des Kardinals im Nationalsozialismus wissenschaftlich zu erforschen. Unser Forschungsprojekt wird die Erkenntnisse aus diesem ersten Projekt aufnehmen können und in den größeren Kontext seiner Biografie einordnen. Warten wir also ab, was dabei herauskommen wird.

Frage: Hat Ihr Projekt auch etwas mit dem 125. Geburtstag von Kardinal Jaeger am 23. September zu tun?

Priesching: Nein, äußerer Anlass und bedeutende Grundlage des Forschungsprojekts ist die Tatsache, dass der Nachlass des Kardinals inzwischen verzeichnet und nutzbar ist. Das Erzbischöfliche Diözesanarchiv hat hier eine riesige Menge an Archivalien geordnet und zugänglich gemacht. Etwa 70 Regalmeter warten darauf, gesichtet und ausgewertet zu werden. Dies ist nur mit vereinten Kräften sinnvoll möglich.

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Das Verhältnis der Kirche zum Nationalsozialismus war uneinheitlich und zahlreichen Schwankungen unterworfen. Die Diktatur des Hitler-Regimes bedeutete auch für die Kirche eine Zeit schwerer Konflikte.

Frage: Wie läuft das Forschungsprojekt konkret ab?

Priesching: Wir haben insgesamt über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewonnen, die am Projekt beteiligt sind. In den nächsten fünf Jahren wird es immer Ende August/Anfang September eine Fachtagung in der Katholischen Akademie Schwerte geben, auf der Jaeger unter einer bestimmten Perspektive behandelt werden soll. Für jede dieser Fachtagungen konnten jeweils mindestens zwölf Referenten für einzelne Vorträge gewonnen werden. Es sind aber grundsätzlich immer alle Mitarbeiter zu den Tagungen eingeladen, so dass eine fortlaufende Diskussion geführt werden kann und das Projekt den Charakter eines Arbeitskreises annimmt, der auch für weitere Interessierte offen ist. Der wissenschaftliche Austausch soll interdisziplinär und transparent erfolgen.

Frage: Worum ging es bei der Eröffnungstagung, die jetzt in Paderborn stattfand?

Priesching: Wir sind auf den Spuren Jaegers durch die Stadt gegangen, haben Zeitzeugen gehört, waren im Diözesanarchiv zu Gast, wo wir in den Nachlass Jaeger und dessen Benutzung eingeführt wurden. Wir haben uns in fünf Arbeitsgruppen - den Fachtagungen entsprechend - zusammengesetzt und sind in einen ersten Austausch über Themen und Fragestellungen gekommen. Zudem konnten wir Filmmaterial zu Kardinal Jaeger aus Archiven ansehen.

Frage: Von wem ging die Initiative zum Projekt aus?

Priesching: Von der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn, deren Vorsitzende ich seit Anfang des Jahres bin. Das Erzbistum finanziert das auf insgesamt sechs Jahre angelegte Vorhaben. Die Beiträge der Fachtagungen sollen jeweils in einem Tagungsband publiziert werden.

Frage: War es schwierig, Wissenschaftler dafür zu gewinnen?

Priesching: Nein, gar nicht. Die Bereitschaft zur Teilnahme war erstaunlich groß; von den 45 Anfragen, die wir an externe Forscher gestellt haben, wurden 40 positiv beantwortet. Vertreten sind vor allem Kirchenhistoriker, also Theologen, sowie Kolleginnen und Kollegen aus der Geschichtswissenschaft, aber auch Wissenschaftler aus anderen Disziplinen wie Liturgiewissenschaft, Kirchenrecht, Kunstgeschichte oder Mediengeschichte. Am Ende des Projekts hoffen wir, eine wissenschaftlich kompetente, interdisziplinäre und dem öffentlichen Interesse Rechnung tragende Aufarbeitung des Lebens und Wirkens Kardinal Jaegers bieten zu können.

Von Sabine Kleyboldt (KNA)