Behandschute Hände massieren den Nacken einer kahlköpfigen Frau.
Über den Stand der Palliativversorgung an katholischen Krankenhäusern

Was ist würdevolles Sterben wert?

Im Interview berichtet Bernadette Rümmelin vom Katholischen Krankenhausverband über schwierige Budgetverhandlungen und erklärt, wie sich das Reden über den Tod ändert, sobald Menschen selbst betroffen sind.

Von Gabriele Höfling |  Berlin - 25.11.2016

Vor kurzem hat der Katholische Krankenhausverband (KKVD) ein Papier unterzeichnet, das eine umfassende und würdevolle Betreuung sterbender und schwerstkranker Menschen in den einzelnen Kliniken ermöglichen soll. Auch weitere Gesundheitsorganisationen, Pflegeeinrichtungen, ambulante Hospizdienste, Kommunen und Experten richten sich nach den "Handlungsempfehlungen im Rahmen der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland". Im Interview berichtet Bernadette Rümmelin, Sprecherin der Geschäftsführung des KKVD, über den Stand der Palliativversorgung in den katholischen Krankenhäusern und erklärt, warum der Tod für sie kein Tabu ist.    

Frage: Die Kirche setzt sich für ein würdiges Lebensende ein. Die katholischen Krankenhäuser müssten also Vorreiter in der Palliativversorgung sein. Wie sieht die Realität aus?

Rümmelin: Der Anspruch, Menschen am Ende ihres Lebens würdig zu begleiten, leitet sich in der Tat  aus unserem Selbstverständnis ab. In seiner Enzyklika "Deus Caritas Est" hat Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 eindringlich beschrieben, wie wichtig auch die in festen Strukturen organisierte christliche Nächstenliebe - die Caritas - ist. In den katholischen Krankenhäusern ist dies im Bereich der Sterbebegleitung schon an vielen Orten verankert. Das reicht von der Zusammenarbeit mit ambulanten Hospizdiensten über einzelne besonders qualifizierte Mitarbeiter bis hin zu einer eigenen Palliativstation. So haben wir bereits vor zwanzig Jahren mit unserem Konzept "Spes Viva" im Krankenhaus St. Raphael in Ostercappeln erste Palliativzimmer inmitten der üblichen Krankenhausstationen eingerichtet, um das Sterben in den Klinikalltag zu integrieren. In Zahlen gesprochen ist in 304 katholischen Akutkliniken bereits Palliativkompetenz vorhanden, davon unterhalten 130 katholische Krankenhäuser stationäre Palliativeinheiten, 53 verfügen über sogenannte Palliativ-Care-Teams.

Bernadette Rümmelin im Porträt
Bild: © KKVD

Bernadette Rümmelin ist die Sprecherin der Geschäftsführung des Katholischen Krankenhausverband Deutschlands.

Frage: Das klingt ja fast so, als seien die christlichen Krankenhäuser schon perfekt ausgestattet, was die Palliativversorgung angeht...

Rümmelin: Ganz so ist es noch nicht, wir haben in vielen Bereichen  Entwicklungspotenzial. Noch gibt es nicht in allen katholischen Kliniken eine eigene Palliativstation. Sterbebegleitung ist übrigens nicht nur deren spezielle Aufgabe. Sie findet ja auch in anderen Abteilungen statt: In der Kinderheilkunde, der Inneren Medizin und in den chirurgischen Abteilungen. Wir müssen deshalb prioritär in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investieren und interdisziplinäre Palliativ-Care-Teams zusammenstellen, die Menschen stationsübergreifend mit palliativer Kompetenz behandeln können. Das ist dann wiederum eine Entlastung für die Stationsärzte, die noch nicht in der Palliativmedizin weitergebildet sind. Außerdem müssen wir die Krankenhäuser noch  stärker mit den Hospizen und der ambulanten Palliativversorgung vernetzen. Wir stecken noch mitten in diesem Prozess.   

Frage: Ob die Menschen am Ende ihres Lebens ausreichend palliativ versorgt werden, ist sicher auch eine Frage des Geldes...

Rümmelin: Für eine solide Finanzierung eröffnet das Palliativ- und Hospizgesetz, das 2015 verabschiedet wurde, den Krankenhäusern schon einige Wege. So können Palliativstationen unter bestimmen Voraussetzungen beispielsweise Musiktherapeuten, Logopäden oder Physiotherapeuten in ihr Team integrieren. Idealerweise müsste die palliative Versorgung in Krankenhäusern als verbrieftes Leistungselement gesetzlich garantiert sein. Daraus ließe sich dann auch ein umfassender Finanzierungsanspruch ableiten. Heute muss häufig noch hart verhandelt werden: Ist die Sterbebegleitung eine medizinisch-therapeutische Leistung oder doch soziales Engagement? Sterben ist ja keine Krankheit, die noch geheilt werden kann. Am Ende des Lebens ist die größte Leistung, die ich einem Menschen noch geben kann, die Begleitung durch einen Mitmenschen. Dazu braucht es aber kein großes medizinisches Behandlungskonzept. Es hört sich zwar nicht sehr pietätvoll an, aber in den Budgetverhandlungen der Krankenhäuser mit den Kostenträgern geht es genau um dieses Thema: Kann es sich das Krankenhaus leisten, den Menschen bis zu seinem Tod zu begleiten?

Charta zur Betreuung sterbender und schwerstkranker Menschen in Deutschland

Der Katholische Krankenhausverband (KKVD) hat kürzlich die "Handlungsempfehlungen zur Charta zur Betreuung sterbender und schwerstkranker Menschen in Deutschland" unterzeichnet. Die Charta wurde vor elf Jahren federführend vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband, der Bundesärztekammer und der deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin initiiert. Sie soll die Debatte zu beflügeln, wie die Gesellschaft mit Sterben und Tod umgehen will. Neben der Diskussion auf gesellschaftlicher Ebene ging es aber auch darum, das Thema in die einzelnen Krankenhäuser und Altenheime hineinzutragen. Inzwischen haben viele Kommunen, Kliniken, aber auch Einzelpersonen die Charta unterzeichnet. Die Handlungsempfehlungen sollen den Krankenhäusern nun konkret helfen, flächendeckend eine würdevolle Sterbebegleitung zu organisieren.

Frage: Inwieweit können auch katholische Krankenhäuser "Kirchorte" sein, wo der Glaube weitergegeben wird?

Rümmelin: Das waren sie aus meiner Sicht immer schon. Schauen Sie sich die Geschichte der Krankenhausversorgung an. Die ersten Kliniken entstanden aus dem Anliegen der Pflegeorden, sich um Arme und Kranke zu kümmern. Diese ureigene Aufgabe ist den Glaubensgemeinschaften bis heute geblieben. Und wo kann Nächstenliebe mehr Raum gewinnen als im Umgang mit einem sterbenden Menschen, dem ich Zeit schenke und dem ich mit Würde begegne?

Frage: Gerade begehen wir den Totenmonat November. Tod und Sterben scheinen die letzten Tabuthemen in der Gesellschaft. Warum? 

Rümmelin:  Ich sehe Tod und Sterben nicht als Tabus. Die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt. Gerade im vergangenen Jahr ist die Debatte geradezu kulminiert. Die Bundesregierung hat zwei Gesetze verabschiedet - das zur Sterbehilfe und das Palliativ- und Hospizgesetz. Das Thema war in den Medien sehr präsent, viele haben sich dazu eine Meinung gebildet, inzwischen füllen auch immer mehr Menschen eine Patientenverfügung aus. Allerdings waren manche Debattenbeiträge doch irritierend. Man kann in einer abstrakten politischen Diskussion leicht das Recht betonen, autark zu entscheiden, wann das eigene Leben endet - möglicherweise auch dann, wenn der Mensch noch nicht so sehr leidet. Nach meiner Erfahrung ändert sich diese Einstellung aber oft, sobald ein Mensch in seinem Umfeld persönlich mit dem Sterben konfrontiert ist. Dann kann es sogar bereichernd sein, Leid zu ertragen, weil ein Mensch dadurch die Unterstützung und Liebe seiner Umgebung und engsten Familie nochmal ganz anders erfährt. Eine solche Grenzerfahrung kann man nur schlecht rational umfassend vordenken.

Von Gabriele Höfling

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