London - Big Ben und Parlament
In Großbritannien ist eine Frage darüber entbrannt, wie christlich das Land noch ist

Weiches Credo, harte Debatte

Eigentlich wollte der britische Premier David Cameron doch zu Ostern nur ein paar konservative Wähler zurückgewinnen. Ein Glaubensbekenntnis - oder zumindest ein Bekenntnis zum christlichen Großbritannien - schien vor den Europawahlen Ende Mai ein geeignetes Mittel, den rechtspopulistischen Euroskeptikern um Nigel Farage etwas von ihrem starken Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch nun hat Cameron eine Debatte, um die religiöse Identität Großbritanniens ausgelöst.

Bonn/London - 28.04.2014

Camerons moderat gefasster Gastbeitrag in der anglikanischen Wochenzeitung "The Church Times" hat eine harte politische Kontroverse ausgelöst, die auch dem Regierungschef selbst vor die Füße gefallen ist. Der Premierminister hatte am Gründonnerstag unter dem Titel "Mein Glaube an die Kirche von England" die Christen ermuntert, auch in diesen säkularen Zeiten "selbstbewusster" zu sein mit Blick "auf den christlichen Charakter unseres Landes, engagierter in der Ausweitung der Rolle religiöser Organisationen" und "evangeliumsgemäßer in einem Glauben, der uns antreibt, hinauszugehen und das Leben der Menschen zu verändern".

Offener Brief an den Premierminister

Sich selbst beschrieb der 57-Jährige dabei als "ziemlich klassisches" Kirchenmitglied. Mit regelmäßigem Kirchenbesuch und einigen Glaubensaussagen tue er sich schwer, räumte er ein, aber: "Ich mag ihre Offenheit, achte zutiefst ihre nationale Rolle, schätze ihre Liturgie und die Architektur und das Kulturerbe ihrer Gotteshäuser." Damit dürfte Cameron zwar nicht allzu weit vom konservativ wählenden Durchschnitts-Anglikaner entfernt sein - was ja durchaus seine Zielgruppe gewesen sein dürfte. Dennoch war der Widerstand massiv.

Schon am Ostermontag veröffentlichten 56 Prominente aus Wissenschaft, Kunst und Medien in der renommierten Tageszeitung "Daily Telegraph" einen Offenen Brief. Prominentester Unterzeichner war der Bestsellerautor Ken Follett ("Säulen der Erde"). Großbritannien als ein "christliches Land" zu charakterisieren, sei "nicht hinnehmbar", heißt es darin. Selbst wenn auch der Regierungschef ein Recht auf seine religiöse Überzeugung habe, schade er mit einer solchen These Politik wie Gesellschaft. Die meisten Briten verstünden sich heute nicht mehr als Christen .

Der Premierminister von Großbritannien, David Cameron.

Auch der Erzbischof bezog Stellung

Die Verfasser verweisen auf eine pluralistische britische Gesellschaft, die - auch das Teil ihrer kolonialen Tradition - Angehörige anderer Religionen wie Muslime, Hindus, Sikhs und Juden, aber auch viele explizit Nichtreligiöse oder gar Atheisten wie den Biologen Richard Dawkins zu ihren Bürgern zählt. Gleichwohl räumen die Autoren ein, dass England "im strengen Verfassungssinn" noch eine Staatskirche habe.

Tatsächlich ist der englische König seit der Reformation weltliches Kirchenoberhaupt. Nichtanglikaner sind von der Thronfolge ausgeschlossen, und anglikanische Bischöfe sind geborene Mitglieder im britischen Oberhaus und damit auch Gesetzgeber.

Der Primas der anglikanischen Staatskirche, Erzbischof Justin Welby von Canterbury, nahm gar so differenziert Stellung, dass die einen Zeitungen schrieben: "Welby: Großbritannien ist ein christliches Land", andere aber: "Welby: Großbritannien ist kein christliches Land". Die Zahlen zum Kirchenbesuch, so der Erzbischof, legten jedenfalls Letzteres nahe. Dessen Vorgänger als Primas, Lord Rowan Williams of Oystermouth, sprach im Interview des "Sunday Telegraph" von einem "postchristlichen Land". Großbritannien sei "keine Nation von Gläubigen" mehr - und ein Fortschreiten dieser Tendenz sei eher wahrscheinlich.

Wunsch nach Trennung von Staat und Kirche

Den jüngsten Höhepunkt der Debatte setzte Camerons Vizepremier, der Chef der mitregierenden Liberaldemokraten, Nick Clegg. Er wünschte sich in einem Radiointerview nicht weniger als eine Entflechtung von Staat und Kirche und einen Verzicht der Queen auf ihre kirchliche Rolle. Clegg, ein verheirateter Atheist, erklärte, es wäre trotz der unbestrittenen historischen wie gegenwärtigen Verdienste des Christentums "besser für die Kirche, besser für die Gläubigen und besser für Anglikaner, wenn Kirche und Staat jeweils auf ihren eigenen Füßen stehen".

Eine solche Stoßrichtung dürfte nicht wirklich das sein, was sich Cameron von seiner Initiative erhofft hatte. Am Ende wirkt die Debatte aber ein wenig wie der Streit um des Kaisers Bart - hat doch niemand die Frage beantwortet, was denn eigentlich ein "christliches Land" ist. Doch zumindest eines, in dem, wie auch Cameron betont, "die Toleranz, die das Christentum fordert, auch anderen Religionen mehr Raum lässt" - und eben auch den Nichtreligiösen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)